Vernichtung

Inhalt: beziehungen, emotionale gewalt, sexualisierte gewalt, sprache, community

Letztens kam ich im Internet wieder auf die Seiten meines ehemaligen queeren Lieblings-Pärchens. Sie hatten ihre Beziehung sehr offen ausgelebt auf ihren Tumblr-Blogs und als es endete, passierte dies auch sehr öffentlich. Mir tat es leid um sie, aber ich freute mich weiterhin über sie zu lesen und wie sie ein neues Leben woanders und mit anderen Menschen aufbauten. Dann las ich aber über weitere Verwicklungen: wie sie sich emotionale Gewalt vorwarfen, das Kopieren von den eigenen Inhalten für veröffentlichte Artikel und Stalking. Da ich mit keinem von ihnen persönlich bekannt bin, kann ich dazu gar keine Aussage machen. Wie es tatsächlich um die Beziehung stand, wissen vermutlich die zwei Personen gut und ich wünsche mir sehr, dass die vielleicht gegenseitige, vielleicht auch einseitige gewaltvolle Behandlung entdeckt und aufgelöst wird und die betroffene Person heilen kann. Das soll hier auch gar keine »Bestimmt sind beide Schuld«-Geschichte sein.

Ich weiß nur, dass ich begann an meine eigenen Beziehungsgeschichten und ihr Ende nachzudenken. Ich hatte drei sehr beschissene Geschichten laufen gehabt, dreimal war es was mit Polyamorie, dreimal benahmen sich die Leute einfach scheiße, übergriffig, logen oder mackerten. Ich sezierte jede der Beziehungsverläufe auf ihre Dynamiken, auf einzelne Gespäche und Worte, ich fand wo Menschen schlechtes taten, ich benannte es. Es war befreiend.

Vor fünf Jahren hatte ich einen sexualisierten Übergriff erlebt wo ich nicht die Worte hatte, zu benennen was passierte. Gerade weil ich weiß wie das war, erstaune ich immernoch angesichts dessen, dass es eine bestimmte Wortwahl braucht, damit Leute … mir glauben. Es ist das eine ob ich vor mich hin stammele: „Er sagt so komische Dinge“ oder ob ich sagen kann: »Das war Gaslighting. Er gibt mir das Gefühl, ich kann die Realität nicht wahrnehmen.«

Das erlebt zu haben, ließ mich entdecken, welche Macht Worte haben. Zu begreifen, hier passiert etwas nahezu Absurdes; Menschen trauen dir zu die Wahrheit zu sagen, weil du ein fancy Wort benutzt hast … Wir brauchen Worte um zu beschreiben was passiert und dennoch trauere ich um all die Menschen, die diese Worte nicht kannten oder die sie brauchten, damit ihnen geglaubt wird.

Was aber noch dazu kommt ist die Angst: Was ist, wenn ich alles nur noch in diesen Begrifflichkeiten verstehe? Wenn ich Beziehungen, die schief laufen, nur noch in Begriffen von „abuse“ verstehen und erklären kann. Weil ich glaube, ich kenne all die Worte die ich brauche. Weil ich andere Dimensionen nicht ergreifen kann: weil ich sie vielleicht nicht ergreifen will, weil es zu schmerzhaft ist, nicht geliebt zu sein. Viele Beziehungen enden, weil die Menschen in ihnen etwas anderes wollen oder brauchen.

Ich hab Angst vor meinem eigenen Willen zur Vernichtung, wenn es darum geht nicht geliebt zu werden. Es geht mir gar nicht so sehr um das was andere Leute über eine Beziehung sagen oder denken, sondern v.a. die Tatsache, mich selbst darin zu belügen. Der vielleicht drohenden Erkenntnis aus dem Weg zu gehen: Ich habe auch Mist gebaut. Oder: Ich habe keinen Mist gebaut, aber – ich war der anderen Person nicht genug.

Oder vielleicht versuchen wir herauszufinden, welche Gründe legitim sind, eine Person verlassen zu dürfen, weil wir nur »Er hat mir xy angetan« als Verlassensgrund kennen und nicht »Ich will einfach nicht mehr mit ihm zusammensein«.

Zwei Seiten einer Medaille! ist eine giftige Phrase und darum gehts mir hier nicht. Denn: Es gibt emotionale Gewalt, physische Gewalt in Beziehungen, und sehr oft ist sie einseitig und sehr oft wird diese Phrase benutzt, um der betroffenen Person nicht glauben zu müssen.

Mir geht es darum mich selber zu fordern tiefer zu verstehen was eine Beziehung scheitern ließ. Mir geht es um eine Dimension in meiner emotionalen Entwicklung, von der ich oftmals nur alleine weiß. Mir geht es darum, vor mir selber gerade stehen zu können, zu wissen, wann ich mich selbst belügen möchte, nicht weil ich nicht die Wahrheit sage über jemanden, sondern weil ich bereit wäre, *nur* diese Geschichte immer und immer zu wiederholen um meinen eigenen Schmerz zu übertönen.

Statt zu entdecken, dass es nicht das Ende der Welt ist, nicht geliebt zu werden.

Letztens schrieb ich darüber im Privat-Account und Ezra schickte mir heute diesen Kommentar von duaecat auf dem Blog von Captain Awkward (eine sehr empfehlenswerte Ratgeberinseite):

There’s a tendency to want to frame things as facts “They’re Too Needy” “I’m Too Distant” but you need to replace last two words that got dropped off of the phrase”…for me/them.”

It’s not perfect, but if you can head off the jerkbrain of “They said they were too busy, but they’re not too busy for Someone Else” “She said she hated short guys but he’s 6 inches shorter than I am!” where you frantically try to find some airtight logical Reason they were Wrong to drift away from you and you can just point out how illogical they are and ‘win’ somehow. But this is a horrible deception and try to avoid indulging it as much as you can.

Ängste und wie ich manchmal mit ihnen umgehe.

Inhalt: Anxieties/chron. Angstzustände, Universität, Öffentlichkeit

Es ist fast neun Uhr gerade und ich trinke Kaffee und bemerke meine schleichende Angst vor dem was kommt: Rausgehen, in die Universität gehen und unter Student*innen sitzen.

Die Gefühle: Angst vor draußen, das Gefühl angestarrt zu werden, fremd sein, überwältigt emotional zu sein, während gleichzeitig etwas in mir langsam aber sicher zerquetscht wird.

Mir fällt ein, wann meine Anxiety mal etwas nachließ: Als ich einen Vollzeitjob hatte. Ich glaube das hängt damit zusammen, mich mehr »berechtigt«, »legitimer« zu fühlen, zielbewusst; ich schwankte nicht mehr zwischen den anderen Passant*innen; nein es sollte ja wo hingehen. Vielleicht hat es auch was mit der Aussage »Nur wenn du was tust, bist du wer (und was wert)« zutun. In der Universität ist aber wieder die Ziellosigkeit da. Es fehlen direkte Beziehungen zu meiner Umgebung, Menschen, die mich hineinbringen. Die weiten Flure und hohen Mauern verstärken das Gefühl des Fremdseins. Student*innen die eine Selbstverständlichkeit ausstrahlen; weil schon Mama und Oma in diesem Gebäude (oder anderen) waren.

Meine Versuche mit meiner Angst umzugehen, bestehen aus folgendem:

Auf der einen Seite ist der theoretische Kram. Ja, die Uni IST dazu da, mich so zu fühlen, denn jemand wie ich sollte gar nicht an der Universität sein. Die Uni ist ein Institut, das gezielt wählt, wer aufsteigt und der Rest verliert sich im Punktesystem und der überbordenden Bürokratie.

