Oranges Are Not the Only Fruit – Ein paar Gedanken zu einem schönen Buch

It was not judgement day, but another morning.

Ich habe diesen Blog lange nicht mehr angerührt, aus Gründen die schön sind. Mir ging es gut. Auch gab es viele Umwälzungen die letzten Monate, Jahre. Vielleicht werde ich noch mehr dazu schreiben. Heute nur dies. Ich lese wieder vermehrt Bücher und dann packt es mich so, dass ich nicht aufhören will über sie zu erzählen. Das Buch über das ich heute schreiben will, habe ich im englischen Original gelesen, „Oranges Are Not the Only Fruit“ von Jeanette Winterson. Es geht um die adoptierte Jeanette, die in einer Pfingstgemeinde aufwächst und sich dort in ein anderes Mädchen verliebt. Wer meinen Blog und meine Geschichte kennt, weiß, dass das ein großes Thema von mir ist. Was mich an diesem Buch so sehr berührt im Vergleich zu ähnlichen Geschichten im Bereich christliche LGBT, Ex-Ex-Gay etc., ist, wie wenig im Vordergrund die sexuelle Identität der Hauptperson steht oder generell eine Art Identitätssuche, sondern v.a. die Geschichte von Entscheidungen: die Veränderungen und der Schmerz, den sie bringen. Ich habe in den letzten Monaten mit keinem Thema mehr gekämpft wie mit diesem. Veränderungen, Tode, sich selbst fremd werden, sich selbst wie 1 war, nie wieder so zurück bekommen. Mit den Menschen die gehen oder die 1 verlässt, auch sich selber ein Stück verlieren. Immer und immer und immer.

Dabei gibt es auch viel zu lachen. Das Buch greift wie keines auf, wie KOMISCH Fundies sein können, wie bizarr ihr Alltag ist und wie sie sich selber in Situationen bringen, wo sie sich aufgerufen sehen, ihre eigenen Grenzen zu übertreten. Das hat viel mit Zwang zu tun, der aber vermengt ist mit dem unbändigen Wunsch G*tt zu gefallen. Der Drang die eigene Loyalität zu G*tt zu beweisen, führt dann zu Grundschüler*innen die ihren Klassenkamerad*innen das Evangelium predigen, was sie automatisch zu Außenseiter*innen macht. Auch ich hielt das mal für den Preis, den wir zahlen, um G*ttes Freund*innen zu sein. Tanzte nicht auch König David vor einer riesigen Menschenmenge selbstvergessen vor G*tt und wurde deshalb von seiner eigenen Frau für verrückt erklärt? Die Freude an so einer Hingabe, kombiniert mit der augenscheinlichen Schrägheit für Beobachtende, vermittelt das Buch sehr gut.

Wie es ist aus so einer Gemeinschaft draußen zu sein und einer neuen Umgebung nicht vermitteln zu können, wie schön es da zugleich auch war neben dem Schrecklichen, beschreibt die Erzählerin hier (dt. Übersetzung von mir, bei Fehlern gerne melden):

…she knew her old world had much in it that was wrong. If she talked about it, good and bad, they would think her mad, and then she would have no one. She had to pretend she was just like them, and when she made a mistake, they smiled and remembered she was foreign.

[… sie wusste, dass in ihrer alten Welt viel Unrecht geschehen ist. Wenn sie darüber reden würde, über das Gute wie das Schlechte, würde man denken, sie sei verrückt, und dann hätte sie niemanden mehr. Sie musste so tun, als wäre sie ihnen gleich, und machte sie einen Fehler, lächelte man und erinnerte sich ihrer Fremdheit.]

Auch die Art wie die Liebesbeziehungen im Buch beschrieben sind, sind fern von jedem Retter bzw einer Retterin die von außen kommt und die Protagonistin von ihrem fundamentalistischen Pfad rettet, ihr die Augen öffnet sozusagen. Die Liebe passiert und ist im Einklang mit ihrem Glauben, ihre Freundin genauso brennend wie sie für G*tt.

We read the Bible as usual, and then told each other how glad we were that the Lord has brought us together. She stroked my hair for a long time, and then we hugged and it felt like drowning

[Wir lasen wie immer in der Bibel, und dann sagten wir uns wie glücklich wir waren, dass der HERR uns zueinander gebracht hat. Sie streichelte mein Haar für eine lange Zeit und dann umarmten wir uns und es fühlte sich an wie Ertrinken.]

