Wer entscheidet, ob ich eine Frau bin? (Spoiler: Ich bin keine.)

Inhalt: Sexismus, Street Harassment, Male Gaze

(Ich hab über das Thema schonmal getweetet; wer sich gelangweilt fühlt, gehe doch einfach wieder)

((Ich bin derzeit verwirrt, was die Sternchen-Benutzung in Bezug auf trans* und trans betrifft und lasse sie diesmal aus und versuche nonbinary Menschen, zu denen ich mich selber zähle, andersweitig zu erwähnen. Auch über Worte wie cis und trans bin ich mir manchmal unsicher, da ich tatsächlich einfach nicht weiß, ob ein Mensch das ist und ich das andauernde »vor allem cis Männer« vermeiden möchte))

Mich hat schon immer gewundert, inwieweit sich Transmisogynie und „klassische“ Misogynie ähneln. In beiden Fällen ist nämlich das Bild der »idealen Frau« vorgegebener Maßstab, an dem cis wie auch trans Frauen scheitern und scheitern müssen. Und cis wie trans Frauen müssen an ihren Körpern „arbeiten“ wie an Projekten, dürfen nichts dem Zufall überlassen und investieren Zeit und Geld in ausgiebiges Körpermanagement.
Soviel zu »natürlicher Weiblichkeit«.

Wer entscheidet, wer eine Frau ist? Etwa cis Frauen?

Ich denke wir alle sind daran beteiligt, die Bilder von Geschlecht mitzugestalten; für die Zukunft, für uns, mit dem was mittels Zwang von anderen in uns hineingelegt wurde, mit dem, was wir uns durch unseren eigenen Mut und den Mut anderer erarbeiteten, und auch mit dem, wo wir selber Zwänge weitergeben.

Immer wieder fällt mir bei Debatten um Street Harassment mein eigenes Unwohlsein darüber auf. Ich musste lange darüber nachdenken, was mir dieses Unwohlsein schafft. Ich erfahre keine offene sexuelle Belästigung, zumindest nicht mehr seitdem ich erwachsen bin. Street Harassment gab es für mich von 10 bis 16 Jahren, gerne von alten Männern, a.k.a. eklige, alte Säcke (so jetzt hab ich endlich etwas nachgeholt!), danach hörte es schlagartig auf.

Mein erster Gedanke war, und er klingt absurd, aber vielleicht muss ich ihn gerade deshalb nennen: Bin ich etwa beleidigt, weil ich nicht sexuell belästigt werde? Als ein Freund in einer ebensolchen Debatte von einer Bekannten erzählte, die regelrecht depressiv wurde, weil sie nach einem Umzug nicht mehr erlebte, dass ihr auf der Straße nachgerufen wurde, hielt ich das für Mackergeschwätz und für ein faules Argument, dass Street Harassment ja eigentlich gar nicht so schlimm sei, gar notwendig für manche Frauen!

Jetzt habe ich aber den Eindruck, ich kann eher benennen, was mich stört. Es ist der Gedanke, dass doch Alle Frauen(tm) Street Harassment erfahren. Es scheint so sehr Teil weiblicher Identität zu sein, vorbereitet auf dumme Sprüche zu sein, sich für Partys und Clubs abzusprechen, wo man langgeht und wie man wieder weggeht, Anmachen zu kontern. Die Seufzer, eine Mischung aus Wut und Resignation, die mir suggerieren: Immer werden *wir* so behandelt.

Die Sache ist: Es gibt kein „Wir“, zumindest nicht eins, das synonym mit „die Frauen(tm)“ einhergeht. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Organisierung von Menschen geben soll, die sich gegen Street Harassment richtet ( im Gegenteil, aber dazu später mehr). Ich will heute v.a. den Fokus darauf richten, was es in mir auslöst, und das ist, dass ich das Gefühl oder den Eindruck vermittelt bekomme, dass ich keine Frau sein kann.