Bla bla. Es ist natürlich ein Privileg, überhaupt an die Uni zu kommen. Ich bin nicht das subversive Element hier, das als einziges Wissen nutzen kann ohne mitteilzuhaben am Ausschluss anderer. Ich will vor allem überleben und irgendwann das Geld verdienen um wenigstens die Grundlebenskosten zu decken.

Auf der anderen Seite versuch ich mich also an praktischen kleinen Helfern, den Stress in der Öffentlichkeit zu überstehen, die Ängste zu überwinden oder zumindest abzumildern. Ich sammel solche Tipps auch und wenn ihr weitere habt, könnt ihr sie gerne in die Kommentare schreiben.

Was hilft (manchmal):

– Regelmäßigkeiten (morgens rechtzeitig aufstehen und genug Zeit haben um auch ein wenig zu trödeln; einen festen Bezugspunkt, also zB den Kaffee haben, ihn in Ruhe trinken können, duschen)

– Ablenkungen. Manchmal hilft Musikhören in der Bahn und auf der Straße. Manchmal macht mich aber das Gefuchtel mit dem Ohrenstöpseln so nervös, und dann frag ich mich wie laut mein Sitznachbar die Musik hört, usw, dass es nicht funktioniert und ich die Musik wegpacken muss. Ebenso mit dem Handy spielen. Die meiste Zeit überleg ich nervösierend ob die Nachbarin nun aufs Display schaut oder nicht, und wenn ja, dann stecke ich das Handy mit einem passivagressiven Seitenblick in die Tasche. Vermutlich bilde ich mir da eh alles ein, aber mit meiner Anxiety hat es nunmal dieselben Konsequenzen als ob es real wäre. Bei Büchern denke ich immer: Wenn die anderen es mitlesen, sollte es vielleicht nicht »Bi: Notes For a Bisexual Revolution« sein. Und dann übertreib ich gleich und stecke Kafka ein und langweile mich dann zu Tode.

– Fantasie. So jetzt kommen wir zu einem Thema, das ich lustig und angenehm finde. Ich bilde mir eine Menge ein und zwar sehr bewusst. Als Kind fantasierte ich mir auf langen Autostrecken Freunde vom Mars herbei, die auf der Leitplanke Schlittschuh fuhren und sogar Preise gewannen (und oh die Liebesgeschichten untereinander!). Jetzt wo ich erwachsen bin, wurde Fantasie wieder herausgekramt als Notwendigkeit um das bedrängte Herz zu beruhigen, zB sitzend neben einem Breitmachmacker, oder die Tasche wegzerrend unter ner Dame, die sich einfach draufsetzte. Als ich Christin war, mussten diese Bilder natürlich irgendwie göttlich angehaucht sein, denn ich verlasse mich. ja nur. auf Gott!!! Well, that changed. Hier also einige neue Bilder: zaubern können! Die Straße runterlaufen und Leute verfluchen, yay. Oder Schutzschirme herbeizaubern. Vielleicht auch nur ein ganz enges, v.a, wenn wieder viele Leute rempeln. Etwas weiteres, was mir half: Ich spiele in einem Rollenspiel mit (Pen und Paper) und bin dort u.a. eine sehr massive Kriegerin; wem Talislanta vertraut ist: Ich bin eine Thrall-Kriegerin und ich hab fünf verschiedene Waffen und neben mir läuft mein noch viel fetteres Reittier, eine Echse namens Micki. Ich hab schon im Rollenspiel selber realisiert, wie befreiend es ist nur allein schon in der Fantasie soviel Raum einzunehmen wie mein Thrall, und wie toll es war, mich beinah allein gegen die ganzen bösen Fieslinge zu erwehren, und wie wirksam jeder Schlag war, bäääm. Und wenn ich mir vorstelle, dass Micki neben mir sich in die Eingangshalle der Universität zu quetschen versucht, dann ist das schön und irgendwie befriedigend. Ich lese dazu in letzter Zeit mehr zu Hexen, weil mich das Bild der Hexe (irgendwie auch eines der Ideale von White Feminism oder) sehr fasziniert. Und es ist interessant immer wieder darüber zu lesen, wie viele irgendwelche »spells« machen um gegen Anxiety, soziale Ängste und Phobien anzugehen. Ich glaub es macht sehr viel mit uns, wenn wir uns Räume schaffen, in denen wir aktiv in unsere Umgebung einzugreifen versuchen. Es macht diese Umgebung weniger fremd und beängstigend, wenn wir Teil an ihr haben und Teile von uns in ihr zurücklassen.

– Vernunft. Ja, ich versuche es auch mit Vernunft. »Die Menschen wollen auch nur alle nach Hause«, »Vielleicht ist sie einfach genervt«, »vermutlich gehts den anderen ähnlich« und so weiter. »Er meint es nicht so« ist auch ein Liebling. Das Problem ist, dass ich meistens weiß, dass es stimmt, aber es beruhigt mich nicht. Ich vermute, es liegt daran dass »Vernunft« in meiner Vergangenheit zusehr die Stimme von Erwachsenen waren, die Gaslighting mit meinen Problemen und mir betrieben haben. »Du bildest dir das alles ein«, »ach du spinnst«, »beruhig dich mal«. Herauszufinden, dass ich Recht hatte und auseinanderzufriemeln, wo mich andere ruhigstellen wollten mit ihren Aussagen, war befreiend für mich. Doch die eigene Vernunftsstimme klingt manchmal ähnlich. Und wenn ich Angst habe, hilft mir das Wissen nicht weiter, dass mich niemand angreifen will. Ich muss an mein Gefühl heran und dieses beruhigen. Ich muss an die Grundfesten meiner Person heran und diese stabilisieren. Ich brauch einen emotionalen Zugang zu meinen Ängsten.

– Düfte. Ich hab von meiner Freundin ein Lavendelkissen geschenkt bekommen und meine Mitbewohnerin hat mir ein Lavendelduftöl gegeben. Mir hat es super gutgetan und ich habe mich sehr entspannt und konnte am selben Tag mehrere fremde Menschen ansprechen und habe mir sogar ne Art Uni-Bekannte gemacht, bei der ich sitzen kann und die sehr nett ist. So: Lavendel ist toll, und es aktiviert auch ganz andere Bereiche in mir, als es Vernunftgedanken je tun konnten.

– Therapie. Ich versuche an Therapie zu kommen, aber der Gedanke, das erste halbe Jahr damit zu verbringen, der Therapeutin ein bisschen Verständnis für intersektionelle Themen näherzubringen und dafür nichtmal bezahlt zu werden, ist nicht gerade der größte Ansporn.

Dies soweit erstmal :) Euch einen schönen Mittwoch!

Wie es mir geht.

Inhalt: Depression, Diät(en), PCOS, Armut

Ein Jahr nun in der Hauptstadt, dies sind meine Eindrücke:

laut
Jesus ist es laut
oh warte das Fenster ist offen

oh shit, es ist zu und IMMERNOCH laut

Mir gehts gut. Ich habe mir gestern einen sehr würzigen mehlfreien Kuchen gebacken, der eine Mischung ist aus dem hier und diesem Keksrezept. Mein Herz schlägt immernoch ganz froh. Draußen ist ein wunderschöner Herbsttag mit Sonne, Wind und einer Vogelclique, die den Nachbarbalkon unsicher macht.

Seit Januar 2013 versuche ich mich, wegen verschiedenen Erkrankungen, u.a. PCOS, kohlenhydratarm zu ernähren. Ich twittere unter #diettalk hin und wieder darüber. Ich würde auch gerne mal einen Blogpost dazu schreiben; weil das Thema sehr wichtig für mich geworden ist. Es gibt in der feministischen Sphäre nicht viel Raum darüber, wie über Diäten reden, wenn sie doch immernoch Alltag sind für einige (viele?) von uns; gerade auch die, die Erkrankungen haben.

