Ein Gedanke zur Sexwork-Debatte und Marx

Im Vortrag gestern von Georg Klauda ging es um die Kritische Theorie und wie ihr romantischer Blick auf die Gesellschaft eine Verschiebung der gesellschaftlichen Problematik erzeugte: Statt die Klassengesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu stellen, wird diese nur oberflächlich angeschnitten und das eigentliche Problem seien der Warenfetisch und die Verdinglichung.

Mein Blogpost dient mir erstmal dazu, das Gelernte für mich umzuformulieren (*hust* war ein bisschen schwer zu verstehen *hust*) und die Gedanken festzuhalten; vielleicht gibt er ja auch Anstöße.

Ich fands interessant, wie er mir half einen Punkt zur Sexworkdebatte zu verstehen. Nämlich dort wo von einigen Marxist*innen auf Twitter bis zur konservativen Alice Schwarzer alle mal mehr, mal weniger differenziert von »Sex als Ware« sprechen. Diese Warenförmigkeit wird eben andauernd hervorgehoben und dabei vergessen, was Marx als tatsächlichen Grund für den Zusammenhalt der bürgerlichen Gesellschaft sah, nämlich Armut und Ausbeutung.

Das Schlimme ist, dass die Hervorhebung von dem Buzzword »Ware« ganz gut in den Diskurs über Freiheit im Kapitalismus passt: Solange der Mensch selber nicht zur Ware werden würde, sei er frei und an dieser Freiheit (»freier Lohnarbeiter«!) wird festgehalten und soll Vorbild sein für die ganze Welt. Aber nicht das ist das genuine Problem im Kapitalismus, dass der Mensch und seine Umwelt warenförmiger werden (könnten), sondern eben die Existenz der freien Lohnarbeit, also das Verhältnis zwischen Produzent*innen und Eigentümer*innen der Produktionsbedingungen. (edit: »Eigentümer der Produktionsbedingungen« statt »Produktionsmittel« ist direktes Zitat von Marx, falls ihr verwirrt seid …)

Nicht umsonst passen die Debatten über »Sex als Ware« auch gut in einen bürgerlichen bis konservativ bürgerlichen Diskurs. Statt also die prekäre Situation von Sexworker*innen in den Blickfeld zu nehmen oder sogar ihre Kämpfe zu unterstützen, wird der Blick abgelenkt zu einer moralisch-bürgerlichen Verfärbung des marxistischen Grundgedankens und einer oft romantischen Haltung zu Sexualität und Intimität, mal mehr, mal weniger bewusst.

Ein weiteres Beispiel für die Romantisierung oder »Verinnerlichung« gesellschaftlicher Probleme sieht Klauda bei Erich Fromm in dessen Studie über den autoritären Charakter. Einer ganzen Masse an Menschen bestimmte Eigenschaften zu unterstellen, um das Problem des Nationalsozialismus zu erklären, gleiche den Dynamiken der Rassifizierung. Auch hier würde wieder vom Innerlichen, also dem autoritären Charakter als Basis der bürgerlichen Gesellschaft des Nationalsozialismus ausgegangen anstatt die kapitalistische Ausbeutung und ihre Konsequenzen in den Blick zu nehmen.

Soweit habe ich den Vortrag für mich erstmal interpretiert… natürlich muss nicht immer Marx‘ Analyse als Grundlage oder Maßstab für jede Betrachtung und Beobachtung der Gesellschaft genommen werden. Als Antikapitalistin mit dem Wunsch, solidarisch gegenüber Sexworker*innen zu sein, hilft mir der hier erläuterte Gedankengang jedoch sehr.

6 Kommentare

  1. ele · Februar 18, 2014

    nice – ja das macht alles so super sinn; danke fürs ausformulieren!

    und noch one thing zum ‚vortrag‘: ich fands total schrecklich wie der typ geredet hat und die ganz atmosphäre!! also: der typ hat nicht nur das ganze überhaupt nicht angekündigt (ich spreche jetzt so lange und dann könenn wir ja gemeinsam quatschen) sondern einfach losgelegt und dann irgendwie (gefühlt) nie wieder aufgehört. rhetorik fand ich grauenhaft (ich konnte kaum zuhören) und auch sonst gab es wenig was mich bei laune gehalten hat (vor allem nich die pissige bar-person die meinte mich und eine genossin* die ganze zeit anzischen zu müssen bis hin zur aufforderung wir mögen bitte gehen wenn wir lachen wollen — zu viel autoritarismus oder was?). als dann auch noch der referent (samt mind. zwei weiteren menschen aus dem publikum bzw. eine person war die bar-person) anfing ‚entspannt‘ zu rauchen, obwohl es am anfang eine bitte gab bitte in den engen räumlichkeiten während der veranstaltug nicht zu rauchen damit alle bleiben können, kriegte ich dann endgültig das kotzen und bin mit meinem dad gegangen.