Nun ist der Witz dabei: Ich identifiziere mich ja auch nicht als Frau, haha, right, so what is my problem anyway? Aber die Sache ist so: Ich wähle meine Identität, ich sage, wenn ich mich nicht als Frau sehe, weil ich das für mich so fühle – und nicht, weil andere mir das sagen oder mir das Gefühl geben. (Aber auch hier könnte ich n ganzen Blogpost wieder darüber schreiben, wie gewaltvolle Zuschreibungen die Freiwilligkeit von Identitäten in Frage stellen)

Und es sind immer wieder v.a. Männer, die durch ihre Blicke, ihre Sprüche, aber auch ihr Schweigen, ihre Abfälligkeit und Ignoranz zuweisen, wer für sie »Frau« ist/sein kann und wer nicht. Street Harassment hat einen riesigen Anteil an der Konstruktion von Geschlecht, aber eben nicht nur durch das was diese Männer(es sind meistens Männer) tun und sagen, sondern auch durch das, was sie nicht tun, wen sie nicht ansehen, wen sie übersehen. Ich glaube, dass einige Menschen, darunter v.a. Frauen und solche, die so gelesen werden, es kennen und fürchten, die ersten Sekunden, in denen sie auch z.B. in lockerer Gesellschaft von Männern gemustert werden und darauf warten, dass deren Blick desinteressiert entgleist und sie sich darauf gefasst machen können, einen ganzen Abend von diesem Mann aus Prinzip übersehen zu werden. Diese Objektifizierung ist auch eine, auch wenn sie nicht so offen im Raum steht wie die Anmache. Und sie macht genauso was mit uns, auch wenn uns das selber noch nicht klar ist in dem Moment.

Dicke Frauen, hässliche Frauen, queere Frauen, queere Männer und viele andere Menschen werden offen beleidigt und erfahren Street Harassment eben schon per se nicht als „Anmache“, sondern als (offene) Entwürdigung ihrer Menschlichkeit. Hier scheint Street Harassment gar „Korrektur“funktion innerhalb eines normativen Geschlechtersystems zu haben, womit sich noch mehr erklärt, warum manche Männer meinen, Frauen(tm) sollten für Anmachen doch dankbar und geschmeichelt sein. Sie haben nämlich durchaus recht damit, dass ihr Blick und ihre Zuweisung sehr viel Gewicht in dem Selbstbild des meist frauisierten und_oder femininen Gegenübers hat. Das liegt nicht an rein emotionaler Abhängigkeit der objektifizierten Personen, wie oft behauptet, sondern an der Macht, die der Male Gaze in der Gesellschaft ausübt und mit der er Bedeutung zuweist, an der Gewalt, mit der Männer sich im Kyriarchat durchsetzen und die sie ausüben, um Machtgefälle zu erhalten und die Privilegien, die viele von ihnen innerhalb der normativen Zweigeschlechtlichkeit genießen.

Wie ich bereits erwähnte, geht es mir nicht darum, wichtige Debatten um Sexismus und Street Harassment zu demontieren. Mir geht es um die Verletzungen, die irgendwie implizit im Ungesagten, Unbenannten drinstecken; um die Isolierungen, die der Male Gaze und seine Zuschreibungen erschaffen: nämlich zwischen uns, die wir uns gegen diese Zuschreibungen wehren. Es stellt sich zeitgleich die Frage, inwieweit in einer sexistischen Gesellschaft »Schönsein« von Frauen und Frauisierten tatsächlich ein Privileg ist; ein Gedanke, den ich glaub ich so mal von @samiaalthar gehört habe [(ich bin mir nicht ganz sicher)edit: nein, es war wohl Ezra, siehe Comment]; inwieweit auch Femininitätsfeindlichkeit uns entsolidarisiert mit denen, die Sexismus und Street Harassment abbekommen. Dann wieder auch die Frage nach Liebe und Anerkennung die viele von uns auch durch Männer erfahren_wollen; seien es unsere Väter, Brüder, Bekannten, Freunde oder unsere Geliebten. Ich weiß, dass ich diese Liebe und Anerkennung möchte. Aber nicht mit dem Preis dessen, was das Kyriarchat fordert.

7 Kommentare

  1. Ezra · Mai 5, 2014

    Hey, ich denke ich hatte mal von diesem Open Thread erzählt darüber, ob es Beauty Privilege gibt. Ich glaub die kollektive Antwort war „so irgendwie ein bisschen, aber is auch schnell wieder weg“. ^^

    Great article btw und nicht verwirrt ;)

  2. Theresa · Mai 5, 2014

    Der Artikel spricht mir in so einigen Punkten aus der Seele.
    Ich kenne dieses Unwohlsein, die Unsicherheit mit der Femininität, und will ich das überhaupt oder bin ich lieber „eine von den Jungs“ (in männerdominierten Umfeldern ggf eine vorteilhafte Strategie)?