Mein Zimmer ist wunderschön eingerichtet. Ich hab Vorhänge; ein gemütliches Sofa, ein großes Bett, ein großes Zimmer! Nachdem ich ein Jahr in Berlin in einer winzigen Bude verbrachte, gibt es in meinem Leben jetzt einfach auch mehr Licht; ja, diese natürliche Ressource und Kraftquelle.

Seit einem halben Jahr bin ich auch verliebt und in einer Beziehung, die mich sehr glücklich macht. Es ist meine erste richtige Beziehung und ich bin super aufgeregt. Gleichzeitig ist diese Beziehung auch sehr unaufgeregt, und wir machen all diese alltäglichen Dinge miteinander, und es ist sehr schön.

Ein bisschen Angst und Respekt habe ich vor den Wintermonaten. Das fehlende Licht stärkt meine Depression sehr. Ich habe auch oft Angst vor der Zukunft. Im Sommer habe ich versucht einen Job zu machen, in dem ich sehr schlecht behandelt wurde. Und jetzt fürchte ich, dass sich das in anderen Jobs wiederholen wird. Für mich zu bemerken: Ich werde wohl immer arm sein, war sehr erschütternd; und gleichzeitig habe ich nie etwas anderes angenommen. Außer in der Kindheit, wo es nur eine Realität gab: die der Mittelschichtskinder aus den Medien, also musste es doch auch meine Realität werden?

Euch einen schönen Montag noch.

Happy Bi/Pan Visibility Day. Wie ich meine Bisexualität erlebe.

Inhalt: Bisexualität, Monosexismus, evangelikale Gemeinde, Heterosexismus, sexualisierte Gewalt/Übergriffe, Sexismus

Meine Sexualität, mein Begehren, wie romantische Gefühle in mir ent- und bestehen, all das war für mich auch immer verbunden mit meinem Geschlecht, meinem Geschlechtererleben und meiner mich umgebenden Umwelt.
Die bisher tollste Definition für Bisexualität habe ich für mich bei Robyn Ochs gefunden:

I call myself bisexual because I acknowledge that I have in myself the potential to be attracted – romantically and/or sexually – to people of more than one sex and/or gender, not necessarily at the same time, not necessarily in the same way, and not necessarily to the same degree.

Übersetzung auf deutsch (von mir):

Ich nenne mich selbst bisexuell, weil ich anerkenne, dass ich in mir das Potential habe, mich romantisch und/oder sexuell angezogen zu fühlen zu Menschen mehr als eines Geschlechtes, nicht notwendigerweise zurselben Zeit, nicht notwendigerweise auf dieselbe Art, und nicht notwendigerweise mit derselben Stärke.

Ich mag die Definition, weil sie weit weg ist von einer binären Definition von Geschlecht (Mann/Frau), weil sie auch weit weg ist von anderen Klischees über Bisexualität: Du musst dich zu Menschen aller Geschlechtern gleich stark hingezogen fühlen ansonsten bist du „fake“, du musst vermutlich auch gleichzeitig in Menschen verschiedener Geschlechter verliebt sein und am besten mit ihnen zusammen sein, sonst kannst du ja nicht beweisen, dass du nicht gerade nur in einer „lesbischen Phase“ bist, wenn du z.B mit einer Frau zusammen bist. Und dabei vergisst die Definition nicht Menschen, die zB tatsächlich polyamor leben, verschiedene Beziehungsarrangements haben oder eben einfach nur neugierig sind und/oder ihre eigene Sexualität immer wieder als fluid erleben.

Gleichzeitig auch ein Shoutout zu all den biromantischen Menschen, die sich vielleicht begehrensmäßig nur zu einem Geschlecht hingezogen fühlen, aber romantische und intensive platonische Beziehungen zu Menschen anderer Geschlechter haben. Oder ihr seid asexuell und fühlt euch zu verschiedenen Geschlechtern romantisch hingezogen, träumt von oder lebt ein Miteinander, das von Liebe und Intimität geprägt ist und von euch nicht einfach „bloß“ Freund*innenschaft genannt werden will, gerade auch wenn eure Umgebung Freund*innenschaft generell abwertet und eure Freund*innenschaft_Beziehung nicht ernst nimmt.

Ich habe selber sehr lange diesen Begriff für mich nicht angenommen. Grund sind alle Klischees, die ich über Bisexualität so angenommen habe bisher. Auch meine persönliche Beziehung zu gerade Männern formte meine Abneigung dem Begriff gegenüber. Aber mal von Anfang an.

Ich erlebte Verliebtsein immer sehr stark und oft … maßlos. In meiner Jugend und Kindheit war ich zeitgleich oft in mehrere Jungs auf einmal verliebt. Lange Zeit war das nichts, womit ich mit anderen Mädchen bonden konnte; ich konnte mich nicht öffnen über diese Gefühle, erlebte starke Scham. Verliebtsein zu männlichen Menschen hab ich immer als stark beschränkt empfunden, die soziale Norm zu gewaltig, das Regelwerk zu massiv. Dazu kam die Angst vor Übergriffen: Von den gleichaltrigen und älteren Jungen wurde ich „heimlich“ angefasst, und ich wusste nicht die Worte dafür, damit sie es lassen, dachte auch es sei etwas wofür ich mich schämen muss. Während ich als Kleinkind irgendwie viele „Doktorspielchenerlebnisse“ hatte, die ich freiwillig mitmachte und die auch alle Geschlechter übergreifend waren, wurde die Kindheit überwältigt vom Verstehenmüssen sozialer Normen. Kurz, was die Typen mir antaten, war etwas was ich nicht wollte, aber es waren Jungs, die durften das.

Mit zehn, elf, zwölf kam dann die Angst vor älteren Männern. Als recht frühreifer Mensch wurde mir etwas von meiner körperlichen Reife vorgeschwärmt, von Typen, die dreimal, viermal, fünfmal so alt waren wie ich, es gab Übergriffe, auch von einem Großonkel, der dies direkt vor der ganzen Familie tat. Irgendwann brach ich zusammen und hatte meine ersten Angstzustände. Die Straße wurde zum unbegehbaren Ort. Jede Nähe eines Mannes wirkte wie ein gewaltiger Druck, der für mich nahezu körperlich spürbar war.

Was ich sagen will, ist dass Begehren nicht unbeeindruckt bleibt von sozialen Verhältnissen. Dass es in unserer Gesellschaft kein Zufall ist, wenn wir Angst vor Männern haben. Ich fühlte mich nie wohl, wenn Lesben sagten Angst vor Männern/ Männerhass sei nur ein Stereotyp um lesbisches Begehren zu diffamieren. Ich glaube es gibt einige Menschen, für die Angst vor der Gewalt von Männern einen Eindruck machte. Ich gehörte auf jeden Fall dazu. Und es löschte mein Begehren nicht aus. Aber es veränderte es.

