Stille und Schnee. Gedanken über meine Familie

Es gibt immernoch Fragen, die ich in die Stille hinein stelle. Ich habe mein Leben soweit, fast soweit, dass es mir gehört, und doch weiß ich, dass manche Fäden nicht abzuschneiden sind. Ich weiß, dass ich mich immer wieder fragen werde: Warum? Warum bin ich nicht mehr Teil meiner Familie? Warum bin ich hier, und sie woanders?

Zurzeit bewegt sich viel in meinem Leben; u.a. scheine ich herausgefunden zu haben, was ich mit meinem Leben wirklich machen will, außerhalb dessen, zu was mich Familie, Gemeindemitglieder und Lehrkörper bewegen wollten. Ich frage mich, wie hoch die Chancen für andere ehemalige Heimkinder und Ex-Fundis sind, soetwas herauszufinden – wieviel Zeit ist schon gegeben, um zu reifen? Wieviele Narrative gibt’s noch für ehemalige Heimkinder außerhalb von „auf der Gosse“ oder „Wunderkind“? Ich sollte ein Wunderkind sein, denn ich konnte so gut mit Sprache, und so brachte man mir nicht Normalität bei, sondern zog nur die Erwartungen an mich an.

Zehn Jahre, nachdem ich raus aus dem Heim kam, verstehe ich jetzt erst langsam meine eigene Entwicklung. Ich verstehe, was es bedeutet etwas zu „wollen“ außerhalb dessen was die Erwachsenen von damals wollten oder was sie unachtsam an mich ranschmierten, wie eine nach dem Waschen noch nasse Hand. Mich dem zu entziehen, war ein grässlicher Entwicklungsprozess und ich erwische mich immer wieder dabei, zurückzuwollen: zu ihrer Anerkennung, ihrer Umgebung, ihren Narrativen über mich, die mich nicht nur wunderkindlich, sondern mitten unter ihnen sahen. Aber während ich längst schon ein eigenes Leben aufgebaut habe und den Kontakt nach dort abgebrochen, so blieb ihr Einfluss noch lange, sehr lange.

Überraschung, ich war kein Wunderkind. Ich war nur ein Kind, das Bücher mochte, und ich konnte gut mit Sprache, weil ich es musste: Wenn ich mich nicht begreifbar machte, drohte Gewalt. So verhängnisvoll ist mein Schreiben mit dieser Geschichte verwickelt, dass ich auch jetzt nicht mehr schreiben kann, ohne an dieser Verbindung zu leiden. Weil: Wenn du mich nicht verstehst, was dann? Also ließ ich das Schreiben. Mein Wunderkindbild zerfloss. Ein anderes Bild dahinter, noch flüchtig, noch nicht ganz festgeworden: Eine fast 30jährige Person, in einer Großstadt, mit einem eigenen kleinen Zuhause, mit eigenen Liebsten, mit einer verschleppten und immer wieder abgebrochenen Studienausbildung, irgendwie gereift in den Halbdebatten und Quereleien linker und queerer Onlineszenen, mit sich regelmäßig wechselnden Obsessions über Gärtnern, Ex-Spiritualität, Kommunismus, Magie und Skincare. Noch am Leben. Und eigentlich ganz okay dabei.
Right???
– – –

Du stehst im Schnee und alles ist ruhig. Vielleicht knirscht es hin und wieder, wenn du dich bewegst, aber du weißt, jedes Geräusch kommt von dir. Du bist allein. Es ist kalt, und du weißt noch nicht, wie gut du das findest. Du horchst, und alles ist still. Alles ist still – !
Hier kannst du nun atmen. Erst vorsichtig und dann immer tiefer.
Die Luft ist so frisch und eisig.

Ein Kommentar

  1. leelah · Oktober 31

    <3