Ich habe in meiner Zeit in der Gemeinde nur selten zu fantasieren gewagt wie es wäre, einfach heimlich eine Beziehung zu einer Frau zu führen. Es gab viel Geschlechtertrennung, dadurch aber auch ne sehr starke Verbundenheit der Frauen untereinander; viele „Schwestern-WGs“ in denen Frauen auf sehr engem Raum zusammenlebten und ihren gesamten Alltag und ihre Freizeit miteinander gestalteten. Wer hätte es bemerkt, wenn diese Schwestern sich noch etwas näher gewesen wären? Wir umarmten uns bereits und hielten Händchen und trösteten uns. Wiederum hörte ich in dieser Zeit zwei junge Brüder darüber reden, dass all das Einander-umarmen der Schwestern eine „Vorbereitung“ für die Ehe mit nem Mann sei.
Ahahaha.

Wieso habe ich diese Fantasie nicht zugelassen, sie vielleicht sogar gelebt? Weil nicht auf meine Eigenverantwortlichkeit in Sachen Sünde allein Wert gelegt wurde, sondern auch darüber was meinen Schwestern passierte durch mich. War ich es, die ihren Glauben betrüben würde? Würde ich der Grund werden, dass sie vom Glauben abfielen? So ist es nicht verwunderlich dass auch die geliebte Melanie im Buch die Affäre mit Jeanette abbricht. Und Jeanette dankbar ist, so dankbar, dass die nächste Freundin kein Problem mit dem Versteckspiel hat.

Jeanette entscheidet sich ihre Gemeinde zu verlassen, nachdem sie auch mit ihrer zweiten Partnerin erwischt wurde. Das Buch ist bald durchzogen von der Schwermut, die sich entwickelt, wenn ein Teil von dir woanders weiterlebt (und du merkst das!). In Terry Pratchetts „Ein Hut voller Sterne“ gibt es Frau Grad, eine Person mit zwei Körpern. Im Laufe der Geschichte kommt einer der Körper zu Tode. Die Schwermut die Frau Grad daraufhin befällt weil ihr ein ganzer Teil von sich fehlt, diese Schwermut finde ich auch in dieser Geschichte wieder.

I have a theory that every time you make an important choice, the part of you left behind continues the other life you could have had. Some people emanations are very strong, some people create themselves afresh outside of their own body. […] That I am still an evangelist in the North, as well as the person who ran away.

[Eine Theorie von mir besteht darin, dass bei jeder wichtigen Entscheidung ein Teil von dir, der zurückbleiben muss, das Leben fortsetzt, das du hättest führen können. Was manche Leute da ausströmen, kann sehr stark sein, manche erschaffen sich selbst frisch außerhalb ihres eigenen Körpers. […] Dass ich weiterhin eine Predigerin im Norden bleibe, genauso wie ich die Person bin, die wegrannte.]

Am meisten geschmerzt hat die Rückkehrfantasie. Wie oft habe ich die selber in den letzten Jahren durchlebt, geplant, sogar real durchgezogen, nur um erneut alles zu packen und loszurennen. Der verlorene Sohn in der Bibel kehrt zuerst nicht als Sohn zu seinem Vater zurück; er arbeitet für ihn als Schweinehirten, nur um in seiner Nähe zu sein. Die Idee ist, doch noch ein kleines Stückchen Glück von dem großen vergangenen Glück zu erfahren, das so vertraut und so innig erlebt wurde. Und irgendwie letztlich auch diesen großen Durst zu löschen, wenn man schon nicht ganz zurückkann.

Going back after a long time will make you mad, because the people you left behind do not like to think of you changed, will treat you as they always did, accuse you of being indifferent, when you are only different.

[Nach langer Zeit zurückzukehren macht dich verrückt, denn die Menschen die du zurückließt, mögen dich nicht als veränderte Person sehen; sie werden dich so behandeln wie immer, sie werden dir vorwerfen, gleichgültig zu sein, während du einfach bloß anders bist.]

Es geht nichtmal so sehr darum, dass ich nicht zurückkann, zu einer physischen Gemeinde irgendwo in Süddeutschland, in der Menschen beten und arbeiten. Es geht vor allem darum, dass ich nicht zurückkann zu der Version von mir, die ich dort war bevor ich bestimmte Entscheidungen traf. In den drei Jahren in denen ich in der Gemeinde und auch sonst wo mit niemandem über meine Gefühle zu Frauen sprach, erwog ich genau dieses: Die Endlichkeit zu der ich bereit sein musste.

Ich habe einiges über das Sterben gelernt.

Grief
[Die Grafik zeigt die vielen verschiedenen Phasen von Trauer, der bogenartig verläuft und erst ganz unten ankommt und dann wieder ansteigt zu den positiveren Phasen. Das Bild wurde editiert mit blauen Strichen, die wild durcheinander und sehr willkürlich von einer Phase zu einer völlig anderen zeigen, ohne jede Reihenfolge. Das Bild wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von fromonesurvivortoanother]

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