Wie also mein mir aufgedrücktes Geschlecht zur Umgebung wahrgenommen wurde, so verhielt ich mich auch zu meinem Begehren. Liebe wurde ein Angstthema. Nur wenn ich von Jungs schwärmen konnte aus einer relativen Entfernung, konnte ich mich überwältigen lassen von den Empfindungen. Es war kein Wunder, dass ich mich mit zwölf für viele Jahre erst in einen sechs Jahre älteren Abiturienten verliebte, einen schönen koreadeutschen Mann, später in einen Weißdeutschen, der sechshundert Kilometer entfernt von mir lebte, dessen Bilder vom Sportverein ich im Internet eifrig zusammensuchte und den ich nur zwei, drei Mal im Jahr sah. Gab es Interesse von Jungs die in meiner Nähe waren, ja die ich vielleicht auch mochte, schwärmte ich vielleicht, aber unternahm nichts, um irgendwas zum Laufen zu bringen. Meine Angst blockierte mich. Ich erklärte mir das mit dem Wunsch, dass ich will, dass die Jungen mir im Zweiergespräch ausdrücklich sagen, dass sie mich wollen. Nicht die heimlichen Berührungen, nicht ihre Freunde, die sie vorschickten. Das war vermutlich clever, denn es konnte keiner von ihnen tun.

Später wählte ich bewusst das Leben in einer christlich-evangelikalen Gemeinde und deren Purity Culture, um dem Druck zu entgehen, früh Sex haben zu müssen. Sex mit Männern wohlgemerkt. Außerdem war die Gemeinde so strukturiert dass es automatisch mehr Geschlechtertrennung gab und damit auch mehr Bezüge zu Frauen. Es ist also kein Wunder, dass ich meine ersten intensiven Gefühle zu Frauen und Frauisierten in meiner Gemeinde entwickelte. Hier konnten wir uns umarmen, miteinander kuscheln, selbst im Bett miteinander liegen, ohne dass irgendwer „in Verdacht“ käme. In einer Welt in der es nur Heterosexualität gibt, wird Frauen einiges an Miteinander erlaubt. „Guckmal, sie umarmen sich so viel, weil sie sich so sehr nach einem Mann sehnen“, hörte ich einen der Jugendleiter mal sagen und traute meinen Ohren nicht. Natürlich machten wir das alles nur „in Vorbereitung“ für die echten Beziehungen die uns alle bevorstanden, denen mit Männern. Frauen … Liebe zu Frauen war nicht ernstzunehmen.

Diesen Gedanken finde ich absurderweise in queeren Szenen wieder. Frauen, die sich zu anderen Frauen hingezogen fühlen, meinen das ja nicht ernst wenn sie auch Männer lieben. Sie sind in „Phasen“, sie wollen nur „ausprobieren“ und ihr Ausprobieren ist auch aus demselben Grund schlimmer als die von ihren lesbischen Partybesucherinnen, weil sie sich mit ihren „ernsthaften“ Heterobeziehungen nachher sicher ins Fäustchen lachen über die naiven Queers …

Bifeindlichkeit ist keine Erfindung der queeren Szene. Bifeindlichkeit/Monosexismus ist eine Gewaltstruktur, die unsere Gesellschaft durchzieht. Die stark verbunden ist mit Sexismus, die Zusammenhänge hat mit Fem(me)ininitäsfeindlichkeit: Der Vorwurf der Patriarchatsreproduktion in der queeren/ LGBT*IQ/feministischen Szene, die Unsichtbarmachung, die Abwertung von Liebe und Begehren für und von Frauen* und Frauisierten, die sich zB auch darin zeigt, dass bisexuelle Frauen immer verdächtigt werden, *eigentlich* hetero zu sein, während bisexuelle Männer *eigentlich* Schrankschwule sind: Alle lieben sie in Wirklichkeit natürlich Männer. Zufall?

Ich habe Bisexualität für mich angenommen, als mir klar wurde, dass es nicht bedeuten muss, dass ich tatsächlich Beziehungen zu Männern haben muss. Dass meine Gefühle, mein Begehren, mein Schwärmen für Männer aus der Ferne okay ist und wertvoll ist so wie es war, und dass es genauso ernst zu nehmen ist auch ohne eine daraus folgende Beziehung. Als ich bemerkte, was für eine Freude es mir machte, diese Gefühle endlich zuzulassen ohne dass aus dem eine bestimmte Handlung folgen musste. Ich hab Bisexualität als Definition für mein Begehren angenommen, als ich erfuhr, dass die Klischees nicht zutreffen müssen, dass wir selber wählen können, wie wir Begriffe aussuchen (und auch das andere Menschen dies nicht als Wahl erleben, and thats okay, too). Ich hab Bisexualität für mich angenommen als ich bemerkte, dass ich auch mein Geschlecht, nämlich genderfluid zu sein, nicht einschränke, wenn ich es labele, sondern das Label mir hilft, Unbenennbares zu umschreiben.

Lange nachdem ich meine ersten Gefühle für Frauen entdeckte, artikulieren und akzeptieren konnte, habe ich mich als „lesbisch“ definiert. Selbst als ich wusste, dass ich immer auch andere Geschlechter begehrte. Weil ich mich mit dem Begriff einfach wohl fühlte, weil ich es gut fand ihn zu reclaimen. Und heute seh ich das als den wichtigsten Grund für die Selbstdefinition: Fühlst du dich wohl mit einem Label? Bei allen politisch wichtigen Gründen, ein Label zu wählen: Wie geht es dir damit? Was geht in dir vor, wenn du dich so nennst? Es ist okay, sich politische Lesbe zu nennen. Es ist okay, pansexuell zu sein. Und es ist ok, sich bisexuell zu nennen. Nicht nur weil es politisch Gründe dafür gibt, sich auf den historischen Kontext der Kämpfe von Bisexuellen zu beziehen. Weil viele bisexuelle Menschen sich schon längst nicht mehr entlang der erzwungenen Zweigeschlechtlichkeit definieren. Weil es tolle bisexuelle Aktivist*innen gibt.

Sondern weil du und ich uns wohl damit fühlen.

Erinnerungen/ Teile von mir

Inhalt: Familie, Abuse, Kinderheim, Depression, Krankheit, Diäten/Körper

Ich war bei der Hochzeit meines Bruders, und habe bisher keine pompösere und luxuriösere gesehen, was nicht viel aussagt, ich kenne nämlich keine reichen Leute. Mein Bruder ist aber auch nicht reich. Wieviel er es sich hat kosten lassen, damit er Teil der Community wird, in die er sich so lang hineingesehnt hat, nichtmehr allein definiert über seine Familienlosigkeit, sondern: als Mann einer Frau, als Teil einer beginnenden Familie, als … jemand.

Ich stehe am Rande dieser Welt, werde von meiner Mutter von Tisch zu Tisch und Gast zu Gast gezerrt, hier ist meine Tochter, wie reizend, du hast so abgenommen in den letzten zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, du liest ja nichtmal ein Buch! Ich lasse mich mitziehen, in Glitzerschuhen wandele ich herum, gerne bereit mich zu verwandeln, solange die Fremde in meinem Herzen die Fremde da draußen überwiegt. Ich liebe es, mich für solche Gelegenheiten aufzutakeln: plötzlich bin ich Frau für die anderen Frauen, plötzlich darf ich‘s sein.

Ich rede nicht mit meinem Bruder, die ganze Woche nicht. Ich habe Angst, hineingezogen zu werden in die letzten stressigen Vorbereitungen zur Hochzeit, Angst, seine Verzweiflung über den Zustand in unserer zersplitterten Familie zu sehen, Angst, Verantwortung übernehmen zu müssen für seine Trauer. »Ein depressives Kind« schrieben sie uns damals in unsere Akten, und ich weiß nichtmal mehr ob sie über mich oder ihn schrieben.

Teil einer Familie zu sein, in der emotionale Erpressung und Manipulation einer begegnete, prägt. Ich kann nicht lange mit meinem Bruder zusammen Zeit verbringen, wir fallen zurück in gewaltvolle Verhaltensmuster und wenn meine Mutter dazukommt, schlägt das Pendel ganz stark aus – – – meine Reaktion auf alles von ihm ist Rückzug. Er allein ist fähig mich noch zu verletzen. Deshalb entziehe ich meine Gefühle: Bruder, ich rege mein Gesicht nicht, wenn du mich belächelst, verhöhnst, mir die Schuld gibst. Wenn du Gaslighting einsetzt, lächel ich. Und nehme den Bus gleich am nächsten Morgen ganz früh, zurück nach Hause.

