Ein paar Gedanken zum Schreiben

Ich habe hier viel auf diesem Blog geschrieben und dann lange geschwiegen. Für mich war die Stille nach dem Schreiben das Seltsamste; der Wunsch nach einem Gegenüber, die*r sich mit mir über das Geschriebene austauscht, blieb unerfüllt. Es wurde unerträglich, geschrieben zu haben. Und dann wurde es unerträglich, nicht zu schreiben, und ich blieb inmitten dieser Anspannung.

Gleichzeitig war mein Leben in dieser Zeit auch sehr erfüllt; ich machte neue Erfahrungen, und merkte, dass ich nicht mehr alles mit allen teilen musste, um verstanden zu werden. Das war wirklich eine Entdeckung, mit der ich lange kämpfte: Bedeutet das, dass persönliche Zufriedenheit meinen Wunsch, etwas in der Welt zu erreichen oder gehört zu werden, auslöschte? Mir meine Radikalität in politischen Dingen nahm? Mich schreibtot machte? Ich vergaß, dass ich mich auch zuvor immer tot *nach* dem Schreiben gefühlt hatte, weil ich wusste, dass keine Reaktion befriedigend genug war und weil ich nicht wusste, *wohin* ich schreibe.

Soviele ambivalente Gefühle dem Schreiben gegenüber.

Es ist unbefriedigend, für nichts zu schreiben. Damit meine ich auch Geld. Soviel Arbeit floss in Texte, soviel Arbeit in Gruppenprojekte, die sich zerschlugen. Es war auch eine Zeit, in der ich finanziell nicht abgesichert war, was bedeutet, dass es Zeiten waren, in denen ich sehr sehr hart am Minimum lebte: Wenn Miete bezahlbar war und ich genug essen konnte, waren das die guten Tage. Heute denke ich, was ging in mir vor, dass ich mich in so einer Zeit mit den Problemen einer akademisierten feministischen Blogosphäre herumschlug.

Meine Beziehung zum Schreiben ist kurios. Ich habe schon sehr lange geschrieben: Mit 12 oder 13 Jahren habe ich die Idee des Tagebuchs entdeckt, aber auch die fiktionalen Welten, die ich einfach so aufs Papier haute: sei es Fanfic, Orkporn oder meine Lieblingsgeschichte einer Diebin, die in einer fantastischen Welt den König stürzt. Ich hatte keine Ahnung, dass ich soetwas wie „Fanfic“ schrieb, dass Tausende von Teenies rundherum auf der Welt ebenselbe schrieben, dass es Foren und Organisationen dafür gab. Ich schrieb allein.

Und ich schrieb mich. Was eine immer irritierende Angelegenheit für mich bleiben würde. War ich das, war ich das?, fragte ich mich, als ich meine Texte siebzehnmal Korrektur las. Wer ist diese Person? Dissoziierend lesen macht alles zum Roman einer anderen. Ich wusste nicht, wer ich war, also war alles, was ich schrieb, erstaunlich neu für mich, erstaunlich anders, und wie aus dem Nichts geboren. Wie konnte ich das schreiben, wenn ich es kaum denken konnte?

Letztes Jahr lernte ich vom „Tod des Autoren“ und von der „lebenden Schrift“. Ein bereits älteres Konzept für Textanalysen, um sich nicht mehr vordergründig mit der Biografie einer Schreibenden zu befassen, sondern mit dem Schreiben selber, und wie wenig dieses eigentlich an der Person der Schreibenden hängt. Der Gedanke stellt ein kurioses Verlangen in mir zufrieden, in meinem Schreiben nicht beschränkt zu sein auf mich selber. So viel in mir ist ausgebrochen beim Schreiben, dass ich es nicht mit mir und meinen Biografien – denn eine zusammenhängende war nie für mich fassbar – zusammenbringen kann. So häufig ich alleine schrieb, so schien doch etwas in diesem Schreiben die Möglichkeiten einer Offenheit inne zu haben, die ich beim Reden und Denken nicht habe. Wie ein kleines Sternentor zwischen mir und dem Stift. Oder vielleicht nur zwischen dem Stift und dem Blatt.

Ich werde mich vermutlich weiterhin fragen, ob ich die Person bin, die das geschrieben hat und was wer daraus wohl schließt, weil das eben zu meiner Gewohnheit wurde. Aber ich weiß nun auch: Identitäten sind das Eine, aber Schreiben ist immer auch mehr für mich gewesen, als etwas zu wiederholen, was ich als bestehend glaube. Diese radikale Offenheit bleibt auch noch, wenn Hilo alias Bäumchen gut gegessen hat und in einer anständigen Wohnung lebt.

Im November beginnt für mich eine Zeit des Schreibens. Ich werde mich am #NaNoWriMo beteiligen und freue mich sehr darauf. Seit einigen Monaten bewegt mich dieser Gedanke, und nun habe ich mir die Zeit und auch die Ressourcen (a.k.a. das Internet) herbeigeholt, mir das zu ermöglichen. Ich weiß noch nicht, was dabei herauskommt, aber ich bin sicher, dass mich das Ergebnis überraschen wird.

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