Ängste und wie ich manchmal mit ihnen umgehe.

Inhalt: Anxieties/chron. Angstzustände, Universität, Öffentlichkeit

Es ist fast neun Uhr gerade und ich trinke Kaffee und bemerke meine schleichende Angst vor dem was kommt: Rausgehen, in die Universität gehen und unter Student*innen sitzen.

Die Gefühle: Angst vor draußen, das Gefühl angestarrt zu werden, fremd sein, überwältigt emotional zu sein, während gleichzeitig etwas in mir langsam aber sicher zerquetscht wird.

Mir fällt ein, wann meine Anxiety mal etwas nachließ: Als ich einen Vollzeitjob hatte. Ich glaube das hängt damit zusammen, mich mehr »berechtigt«, »legitimer« zu fühlen, zielbewusst; ich schwankte nicht mehr zwischen den anderen Passant*innen; nein es sollte ja wo hingehen. Vielleicht hat es auch was mit der Aussage »Nur wenn du was tust, bist du wer (und was wert)« zutun. In der Universität ist aber wieder die Ziellosigkeit da. Es fehlen direkte Beziehungen zu meiner Umgebung, Menschen, die mich hineinbringen. Die weiten Flure und hohen Mauern verstärken das Gefühl des Fremdseins. Student*innen die eine Selbstverständlichkeit ausstrahlen; weil schon Mama und Oma in diesem Gebäude (oder anderen) waren.

Meine Versuche mit meiner Angst umzugehen, bestehen aus folgendem:

Auf der einen Seite ist der theoretische Kram. Ja, die Uni IST dazu da, mich so zu fühlen, denn jemand wie ich sollte gar nicht an der Universität sein. Die Uni ist ein Institut, das gezielt wählt, wer aufsteigt und der Rest verliert sich im Punktesystem und der überbordenden Bürokratie.

Bla bla. Es ist natürlich ein Privileg, überhaupt an die Uni zu kommen. Ich bin nicht das subversive Element hier, das als einziges Wissen nutzen kann ohne mitteilzuhaben am Ausschluss anderer. Ich will vor allem überleben und irgendwann das Geld verdienen um wenigstens die Grundlebenskosten zu decken.

Auf der anderen Seite versuch ich mich also an praktischen kleinen Helfern, den Stress in der Öffentlichkeit zu überstehen, die Ängste zu überwinden oder zumindest abzumildern. Ich sammel solche Tipps auch und wenn ihr weitere habt, könnt ihr sie gerne in die Kommentare schreiben.

Was hilft (manchmal):

– Regelmäßigkeiten (morgens rechtzeitig aufstehen und genug Zeit haben um auch ein wenig zu trödeln; einen festen Bezugspunkt, also zB den Kaffee haben, ihn in Ruhe trinken können, duschen)

– Ablenkungen. Manchmal hilft Musikhören in der Bahn und auf der Straße. Manchmal macht mich aber das Gefuchtel mit dem Ohrenstöpseln so nervös, und dann frag ich mich wie laut mein Sitznachbar die Musik hört, usw, dass es nicht funktioniert und ich die Musik wegpacken muss. Ebenso mit dem Handy spielen. Die meiste Zeit überleg ich nervösierend ob die Nachbarin nun aufs Display schaut oder nicht, und wenn ja, dann stecke ich das Handy mit einem passivagressiven Seitenblick in die Tasche. Vermutlich bilde ich mir da eh alles ein, aber mit meiner Anxiety hat es nunmal dieselben Konsequenzen als ob es real wäre. Bei Büchern denke ich immer: Wenn die anderen es mitlesen, sollte es vielleicht nicht »Bi: Notes For a Bisexual Revolution« sein. Und dann übertreib ich gleich und stecke Kafka ein und langweile mich dann zu Tode.