Berlin. Ist eine Flucht von meiner Familie, von den Realitäten des ewigen Anderssein in ihren Armen. Warum kommst du nicht zu uns? Hast du einen Freund? Jetzt bist du an der Reihe. Hast du abgenommen? Lerne Türkisch.

Jeder Satz ein Schlag ins Gesicht.

Nein, Familie, ich kann kein Türkisch. Ihr habt mich weggegeben, wisst ihr noch? Wegen euch bin ich im Heim aufgewachsen, inmitten von Weißdeutschen, und ich musste mich anpassen. Und wann habt ihr jemals versucht mir zu helfen, Türkisch zu verstehen? Wann habt ihr mir was im Fernsehen übersetzt, wenn ihr mich mal wieder gezwungen habt, stundenlang türkisches Fernsehen mitzuschauen. Wann einmal nicht ungeduldig mit der Zunge geschnalzt, wenn ich nach der Übersetzung fragte?

Ihr wollt keine Arbeit mit mir.

Nein, ich habe keinen Freund. Ich bin bisexuell, liebe Familie, ich liebe Männer und Frauen und Menschen, die nicht Teil dieser Kategorien sind. Ich würde euch liebendgerne mal eines Tages jemanden vorbeibringen, ich würde euch zumindest nur einmal von ihr erzählen, als Nebensatz zumindest. Aber nach einem Leben außerhalb der heteronormativen Bedeutsamkeiten zu fragen, ist euch schon zuviel. Habt ihr jemals auch nur nach meinen guten Freund*innen gefragt? Habt ihr jemals gewusst, wer mich zum Lachen bringt, in mir warme Gefühle auslöst, wen ich anrufen konnte, wenn es mir ganz schlecht ging und ihr nicht da wart, nie?

Ihr wollt keine Arbeit mit mir.

Nein, ich besuche euch nicht ständig. Weil es mich erschöpft, dass immer ich es bin, die das Geld und die Zeit dafür haben muss, euch zu besuchen in euren Leben. Schaut: Ich habe ein Leben in der Stadt hier. Interessiert euch das? Wisst ihr, welche U-Bahn ich benutze, wenn ich zur Arbeit fahre? In welchem Kiosk ich meine Sonnenblumenkerne hole? Wisst ihr, dass ich gerade in einer reinen Zweck-WG wohne, in der ich es scheußlich finde; wisst ihr, dass kleine Räume meine Depression verstärken und dass ich mir heimlich ein Aquarium wünsche, obwohl ich das nicht mit meiner Tierbefreiungspolitik in Einklang bringen kann?

Ihr wollt keine Arbeit mit mir.

Ja, ich habe abgenommen. Das erste Mal, als ich hungern musste, weil es zuwenig Geld in meinem damals achtzehnjährigen Leben gab. Das zweite Mal, nachdem ein Depressionstief mich zwei Tage lang im Bett zum Erliegen brachte und ich nichtmal mehr trinken konnte. Ich werde das Gefühl des Ausgelöschtseins nicht mehr vergessen. Ich werde nicht vergessen, dass das meine Reaktion war auf die Wünsche derer, die mich vergessen haben: zu verschwinden, damit ich keine Schuldgefühle mehr auslöse. Mich zu reduzieren, weil mein Wollen schon zuviel ist. Wisst ihr, dass ich Krankheiten habe, wegen denen ich nun meine Ernährung umstellen musste? Ich hab eine Krankheit, die meinen ganzen Körper in hormonellem wie psychischem Ungleichgewicht hält, so dass ich tagtäglich nur Stunden darin investiere wenigstens ein paar Stunden so leistungsfähig zu sein wie andere den ganzen Tag. Wisst ihr, dass ich chronische Bauchschmerzen hab, seitdem ich 15 Jahre alt bin? Dass es mich Tag für Tag quält und ich erst realisieren musste, dass es anderen nicht ständig so geht? Dass ich schauen muss, wie ich reise, und wieviele Menschen ich in der Woche treffe und dass ich schon Angst habe rauszugehen, aus Angst, dass es gleich wieder losgeht?

Ich rede gerne und viel über systematische Scheiße. Darüber, dass die Gesellschaft uns zu dem macht, was wir sind, dass wir das Ergebnis materieller Ausbeutung und sozialer Aushandlungsprozesse sind: dass wir nichtig sind und zerstört werden in einem menschenverachtenden System. Wieso ich heute über eure Schuld rede? Weil ich mir glauben machen will, dass ihr mir nicht egal seid. Dass ich nicht schon zu gleichgültig bin, um überhaupt nach den Konsequenzen eurer Aktionen zu fragen, die Kettenreaktionen auslösten. Die meine Kindheit zerstörten, die mich heute Angst haben lassen vor Menschen, Beziehungen, Leute gehen zu lassen, Leute in mein Leben zu lassen. Wenn ihr nur wüsstet, wieviele verschiedene Menschen ich kennenlernte, wieviel Leben da durch mein Leben ging und mich mit sich nahm, Stück für Stück, bis heute niemand mehr da ist, mit dem ich über die Zeit im Kinderheim in Lehrte reden kann oder über diese eine Svenja, die damals in die Psychiatrie kam oder übers Prügeln mit dem Heimarschloch, übers gemeinsame Abhauen im monatelangen Versteckspiel mit den Betreuer*innen, über Abflussrohre an irgendwelchen versifften Bächen, in denen wir spielten, übers Schuleschwänzen. Übers fleißige Lernen für die Bio-Lehrerin die ich beeindrucken wollte, über den ersten großen Crush, über das erste Mädchen, in das ich mich verliebte und ihre wilden blonden Locken (ihr hättet ihre Haare so geliebt).

Wenn ihr wüsstet, wie es ist, Erinnerungen zu haben, die ihr mit niemanden teilen könnt. Es ist irgendwann, als ob man nur noch fantasiert; denn was andere Menschen nicht auch sehen, das kann es doch nicht geben? Es ist als ob es ein Traum gewesen wäre; du kannst niemanden erklären, wie sich das anfühlte; sie hätten da sein müssen. Ich weiß nicht wie es sein muss, wenn im Alter alle Freund*innen um eine herum sterben; aber manchmal glaube ich es ist ähnlich wie dieses Reisen durch Welten: Menschen die man abgeben muss, von denen man sich oft nichtmal verabschieden konnte; eine Vergangenheit, die einfach nicht lebendig werden will in einem; die grau zurückliegt ohne das Aufleuchten von geliebten und vertrauten Augen, wenn darüber erzählt wird.
Ich vermisse all diese Menschen. Ich vermisse euch so sehr.

Wer entscheidet, ob ich eine Frau bin? (Spoiler: Ich bin keine.)

Inhalt: Sexismus, Street Harassment, Male Gaze

(Ich hab über das Thema schonmal getweetet; wer sich gelangweilt fühlt, gehe doch einfach wieder)

((Ich bin derzeit verwirrt, was die Sternchen-Benutzung in Bezug auf trans* und trans betrifft und lasse sie diesmal aus und versuche nonbinary Menschen, zu denen ich mich selber zähle, andersweitig zu erwähnen. Auch über Worte wie cis und trans bin ich mir manchmal unsicher, da ich tatsächlich einfach nicht weiß, ob ein Mensch das ist und ich das andauernde »vor allem cis Männer« vermeiden möchte))

Mich hat schon immer gewundert, inwieweit sich Transmisogynie und „klassische“ Misogynie ähneln. In beiden Fällen ist nämlich das Bild der »idealen Frau« vorgegebener Maßstab, an dem cis wie auch trans Frauen scheitern und scheitern müssen. Und cis wie trans Frauen müssen an ihren Körpern „arbeiten“ wie an Projekten, dürfen nichts dem Zufall überlassen und investieren Zeit und Geld in ausgiebiges Körpermanagement.
Soviel zu »natürlicher Weiblichkeit«.