    Vielen Dank für den Artikel und die Denkanstöße! :)

  3. käsebrot · Mai 5, 2014

    „Das liegt nicht an rein emotionaler Abhängigkeit der objektifizierten Personen,…, sondern an der Macht, die der Male Gaze in der Gesellschaft ausübt und mit der er Bedeutung zuweist, an der Gewalt, mit der Männer sich im Kyriarchat durchsetzen und die sie ausüben, um Machtgefälle zu erhalten“

    Male Gaze hat aber nur Macht, weil es emotional abhängige Personen gibt, die Bedeutungen zuweisen und MAchtgefälle herstellen durch Unterwerfung.

  4. Profilbild von Bäumchen
    Bäumchen · Mai 5, 2014

    @käsebrot
    Nope. Male Gaze hat Macht, weil es mit Gewalt verbunden ist. Dein Kommentar pathologisiert die Betroffenen („emotional abhängig“)und gibt ihnen obendrein die Schuld für Machtgefälle. Sie stellen das Machtgefälle nicht her und sie weisen die Bedeutung nicht zu! Es wird ihnen aufgezwungen, alles was von Betroffenen sexueller Belästigung ausgeht, ist eine Reaktion darauf, manchmal auch Überlebensstrategien, die der Gewalt nicht im mindesten ebenbürtig sind.

  5. käsebrot · Mai 5, 2014

    „Sie stellen das Machtgefälle nicht her und sie weisen die Bedeutung nicht zu!“

    Doch, genau das tun sie indem sie sich (relativ) widerspruchlos unterwerfen, sich in die 2. Reihe verweisen lassen, sich gegenseitig verweisen, be- und abwerten, Männer hingegen aufwerten usw. und diese Verhaltensweisen fortschreiben und weitergebem. Sie sind zwar nicht allein „Schuld“ am Machtgefälle, falls man von Schuld überhaupt reden kann, aber sie tragen ebenso Verantwortung an den Verhältnissen, weil sie sie dulden, akzeptieren und aktiv wie passiv unterstützen und paktizieren. Es sind Frauen, die andere Frauen in ihre Rolle verweisen und Männern Macht einräumen. Dazu werden sie nicht gezwungen. Es wird Frauen z.b. nicht „aufgezwungen“ Hausarbeit zu machen. Sie machen sie freiwillig. Nun kannst du natürlich einwenden, dass sie dazu sozialisiert worden sind. Das stimmt. Aber wer soll denn diese Sozialisation hinterfragen und aufbrechen? Die Männer? Wohl kaum.

    • Profilbild von Bäumchen
      Bäumchen · Mai 5, 2014

      @käsebrot
      Du verfehlst es nicht nur, die Verantwortlichen zu benennen, nein du verschiebst die Verantwortungen. Die Unterdrückung geht von den Männern* aus. Der Sexismus geht von den Männern* aus, die sexualisierte Gewalt geht von den Männern* aus. Anstatt zu sagen: Stop the r*pe, stop the hate, stop the sexism! zu den Typen, machst du das, was etliche mit Frauen* schon immer gemacht haben: Victimblaming. Wenn sie sich nur wehren würden!!!einself Wenn sie nur zusammenhalten würden!!! Du wirfst Worte wie »freiwillig« herum und das in einer Welt, die von den Zwängen des Kapitalismus bestimmt wird. Dass du Aussagen bringst wie »sie unterwerfen sich (relativ) widerspruchslos« zeigt, dass du kaum Frauen* kennst – oder du sie hasst. Du tust, als sei es nur die weibliche Sozialisation, die hier irgendwie angesprochen werden soll, STATT auf die männliche Sozialisation zu schauen, in der Jungen nicht beigebracht wird, dass sie nicht unterdrücken sollen, nicht belästigen sollen, in der ihnen gesagt wird »BOYS WILL BE BOYS«. Hier etwas Neues für dich: Für das Fehlverhalten von Männern* sind Frauen* nicht verantwortlich. Nur weil Männer* nicht bereit sind, sich darum zu kümmern, wird es nicht zur Aufgabe der Frauen*. Ja, Frauen* müssen sich mit internalisiertem Sexismus auseinandersetzen. Aber das wird die Wurzel des Sexismus innerhalb der Gesellschaft nicht entfernen.

  6. Marishiki · Mai 5, 2014

    hier nur mal ein kleiner feedback-kommentar:

    ich hab diesen post und http://rumbaumeln.blogsport.eu/2013/11/13/geschlecht-das-heisst-mich-verstehen-lernen/ jetzt schon häufiger gelesen und deine überlegungen helfen mir sehr dabei, mich selbst mehr und mehr einzuordnen, was geschlechtsidentitätsdingens angeht – meine gefühle und gedanken dazu besser verstehen und auch (für mich, manchmal auch andere) besser zu formulieren. dankeschön.

    n_n <3