– Fantasie. So jetzt kommen wir zu einem Thema, das ich lustig und angenehm finde. Ich bilde mir eine Menge ein und zwar sehr bewusst. Als Kind fantasierte ich mir auf langen Autostrecken Freunde vom Mars herbei, die auf der Leitplanke Schlittschuh fuhren und sogar Preise gewannen (und oh die Liebesgeschichten untereinander!). Jetzt wo ich erwachsen bin, wurde Fantasie wieder herausgekramt als Notwendigkeit um das bedrängte Herz zu beruhigen, zB sitzend neben einem Breitmachmacker, oder die Tasche wegzerrend unter ner Dame, die sich einfach draufsetzte. Als ich Christin war, mussten diese Bilder natürlich irgendwie göttlich angehaucht sein, denn ich verlasse mich. ja nur. auf Gott!!! Well, that changed. Hier also einige neue Bilder: zaubern können! Die Straße runterlaufen und Leute verfluchen, yay. Oder Schutzschirme herbeizaubern. Vielleicht auch nur ein ganz enges, v.a, wenn wieder viele Leute rempeln. Etwas weiteres, was mir half: Ich spiele in einem Rollenspiel mit (Pen und Paper) und bin dort u.a. eine sehr massive Kriegerin; wem Talislanta vertraut ist: Ich bin eine Thrall-Kriegerin und ich hab fünf verschiedene Waffen und neben mir läuft mein noch viel fetteres Reittier, eine Echse namens Micki. Ich hab schon im Rollenspiel selber realisiert, wie befreiend es ist nur allein schon in der Fantasie soviel Raum einzunehmen wie mein Thrall, und wie toll es war, mich beinah allein gegen die ganzen bösen Fieslinge zu erwehren, und wie wirksam jeder Schlag war, bäääm. Und wenn ich mir vorstelle, dass Micki neben mir sich in die Eingangshalle der Universität zu quetschen versucht, dann ist das schön und irgendwie befriedigend. Ich lese dazu in letzter Zeit mehr zu Hexen, weil mich das Bild der Hexe (irgendwie auch eines der Ideale von White Feminism oder) sehr fasziniert. Und es ist interessant immer wieder darüber zu lesen, wie viele irgendwelche »spells« machen um gegen Anxiety, soziale Ängste und Phobien anzugehen. Ich glaub es macht sehr viel mit uns, wenn wir uns Räume schaffen, in denen wir aktiv in unsere Umgebung einzugreifen versuchen. Es macht diese Umgebung weniger fremd und beängstigend, wenn wir Teil an ihr haben und Teile von uns in ihr zurücklassen.

– Vernunft. Ja, ich versuche es auch mit Vernunft. »Die Menschen wollen auch nur alle nach Hause«, »Vielleicht ist sie einfach genervt«, »vermutlich gehts den anderen ähnlich« und so weiter. »Er meint es nicht so« ist auch ein Liebling. Das Problem ist, dass ich meistens weiß, dass es stimmt, aber es beruhigt mich nicht. Ich vermute, es liegt daran dass »Vernunft« in meiner Vergangenheit zusehr die Stimme von Erwachsenen waren, die Gaslighting mit meinen Problemen und mir betrieben haben. »Du bildest dir das alles ein«, »ach du spinnst«, »beruhig dich mal«. Herauszufinden, dass ich Recht hatte und auseinanderzufriemeln, wo mich andere ruhigstellen wollten mit ihren Aussagen, war befreiend für mich. Doch die eigene Vernunftsstimme klingt manchmal ähnlich. Und wenn ich Angst habe, hilft mir das Wissen nicht weiter, dass mich niemand angreifen will. Ich muss an mein Gefühl heran und dieses beruhigen. Ich muss an die Grundfesten meiner Person heran und diese stabilisieren. Ich brauch einen emotionalen Zugang zu meinen Ängsten.

– Düfte. Ich hab von meiner Freundin ein Lavendelkissen geschenkt bekommen und meine Mitbewohnerin hat mir ein Lavendelduftöl gegeben. Mir hat es super gutgetan und ich habe mich sehr entspannt und konnte am selben Tag mehrere fremde Menschen ansprechen und habe mir sogar ne Art Uni-Bekannte gemacht, bei der ich sitzen kann und die sehr nett ist. So: Lavendel ist toll, und es aktiviert auch ganz andere Bereiche in mir, als es Vernunftgedanken je tun konnten.

– Therapie. Ich versuche an Therapie zu kommen, aber der Gedanke, das erste halbe Jahr damit zu verbringen, der Therapeutin ein bisschen Verständnis für intersektionelle Themen näherzubringen und dafür nichtmal bezahlt zu werden, ist nicht gerade der größte Ansporn.

Dies soweit erstmal :) Euch einen schönen Mittwoch!