Wer entscheidet, wer eine Frau ist? Etwa cis Frauen?

Ich denke wir alle sind daran beteiligt, die Bilder von Geschlecht mitzugestalten; für die Zukunft, für uns, mit dem was mittels Zwang von anderen in uns hineingelegt wurde, mit dem, was wir uns durch unseren eigenen Mut und den Mut anderer erarbeiteten, und auch mit dem, wo wir selber Zwänge weitergeben.

Immer wieder fällt mir bei Debatten um Street Harassment mein eigenes Unwohlsein darüber auf. Ich musste lange darüber nachdenken, was mir dieses Unwohlsein schafft. Ich erfahre keine offene sexuelle Belästigung, zumindest nicht mehr seitdem ich erwachsen bin. Street Harassment gab es für mich von 10 bis 16 Jahren, gerne von alten Männern, a.k.a. eklige, alte Säcke (so jetzt hab ich endlich etwas nachgeholt!), danach hörte es schlagartig auf.

Mein erster Gedanke war, und er klingt absurd, aber vielleicht muss ich ihn gerade deshalb nennen: Bin ich etwa beleidigt, weil ich nicht sexuell belästigt werde? Als ein Freund in einer ebensolchen Debatte von einer Bekannten erzählte, die regelrecht depressiv wurde, weil sie nach einem Umzug nicht mehr erlebte, dass ihr auf der Straße nachgerufen wurde, hielt ich das für Mackergeschwätz und für ein faules Argument, dass Street Harassment ja eigentlich gar nicht so schlimm sei, gar notwendig für manche Frauen!

Jetzt habe ich aber den Eindruck, ich kann eher benennen, was mich stört. Es ist der Gedanke, dass doch Alle Frauen(tm) Street Harassment erfahren. Es scheint so sehr Teil weiblicher Identität zu sein, vorbereitet auf dumme Sprüche zu sein, sich für Partys und Clubs abzusprechen, wo man langgeht und wie man wieder weggeht, Anmachen zu kontern. Die Seufzer, eine Mischung aus Wut und Resignation, die mir suggerieren: Immer werden *wir* so behandelt.

Die Sache ist: Es gibt kein „Wir“, zumindest nicht eins, das synonym mit „die Frauen(tm)“ einhergeht. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Organisierung von Menschen geben soll, die sich gegen Street Harassment richtet ( im Gegenteil, aber dazu später mehr). Ich will heute v.a. den Fokus darauf richten, was es in mir auslöst, und das ist, dass ich das Gefühl oder den Eindruck vermittelt bekomme, dass ich keine Frau sein kann.

Nun ist der Witz dabei: Ich identifiziere mich ja auch nicht als Frau, haha, right, so what is my problem anyway? Aber die Sache ist so: Ich wähle meine Identität, ich sage, wenn ich mich nicht als Frau sehe, weil ich das für mich so fühle – und nicht, weil andere mir das sagen oder mir das Gefühl geben. (Aber auch hier könnte ich n ganzen Blogpost wieder darüber schreiben, wie gewaltvolle Zuschreibungen die Freiwilligkeit von Identitäten in Frage stellen)

Und es sind immer wieder v.a. Männer, die durch ihre Blicke, ihre Sprüche, aber auch ihr Schweigen, ihre Abfälligkeit und Ignoranz zuweisen, wer für sie »Frau« ist/sein kann und wer nicht. Street Harassment hat einen riesigen Anteil an der Konstruktion von Geschlecht, aber eben nicht nur durch das was diese Männer(es sind meistens Männer) tun und sagen, sondern auch durch das, was sie nicht tun, wen sie nicht ansehen, wen sie übersehen. Ich glaube, dass einige Menschen, darunter v.a. Frauen und solche, die so gelesen werden, es kennen und fürchten, die ersten Sekunden, in denen sie auch z.B. in lockerer Gesellschaft von Männern gemustert werden und darauf warten, dass deren Blick desinteressiert entgleist und sie sich darauf gefasst machen können, einen ganzen Abend von diesem Mann aus Prinzip übersehen zu werden. Diese Objektifizierung ist auch eine, auch wenn sie nicht so offen im Raum steht wie die Anmache. Und sie macht genauso was mit uns, auch wenn uns das selber noch nicht klar ist in dem Moment.

Dicke Frauen, hässliche Frauen, queere Frauen, queere Männer und viele andere Menschen werden offen beleidigt und erfahren Street Harassment eben schon per se nicht als „Anmache“, sondern als (offene) Entwürdigung ihrer Menschlichkeit. Hier scheint Street Harassment gar „Korrektur“funktion innerhalb eines normativen Geschlechtersystems zu haben, womit sich noch mehr erklärt, warum manche Männer meinen, Frauen(tm) sollten für Anmachen doch dankbar und geschmeichelt sein. Sie haben nämlich durchaus recht damit, dass ihr Blick und ihre Zuweisung sehr viel Gewicht in dem Selbstbild des meist frauisierten und_oder femininen Gegenübers hat. Das liegt nicht an rein emotionaler Abhängigkeit der objektifizierten Personen, wie oft behauptet, sondern an der Macht, die der Male Gaze in der Gesellschaft ausübt und mit der er Bedeutung zuweist, an der Gewalt, mit der Männer sich im Kyriarchat durchsetzen und die sie ausüben, um Machtgefälle zu erhalten und die Privilegien, die viele von ihnen innerhalb der normativen Zweigeschlechtlichkeit genießen.

Wie ich bereits erwähnte, geht es mir nicht darum, wichtige Debatten um Sexismus und Street Harassment zu demontieren. Mir geht es um die Verletzungen, die irgendwie implizit im Ungesagten, Unbenannten drinstecken; um die Isolierungen, die der Male Gaze und seine Zuschreibungen erschaffen: nämlich zwischen uns, die wir uns gegen diese Zuschreibungen wehren. Es stellt sich zeitgleich die Frage, inwieweit in einer sexistischen Gesellschaft »Schönsein« von Frauen und Frauisierten tatsächlich ein Privileg ist; ein Gedanke, den ich glaub ich so mal von @samiaalthar gehört habe [(ich bin mir nicht ganz sicher)edit: nein, es war wohl Ezra, siehe Comment]; inwieweit auch Femininitätsfeindlichkeit uns entsolidarisiert mit denen, die Sexismus und Street Harassment abbekommen. Dann wieder auch die Frage nach Liebe und Anerkennung die viele von uns auch durch Männer erfahren_wollen; seien es unsere Väter, Brüder, Bekannten, Freunde oder unsere Geliebten. Ich weiß, dass ich diese Liebe und Anerkennung möchte. Aber nicht mit dem Preis dessen, was das Kyriarchat fordert.

versuch mich aufzuheben

körper: du die ich nicht aufhöre
eingenäht in diese galaxie –
und eine kleine weile noch
bleib ich mir fern

eingesammelt in abflussnetzen
die dichten haare,
alles gefallene zeugen

dampfbäder der zeit hinterlassen
erschöpfte formbare haut
da geht noch mehr. heute
will ich wer anders sein.

wo ich dich abgab, körper,
fass ich nun in dich rein.

rote bilder malen wir auf lippen,
weinen musst du später.

