Erinnerungen/ Teile von mir

Inhalt: Familie, Abuse, Kinderheim, Depression, Krankheit, Diäten/Körper

Ich war bei der Hochzeit meines Bruders, und habe bisher keine pompösere und luxuriösere gesehen, was nicht viel aussagt, ich kenne nämlich keine reichen Leute. Mein Bruder ist aber auch nicht reich. Wieviel er es sich hat kosten lassen, damit er Teil der Community wird, in die er sich so lang hineingesehnt hat, nichtmehr allein definiert über seine Familienlosigkeit, sondern: als Mann einer Frau, als Teil einer beginnenden Familie, als … jemand.

Ich stehe am Rande dieser Welt, werde von meiner Mutter von Tisch zu Tisch und Gast zu Gast gezerrt, hier ist meine Tochter, wie reizend, du hast so abgenommen in den letzten zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, du liest ja nichtmal ein Buch! Ich lasse mich mitziehen, in Glitzerschuhen wandele ich herum, gerne bereit mich zu verwandeln, solange die Fremde in meinem Herzen die Fremde da draußen überwiegt. Ich liebe es, mich für solche Gelegenheiten aufzutakeln: plötzlich bin ich Frau für die anderen Frauen, plötzlich darf ich‘s sein.

Ich rede nicht mit meinem Bruder, die ganze Woche nicht. Ich habe Angst, hineingezogen zu werden in die letzten stressigen Vorbereitungen zur Hochzeit, Angst, seine Verzweiflung über den Zustand in unserer zersplitterten Familie zu sehen, Angst, Verantwortung übernehmen zu müssen für seine Trauer. »Ein depressives Kind« schrieben sie uns damals in unsere Akten, und ich weiß nichtmal mehr ob sie über mich oder ihn schrieben.

Teil einer Familie zu sein, in der emotionale Erpressung und Manipulation einer begegnete, prägt. Ich kann nicht lange mit meinem Bruder zusammen Zeit verbringen, wir fallen zurück in gewaltvolle Verhaltensmuster und wenn meine Mutter dazukommt, schlägt das Pendel ganz stark aus – – – meine Reaktion auf alles von ihm ist Rückzug. Er allein ist fähig mich noch zu verletzen. Deshalb entziehe ich meine Gefühle: Bruder, ich rege mein Gesicht nicht, wenn du mich belächelst, verhöhnst, mir die Schuld gibst. Wenn du Gaslighting einsetzt, lächel ich. Und nehme den Bus gleich am nächsten Morgen ganz früh, zurück nach Hause.

Berlin. Ist eine Flucht von meiner Familie, von den Realitäten des ewigen Anderssein in ihren Armen. Warum kommst du nicht zu uns? Hast du einen Freund? Jetzt bist du an der Reihe. Hast du abgenommen? Lerne Türkisch.

Jeder Satz ein Schlag ins Gesicht.

Nein, Familie, ich kann kein Türkisch. Ihr habt mich weggegeben, wisst ihr noch? Wegen euch bin ich im Heim aufgewachsen, inmitten von Weißdeutschen, und ich musste mich anpassen. Und wann habt ihr jemals versucht mir zu helfen, Türkisch zu verstehen? Wann habt ihr mir was im Fernsehen übersetzt, wenn ihr mich mal wieder gezwungen habt, stundenlang türkisches Fernsehen mitzuschauen. Wann einmal nicht ungeduldig mit der Zunge geschnalzt, wenn ich nach der Übersetzung fragte?

Ihr wollt keine Arbeit mit mir.

Nein, ich habe keinen Freund. Ich bin bisexuell, liebe Familie, ich liebe Männer und Frauen und Menschen, die nicht Teil dieser Kategorien sind. Ich würde euch liebendgerne mal eines Tages jemanden vorbeibringen, ich würde euch zumindest nur einmal von ihr erzählen, als Nebensatz zumindest. Aber nach einem Leben außerhalb der heteronormativen Bedeutsamkeiten zu fragen, ist euch schon zuviel. Habt ihr jemals auch nur nach meinen guten Freund*innen gefragt? Habt ihr jemals gewusst, wer mich zum Lachen bringt, in mir warme Gefühle auslöst, wen ich anrufen konnte, wenn es mir ganz schlecht ging und ihr nicht da wart, nie?

Ihr wollt keine Arbeit mit mir.

Nein, ich besuche euch nicht ständig. Weil es mich erschöpft, dass immer ich es bin, die das Geld und die Zeit dafür haben muss, euch zu besuchen in euren Leben. Schaut: Ich habe ein Leben in der Stadt hier. Interessiert euch das? Wisst ihr, welche U-Bahn ich benutze, wenn ich zur Arbeit fahre? In welchem Kiosk ich meine Sonnenblumenkerne hole? Wisst ihr, dass ich gerade in einer reinen Zweck-WG wohne, in der ich es scheußlich finde; wisst ihr, dass kleine Räume meine Depression verstärken und dass ich mir heimlich ein Aquarium wünsche, obwohl ich das nicht mit meiner Tierbefreiungspolitik in Einklang bringen kann?

Ihr wollt keine Arbeit mit mir.