7 Kommentare

  1. Lisa · November 12, 2014

    Atemübungen
    PRM – progressive Muskel Relaxation
    Achtsamkeitsübungen
    wenn es akut wird: auf etwas scharfes beißen, zB Chili

  2. finn · November 12, 2014

    Fantasie ist toll. Hab ich auch immer wieder feststellen müssen. Geht manchmal besser bei Musik bei mir. Deshalb hab ich ohrumschließende Kopfhörer. Weil vor nichts habe ich mehr Panik als dass mir wer zuhört. Die kann ich laut genug drehen ohne dass es wer hört (hab es extra getestet, wie laut geht. Die Angst ist trotzdem manchmal da, aber ich kann mich dann darauf berufen. Besser als nichts.)

    Und Menschen die einem aufs Display schauen sind schlimm. Gibt leider viel zu viele dieser Sorte. Weiß auch nicht wie damit umgehen bis auf diesen bösen Blick (in dem ich ziemlich gut bin).

  3. nicolai · November 12, 2014

    Alles nicht einfach.

    Es ist nur eine so eine Idee, aber vielleicht würde eine blickwinkeleinschränkende Folie für’s Handy etwas Erleichterung verschaffen?
    Dann kannst du dir sicher sein, dass die Sitznachbarin in der U-Bahn gar nicht sehen KANN, was auf deinem Handybildschirm zu sehen ist.
    Mich beruhigt das sehr, vielleicht ja auch euch.
    Der Nachteil ist, dass das Bild etwas dunkler wird.

    Kostet zwischen 5 und 15 Euro und gibt es vorgeschnitten für viele Handymodelle.

    Zum Beispiel bei Amazon:
    http://www.amazon.de/s/ref=sr_nr_p_72_0?rh=n%3A562066%2Cn%3A1384526031%2Cn%3A364918031%2Cn%3A364934031%2Ck%3Ablickschutzfolie%2Cp_72%3A419117031&keywords=blickschutzfolie&ie=UTF8&qid=1415789122&rnid=419116031

    Zum Selbstausschneiden gibt es das auch bei Mediamarkt und Saturn zu leicht überhöhten Preisen.

  4. Sofasophia · November 12, 2014

    Mag sein, dass du es doof findest, wenn ich sage, dass ich mich freue, nicht allein mit diesen Ängsten zu sein. Keine Schadenfreude, sondern eher so eine Art Wissen, damit nicht allein zu sein. Weiss ich zwar schon, aber du hast es einfach so exakt auf den Punkt gebracht.

    Drum bin ich total froh, diesen Artikel gelesen zu haben. Danke!

    Hast du auch zuweilen Atemkrämpfe (Panikattacken)?

    Was mich besonders anspricht in deinem Text ist am Anfang deine Gedanken über die „Daseinsberechtigung“ als Nicht-Arbeitende in einer Gesellschaft von Arbeitsgläubigen.

    (Ich war übrigens auch mal einige Jahre aktive Christin, ist aber schon lange her. Bin nun auch eher als „Zauberin“ unterwegs, denn als eine, die alles dem lieben Gott in die Schuhe schiebt.)

  5. Pingback: Universum Universität Unbehagen | Undercover of Color
  6. Trippmadam · November 12, 2014

    Was mir hilft:
    – mir bewusst machen, dass ich nur einen Schritt nach dem anderen machen kann/eine Aufgabe nach der anderen erledigen kann
    – das Wissen, dass manch andere genauso viel Angst hat wie ich.
    – Tanzen (ist für mich nicht so angstbesetzt wie Sport, hilft mir aber, mich zu entspannen)

    Im Moment geht es mir gut, aber um mich herum kämpfen einige mit Ängsten, die ich selbst auch kenne. (Übrigens lese ich gerade The Penguin Book of Witches, über Hexenprozesse in Nordamerika. Etwas schwierig, da stellenweise sehr altertümliche Sprache, aber sehr interessant.)

  7. kegelnde_möwe · November 12, 2014

    Bei (u.a.) „das Gefühl angestarrt zu werden“ … hatte ich spontane Assoziationen, unangenehm ist das.

    Ich bin mal zufällig auf einen Blogeintrag gestoszen der um um das Thema ging:
    http://mindhacks.com/2005/02/17/what-you-lookin-at/

    ’s geht um Studien dazu und Ergebnis war, dass Menshen nicht besonders gut darin sind zu erkennen wo andere Menshen genau hinshauen.

    [ab und an hilft es mir das ins Gedächtnis zu rufen …]