(24.02.2014)

Ein Gedanke zur Sexwork-Debatte und Marx

Im Vortrag gestern von Georg Klauda ging es um die Kritische Theorie und wie ihr romantischer Blick auf die Gesellschaft eine Verschiebung der gesellschaftlichen Problematik erzeugte: Statt die Klassengesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu stellen, wird diese nur oberflächlich angeschnitten und das eigentliche Problem seien der Warenfetisch und die Verdinglichung.

Mein Blogpost dient mir erstmal dazu, das Gelernte für mich umzuformulieren (*hust* war ein bisschen schwer zu verstehen *hust*) und die Gedanken festzuhalten; vielleicht gibt er ja auch Anstöße.

Ich fands interessant, wie er mir half einen Punkt zur Sexworkdebatte zu verstehen. Nämlich dort wo von einigen Marxist*innen auf Twitter bis zur konservativen Alice Schwarzer alle mal mehr, mal weniger differenziert von »Sex als Ware« sprechen. Diese Warenförmigkeit wird eben andauernd hervorgehoben und dabei vergessen, was Marx als tatsächlichen Grund für den Zusammenhalt der bürgerlichen Gesellschaft sah, nämlich Armut und Ausbeutung.

Das Schlimme ist, dass die Hervorhebung von dem Buzzword »Ware« ganz gut in den Diskurs über Freiheit im Kapitalismus passt: Solange der Mensch selber nicht zur Ware werden würde, sei er frei und an dieser Freiheit (»freier Lohnarbeiter«!) wird festgehalten und soll Vorbild sein für die ganze Welt. Aber nicht das ist das genuine Problem im Kapitalismus, dass der Mensch und seine Umwelt warenförmiger werden (könnten), sondern eben die Existenz der freien Lohnarbeit, also das Verhältnis zwischen Produzent*innen und Eigentümer*innen der Produktionsbedingungen. (edit: »Eigentümer der Produktionsbedingungen« statt »Produktionsmittel« ist direktes Zitat von Marx, falls ihr verwirrt seid …)

Nicht umsonst passen die Debatten über »Sex als Ware« auch gut in einen bürgerlichen bis konservativ bürgerlichen Diskurs. Statt also die prekäre Situation von Sexworker*innen in den Blickfeld zu nehmen oder sogar ihre Kämpfe zu unterstützen, wird der Blick abgelenkt zu einer moralisch-bürgerlichen Verfärbung des marxistischen Grundgedankens und einer oft romantischen Haltung zu Sexualität und Intimität, mal mehr, mal weniger bewusst.

Ein weiteres Beispiel für die Romantisierung oder »Verinnerlichung« gesellschaftlicher Probleme sieht Klauda bei Erich Fromm in dessen Studie über den autoritären Charakter. Einer ganzen Masse an Menschen bestimmte Eigenschaften zu unterstellen, um das Problem des Nationalsozialismus zu erklären, gleiche den Dynamiken der Rassifizierung. Auch hier würde wieder vom Innerlichen, also dem autoritären Charakter als Basis der bürgerlichen Gesellschaft des Nationalsozialismus ausgegangen anstatt die kapitalistische Ausbeutung und ihre Konsequenzen in den Blick zu nehmen.

Soweit habe ich den Vortrag für mich erstmal interpretiert… natürlich muss nicht immer Marx‘ Analyse als Grundlage oder Maßstab für jede Betrachtung und Beobachtung der Gesellschaft genommen werden. Als Antikapitalistin mit dem Wunsch, solidarisch gegenüber Sexworker*innen zu sein, hilft mir der hier erläuterte Gedankengang jedoch sehr.

Kein Sex (II): Class/Sex/Race: Liebe und begehre mich (trotzdem)

Ich las die Tage bei Engels in »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« über die spezifische Eigenschaft der Monogamie unserer Gesellschaft und ihrer Geschichte, dass sie immer nur als Einschränkung für die Frauen* galt. Sie galt nie für besitzende Männer. Konkubinen, Nebenfrauen, mit Sexarbeiter*innen schlafen, Geliebte haben; all das war bürgerlichen Männern oder denen, die Teil der Herrschaftsklasse waren, geschichtlich gestattet oder es wurde wohlwollend drüber hinweggesehen. Noch krasser ist, wo Engels das gegründet sieht: Nämlich in der Sklav*innenhaltung, die dem besitzenden Patriarchen gestattete, Zugriff auf mehrere Frauen zu haben.

Nun, seit Engels schrieb, ist viel Tinte geflossen, und heute gibts dazu sicher mehr und differenzierteres zu lesen, gerade auch von Frauen* selber. Ich muss zugeben, dass ich ihn vor allem deshalb erwähne, weil er von linken Mackern gerne – weil Marx! weil Engels! – gefeiert wird.

In dem Kontext fragte ich mich jedoch, inwieweit sich da weiße linke Männer*, heutzutage die Idee, »poly« zu sein, nicht angeeignet haben. Gerade Poly-Macker betrachten etwas als emanzipatorisch (nämlich dass sie Sex mit vielen Frauen* haben können), das aber nie für sie verboten war. Sie »befreien« sich von etwas, das sie nie – geschichtlich gesehen – belastet oder gar unterdrückt hat. Monogamie galt, im ursprünglichen Sinne des Wortes, nie für den Mann*. – Ich bin nicht die erste*, die das »entdeckt«. Aber mir gehts um die Kontexte, die uns umgeben. Unsere Geschichten und Hintergründe sind verschieden; und Gewaltstrukturen durchziehen unser Miteinander. Etwas, das für mich emanzipatorisch ist, ist es nicht für meinen Gegenüber. Wenn ein Akademiker mir sagte, er befreit sich von »bourgeouisem« Besitzdenken, wenn er poly ist, konnte ich immer nur müde lächeln.

Wir fragen uns kaum: Inwieweit gilt dieses Besitzdenken denn für Leute aus der Working Class, aus der Unterschicht; oder haben Beziehungen hier einfach erstmal ne ganz andere Funktion und Bedeutung gehabt. (Engels spricht zB davon dass »echte Liebe« nur unter Proletarier*innen möglich war).

Ich habe versucht poly zu leben, mit Menschen, mit denen das auf Dauer nicht möglich wurde. Im Vordergrund standen die individualisierten Probleme, aber unsere verschiedenen Hintergründe und Privilegien wurden nicht angerührt. Daran scheitert Polyamorie als Idee auch heute. (Natürlich scheitern daran auch RZBs und Freund*innenschaften, aber ich möchte hier über Poly reden)

Ich denke die Außenwirkung von Polyamorie wird eben mehr und mehr von denen besetzt, für die es ursprünglich nicht gedacht war; und dadurch geht die emanzipatorische Message verloren. Ich will Leuten gar nicht sagen, mit wem sie Sex haben oder wieviel Partner*innen sie haben sollen(lustigerweise ist Engels das egal, er meinte, Männer* würden im Kommunismus »richtig monogam« werden! und Frauen* polyandrisch!). Für mich ist es Zeit, mein eigenes Leben zu betrachten und auf den Grund dessen zu kommen, woran »Liebe« gerade innerhalb einer linken Umgebung bei mir scheiterte. Die Strukturen zu betrachten und sie nicht mehr zu übergehen, weil es zu schmerzhaft wäre.