Ja, ich habe abgenommen. Das erste Mal, als ich hungern musste, weil es zuwenig Geld in meinem damals achtzehnjährigen Leben gab. Das zweite Mal, nachdem ein Depressionstief mich zwei Tage lang im Bett zum Erliegen brachte und ich nichtmal mehr trinken konnte. Ich werde das Gefühl des Ausgelöschtseins nicht mehr vergessen. Ich werde nicht vergessen, dass das meine Reaktion war auf die Wünsche derer, die mich vergessen haben: zu verschwinden, damit ich keine Schuldgefühle mehr auslöse. Mich zu reduzieren, weil mein Wollen schon zuviel ist. Wisst ihr, dass ich Krankheiten habe, wegen denen ich nun meine Ernährung umstellen musste? Ich hab eine Krankheit, die meinen ganzen Körper in hormonellem wie psychischem Ungleichgewicht hält, so dass ich tagtäglich nur Stunden darin investiere wenigstens ein paar Stunden so leistungsfähig zu sein wie andere den ganzen Tag. Wisst ihr, dass ich chronische Bauchschmerzen hab, seitdem ich 15 Jahre alt bin? Dass es mich Tag für Tag quält und ich erst realisieren musste, dass es anderen nicht ständig so geht? Dass ich schauen muss, wie ich reise, und wieviele Menschen ich in der Woche treffe und dass ich schon Angst habe rauszugehen, aus Angst, dass es gleich wieder losgeht?

Ich rede gerne und viel über systematische Scheiße. Darüber, dass die Gesellschaft uns zu dem macht, was wir sind, dass wir das Ergebnis materieller Ausbeutung und sozialer Aushandlungsprozesse sind: dass wir nichtig sind und zerstört werden in einem menschenverachtenden System. Wieso ich heute über eure Schuld rede? Weil ich mir glauben machen will, dass ihr mir nicht egal seid. Dass ich nicht schon zu gleichgültig bin, um überhaupt nach den Konsequenzen eurer Aktionen zu fragen, die Kettenreaktionen auslösten. Die meine Kindheit zerstörten, die mich heute Angst haben lassen vor Menschen, Beziehungen, Leute gehen zu lassen, Leute in mein Leben zu lassen. Wenn ihr nur wüsstet, wieviele verschiedene Menschen ich kennenlernte, wieviel Leben da durch mein Leben ging und mich mit sich nahm, Stück für Stück, bis heute niemand mehr da ist, mit dem ich über die Zeit im Kinderheim in Lehrte reden kann oder über diese eine Svenja, die damals in die Psychiatrie kam oder übers Prügeln mit dem Heimarschloch, übers gemeinsame Abhauen im monatelangen Versteckspiel mit den Betreuer*innen, über Abflussrohre an irgendwelchen versifften Bächen, in denen wir spielten, übers Schuleschwänzen. Übers fleißige Lernen für die Bio-Lehrerin die ich beeindrucken wollte, über den ersten großen Crush, über das erste Mädchen, in das ich mich verliebte und ihre wilden blonden Locken (ihr hättet ihre Haare so geliebt).

Wenn ihr wüsstet, wie es ist, Erinnerungen zu haben, die ihr mit niemanden teilen könnt. Es ist irgendwann, als ob man nur noch fantasiert; denn was andere Menschen nicht auch sehen, das kann es doch nicht geben? Es ist als ob es ein Traum gewesen wäre; du kannst niemanden erklären, wie sich das anfühlte; sie hätten da sein müssen. Ich weiß nicht wie es sein muss, wenn im Alter alle Freund*innen um eine herum sterben; aber manchmal glaube ich es ist ähnlich wie dieses Reisen durch Welten: Menschen die man abgeben muss, von denen man sich oft nichtmal verabschieden konnte; eine Vergangenheit, die einfach nicht lebendig werden will in einem; die grau zurückliegt ohne das Aufleuchten von geliebten und vertrauten Augen, wenn darüber erzählt wird.
Ich vermisse all diese Menschen. Ich vermisse euch so sehr.

3 Kommentare

  1. Hinweis · Juli 11, 2014

    Du solltest dir den Gaslighting-Link vielleicht noch mal genauer anschauen…

  2. Bäumchen · Juli 11, 2014

    I see what you mean. Hab jetzt mal den englischen Wikiartikel stattdessen verlinkt. Fands spannend weil der gaslighting.twoday.net auf die Geschichte des Begriffes eingeht, aber er befasst sich ja kaum oder gar nicht mit dem Spektrum häuslicher Gewalt.

  3. Uli · Juli 11, 2014

    Familien, die sich nicht aufrichtig interessiert, wirksam kümmert oder rücksichtsvoll verhält, sind scheiße. Es ist auch scheiße, dass Dir Deine Familie so übel mitgespielt hat und weiter mitspielt. Du bist nicht nur Teig für deren Förmchen. Ich weiß, der eigene Seelenteig braucht oft lange, um wirklich der eigenen Art nach aufzugehen. Aber das heißt nicht, dass er nicht irgendwann genau richtig und lecker sein wird. :-)

    …ja, es gab hier heute was mit Hefeteig. ;-D