Vernichtung

Inhalt: beziehungen, emotionale gewalt, sexualisierte gewalt, sprache, community

Letztens kam ich im Internet wieder auf die Seiten meines ehemaligen queeren Lieblings-Pärchens. Sie hatten ihre Beziehung sehr offen ausgelebt auf ihren Tumblr-Blogs und als es endete, passierte dies auch sehr öffentlich. Mir tat es leid um sie, aber ich freute mich weiterhin über sie zu lesen und wie sie ein neues Leben woanders und mit anderen Menschen aufbauten. Dann las ich aber über weitere Verwicklungen: wie sie sich emotionale Gewalt vorwarfen, das Kopieren von den eigenen Inhalten für veröffentlichte Artikel und Stalking. Da ich mit keinem von ihnen persönlich bekannt bin, kann ich dazu gar keine Aussage machen. Wie es tatsächlich um die Beziehung stand, wissen vermutlich die zwei Personen gut und ich wünsche mir sehr, dass die vielleicht gegenseitige, vielleicht auch einseitige gewaltvolle Behandlung entdeckt und aufgelöst wird und die betroffene Person heilen kann. Das soll hier auch gar keine »Bestimmt sind beide Schuld«-Geschichte sein.

Ich weiß nur, dass ich begann an meine eigenen Beziehungsgeschichten und ihr Ende nachzudenken. Ich hatte drei sehr beschissene Geschichten laufen gehabt, dreimal war es was mit Polyamorie, dreimal benahmen sich die Leute einfach scheiße, übergriffig, logen oder mackerten. Ich sezierte jede der Beziehungsverläufe auf ihre Dynamiken, auf einzelne Gespäche und Worte, ich fand wo Menschen schlechtes taten, ich benannte es. Es war befreiend.

Vor fünf Jahren hatte ich einen sexualisierten Übergriff erlebt wo ich nicht die Worte hatte, zu benennen was passierte. Gerade weil ich weiß wie das war, erstaune ich immernoch angesichts dessen, dass es eine bestimmte Wortwahl braucht, damit Leute … mir glauben. Es ist das eine ob ich vor mich hin stammele: „Er sagt so komische Dinge“ oder ob ich sagen kann: »Das war Gaslighting. Er gibt mir das Gefühl, ich kann die Realität nicht wahrnehmen.«

Das erlebt zu haben, ließ mich entdecken, welche Macht Worte haben. Zu begreifen, hier passiert etwas nahezu Absurdes; Menschen trauen dir zu die Wahrheit zu sagen, weil du ein fancy Wort benutzt hast … Wir brauchen Worte um zu beschreiben was passiert und dennoch trauere ich um all die Menschen, die diese Worte nicht kannten oder die sie brauchten, damit ihnen geglaubt wird.

Was aber noch dazu kommt ist die Angst: Was ist, wenn ich alles nur noch in diesen Begrifflichkeiten verstehe? Wenn ich Beziehungen, die schief laufen, nur noch in Begriffen von „abuse“ verstehen und erklären kann. Weil ich glaube, ich kenne all die Worte die ich brauche. Weil ich andere Dimensionen nicht ergreifen kann: weil ich sie vielleicht nicht ergreifen will, weil es zu schmerzhaft ist, nicht geliebt zu sein. Viele Beziehungen enden, weil die Menschen in ihnen etwas anderes wollen oder brauchen.

Ich hab Angst vor meinem eigenen Willen zur Vernichtung, wenn es darum geht nicht geliebt zu werden. Es geht mir gar nicht so sehr um das was andere Leute über eine Beziehung sagen oder denken, sondern v.a. die Tatsache, mich selbst darin zu belügen. Der vielleicht drohenden Erkenntnis aus dem Weg zu gehen: Ich habe auch Mist gebaut. Oder: Ich habe keinen Mist gebaut, aber – ich war der anderen Person nicht genug.

Oder vielleicht versuchen wir herauszufinden, welche Gründe legitim sind, eine Person verlassen zu dürfen, weil wir nur »Er hat mir xy angetan« als Verlassensgrund kennen und nicht »Ich will einfach nicht mehr mit ihm zusammensein«.

Zwei Seiten einer Medaille! ist eine giftige Phrase und darum gehts mir hier nicht. Denn: Es gibt emotionale Gewalt, physische Gewalt in Beziehungen, und sehr oft ist sie einseitig und sehr oft wird diese Phrase benutzt, um der betroffenen Person nicht glauben zu müssen.

Mir geht es darum mich selber zu fordern tiefer zu verstehen was eine Beziehung scheitern ließ. Mir geht es um eine Dimension in meiner emotionalen Entwicklung, von der ich oftmals nur alleine weiß. Mir geht es darum, vor mir selber gerade stehen zu können, zu wissen, wann ich mich selbst belügen möchte, nicht weil ich nicht die Wahrheit sage über jemanden, sondern weil ich bereit wäre, *nur* diese Geschichte immer und immer zu wiederholen um meinen eigenen Schmerz zu übertönen.

Statt zu entdecken, dass es nicht das Ende der Welt ist, nicht geliebt zu werden.

Letztens schrieb ich darüber im Privat-Account und Ezra schickte mir heute diesen Kommentar von duaecat auf dem Blog von Captain Awkward (eine sehr empfehlenswerte Ratgeberinseite):

There’s a tendency to want to frame things as facts “They’re Too Needy” “I’m Too Distant” but you need to replace last two words that got dropped off of the phrase”…for me/them.”

It’s not perfect, but if you can head off the jerkbrain of “They said they were too busy, but they’re not too busy for Someone Else” “She said she hated short guys but he’s 6 inches shorter than I am!” where you frantically try to find some airtight logical Reason they were Wrong to drift away from you and you can just point out how illogical they are and ‘win’ somehow. But this is a horrible deception and try to avoid indulging it as much as you can.

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