Letztens erst redete ich mit Leuten darüber, wie sich Beziehungen_Freund*innenschaften ändern, wenn Geld geliehen wird. Vielen ärmeren Menschen ist es unangenehm, v.a. haben sie Angst, dass es die Freund*innenschaft verändert. Aber was passiert, wenn Leute, die uns Geld geliehen haben, sich uns gegenüber verändern, ist nicht, dass wir in ihren Augen zu Menschen zweiter Klasse werden: Es macht sichtbar, dass wir das schon immer gewesen sind. Es macht Klasse sichtbar. Diesen rosa Elefanten im Raum, über den wir alle nicht sprechen wollen. Stattdessen tuen wir so, als ob wir Gleiche wären. Und Scham ist nur eines der vielen Dinge, die die Klassengesellschaft von uns einfordert.

Das ist ein Beispiel dafür, wie ein gegenseitiges Einlassen ohne Zweifel dazu führt, dass unsere Hintergründe und Unterschiede auftauchen.

Ich musste sehr viel über Asexualität die letzte Zeit nachdenken. Grundlage war dieser Artikel, der Verbindungen zwischen Rassismus und Asexualität zieht. Er hat soviel in mir aufgerissen und soviel mir über mich selbst erklärt. Mein Körper, der so sehr dem meiner türkischen Mutter ähnelt, klein, und dick, und so »anders« wird in dieser Gesellschaft nicht gefeiert; ich sehe Körper wie meine in der Öffentlichkeit nicht geliebt, begehrt. Ich habe es lange Zeit Desexualisierung genannt, um es von Asexualität zu trennen, aber langsam seh ich die Grenzen aufweichen. Ich kämpfe seit Jahren mit einem sterbenden Gefühl, mit einem sterbenden Begehren, und ich sehe diese Asexualität nicht als wunderbar oder als Identität, die ich »embracen«, umarmen und lieben kann. Ich wurde dazu gemacht. In einem langen Prozess, der schon sehr früh in meinem Leben begann, wurde mir Begehren und der Wunsch, begehrt zu werden, ausgetrieben.

Zum Beispiel Freund*innenschaft. Lange Zeit feierte ich es, als einzigen Ort, an dem ich Nähe intensiv leben konnte, ich hielt es hoch, ich glaubte es erhaben über Beziehungen und ich freute mich, mehr und mehr Stimmen aus der queeren Ecke zu hören, denen es ähnlich ging und die aufhören wollten, Freund*innenschaften zu entwerten.

Heute verstehe ich mehr, wieso ich immer wieder nur und ich sage bewusst nur zur »guten Freundin« und nicht zur Geliebten wurde. Es ist Teil dieser rassifizierten Desexualisierung, es ist Teil meiner Asexualität, dass ich für »gute Gespräche« sorgen soll und kann, dass ich zur Beraterin* in Liebesdingen wurde anstatt selber dessen Bezugspunkt, ich, ich war immer so »erwachsen« und »vernünftig« und »so toll, dass du nie jemanden brauchst!!!«.

Auch poly reiht sich da merkwürdigerweise ein. Es hat sich niemand für mich entschieden, sondern vielleicht kam ich deshalb eher in diese Poly-Beziehungen rein, weil Leute unentschieden waren. Weil es ja nicht wehtat, noch wen »reinzunehmen«. Es fühlte sich nicht selten so an, ein »Stück in ihrer Sammlung« zu sein. Solange ich nicht tatsächlich etwas brauche oder von ihnen will.

Menschen erzählen mir oft, dass ich stark bin, damit sie mir nichts geben müssen.

Es gibt soviele Bereiche, in denen ich an queere oder linke Konzepte von Freundschaft_Poly_RZB stoße, weil sie aus sehr bürgerlicher, weißer Sicht betrachtet werden. Zum Beispiel, öhm, Kritik an Possessivpronomen. Nicht »mein Partner« sagen zu sollen, weil das den Menschen als »Besitz« markiert. Das ging letztens auf Twitter herum und ich war eher so … Mir geht es da so anders. Ich habe vor einiger Zeit auf tumblr unter den Women* und queer People of Color, denen ich folge, einen Post total häufig auftauchen gesehen: Da stand dick und fett: I WANT TO BE CLAIMED. In Anbetracht dessen, wie sehr die Körper und die Liebe von Leuten wie uns, also queeren und trans* migrantischen Frauen und Menschen verachtet und unsichtbar gemacht wird – Wer wird begehrt? Wer als begehrenswert dargestellt; mit wem will 1 gesehen werden? Der Gedanke, dass ein geliebter Mensch über mich sagen würde: Sie gehört zu mir; sie ist _meine_ Freundin*, dass die Person sich öffentlich zu mir bekennt; meine Hand hält, mich in der Öffentlichkeit küsst; das alles löst in mir ein Gefühl von Zugehörigkeit, Annahme, Gewolltwerden aus, etwas das ich brauche.

Alle queeren und trans* PoC haben eine Geschichte, die geprägt ist von einem rassistischen und heteronormativen System. Ich bin als türkisches Kind unter Deutschen im Heim aufgewachsen. Mein queeres Begehren formulierte sich zum ersten Mal in meiner evangelikalen Gemeinde. Was das mit mir gemacht haben muss, kann ich heute nur erahnen. Aber es wird nicht durch die Ansätze geheilt, die so in queeren weißen Polykonzepten erarbeitet werden. Es scheint eher mehr Schaden anzurichten.

Was ich will und brauche, sieht aus der weißen »emanzipatorischen« Sicht sehr viel konservativer aus. Ich will Romantik und Nähe und Liebe, und will eine Person, die mich sieht und liebt und begehrt, und die ich sehe, liebe und begehre; mit der ich ein gemeinsames Leben teilen kann, in dem wir gewaltvolle Strukturen nicht ignorieren, sondern sie analysieren und zu ändern suchen.

Vielleicht will ich sogar mal heiraten und Kinder aufziehen. Weil es für mich Hoffnung bedeutet und darin eine Zukunft liegt; und ich fände es toll, irgendwann eine Großmutter* zu sein. Und wieviele von dieser Familie nun Wahlfamilie wären und wieviele auf dem Papier zur Familie gehören, wäre so egal. Und ich würde ihnen was von meiner ersten antikapitalistischen Gruppe von PoC erzählen, die ich als junge Person besuchte und wie krass das für mich war, weil stellt euch vor, damals war alles von weißen Linken dominiert. Und alle würden zufriedenstellend »Huääh« sagen.

Und es macht so Spaß, diese Fantasie in leuchtenden Farben auszumalen, denn ich weiß, wie sie mich anschauen würden, lol. Und ich will den Absatz schon fast wieder löschen. Und ich frag mich, wann ich aufhöre Angst zu haben, Wünsche auszudrücken. Vermutlich nie. Deshalb schließe ich hier erstmal.

Ein altes Liebesgedicht

gemurmel

nr. 1:

ich bin
dieses brennende
nicht festzuhaltende
sich schon verflüchtigende

nr.2:

ich bin
die anspannung,
die in der brust
erwartet … und nicht weiß was

nr.3:

ich bin
ein flüchtling an deinen mauern.
den krieg in meinen augen,
wird dein horizont zum versprechen.

nr.4:

ich bin du
und es wird immer dann schmerzen,
wenn ich an der grenze zu dir stehe
und mich nicht zu dir herüberholen kann

nr.1:

ich bin
dieses brennende
nicht festzuhaltende
sich schon verflüchtigende

nr.2:

ich bin
die anspannung,
die in der brust
erwartet … und nicht weiß was

nr.3:

ich war
ein flüchtling an deinen mauern.
den krieg in meinen augen,
wende ich mich ab.

nr.4:

ich bin
ein punkt im brand.
eine note im wind.

wenn ich verklinge,
werde ich mich woanders
wieder neu singen.

(11.Juli 2011)

Die Worte »Flüchtling« und »Krieg« würde ich heute nicht mehr so benutzen.