    ich glaube einige von klauder angesprochenen punkte sind ganz interessant wobei ich gemerkt habe wie viele lücken seine position hat bzw. wie unkonsequent es ist über die akademisierte/universitäre ‚kritische theorie‘ her zu ziehen und zu den ‚wahren arbeiter*innenkämpfe‘ auszurufen und dann so eine veranstltung mit im schnitt (und diesen haben wir drei als w*oc gut balaciert) 30+ weißen marxplainern zu veranstalten. wer soll hiervon profitieren? wie kannd ies praktisch angewendet werden? yes, let’s do theory – mach ikk ja auch… aber doch mit persektive?! naja – also so viel zur veranstaltung; dein post dazu find ich jedoch super:)!

  2. alkohol · Februar 18, 2014

    Ein weiteres Beispiel für die Romantisierung oder »Verinnerlichung« gesellschaftlicher Probleme sieht Klauda bei Erich Fromm in dessen Studie über den autoritären Charakter. Einer ganzen Masse an Menschen bestimmte Eigenschaften zu unterstellen, um das Problem des Nationalsozialismus zu erklären, gleiche den Dynamiken der Rassifizierung. Auch hier würde wieder vom Innerlichen, also dem autoritären Charakter als Basis der bürgerlichen Gesellschaft des Nationalsozialismus ausgegangen anstatt die kapitalistische Ausbeutung und ihre Konsequenzen in den Blick zu nehmen.

    Was sich ja einfach beobachten lässt, ist eine Tendenz zur Verachtung der Proleten (die ja durch ihre Affirmation selber schuld an ihrem Elend seien) und eine Distanzierung vom schlechten, alten Marxismus der Arbeiterbewegung (der ja schließlich in den Stalinismus geführt habe).
    In dem Zusammenhang von Rassifizierung zu sprechen, finde ich nicht abwegig.

    Den „autoritären Charakter“ muss man jedoch erstmal als ideologiekritische Erklärung ernstnehmen. Zwar war die Psychoanalyse insofern ideologisch, als dass sie von anscheinend ewig gültigen Beschaffenheiten der Seele ausgeht und Naturgesetze der Psychodynamik behauptet.
    Aber Fromm, Adorno usw. waren vielleicht doch gerade noch Marxisten genug, dass sie den „autoritären Charakter“ nicht als anthropologische Konstante verstanden wissen wollten. Sondern als etwas unter gesellschaftlichen Bedingungen historisch Gewordenes.
    Ich würde ja erstmal davon ausgehen, dass wenigstens der zeitlichen Reihenfolge nach die bürgerliche Gesellschaft Grundlage eines „autortären Charakters“ ist (wenn denn überhaupt was dran ist) und nicht umgekehrt.

    Ideologie bezeichnet falsche Vorstellungen, die nicht einfach mal eben so zufällig auftauchen können. Das heißt nicht unbedingt, dass es da eine strenge Notwendigkeit wie bei Naturgesetzen gibt. Aber es ist ja z.B. unbestritten, dass die Mehrheit der Deutschen das antionalsozialistische Programm unterstützt hat. Gibt es dann nicht einen Erklärungsbedarf?

  3. alkohol · Februar 18, 2014

    Huch, ich meinte natürlich „das nationalsozialistische Programm“.

  4. Bäumchen · Februar 18, 2014

    @ele
    Ja, das war … interesting :D Hab manchmal den Eindruck, dass zum Problem dazugehört, wie oft weiße Typen Anerkennung oftmals nur – von anderen weißen Typen suchen. Deswegen geben sie sich mit so einer Veranstaltung wie gestern zufrieden. Es war klar; die in der vorderen Reihe und der Vortragende hätten sich Ewigkeiten die Bälle zuspielen können. Aber zumindest wurde die Kritik im Bezug auf die Sprache ohne längeres Hin und Her angenommen.
    Ich versteh auch nicht die völlige Losgelöstheit von Praxis und Theorie hier. Ich verstehe nicht die Unverständigkeit wenigstens in den kleinen Dingen, ich mein seriously, sich aufregen weil ihr über n Witz des Vortragenden lacht und dann dieses Losrauchen? o.O Ich frag mich immer ob die Verachtung gegenüber Aspekten wie Höflichkeit, Freundlichkeit und Co. daraus resultiert, dass man sie Frauen* zuspricht und sich diese Dudes und manche Dudettes nicht damit »abgeben« wollen.

    @alkohol
    Für mich ist es so: Kritik soll etwas hinzufügen, nicht etwas wegnehmen. D.h. mir geht es nicht darum, den Studien über den autoritären Charakter abzusprechen, das sie ein gewisses Werkzeug bieten. Für mich war das Wichtigste die [Gefahr der] Verwechslung von Wirkung und Ursache.

    Ich denke, bei dem Vortrag gings auch viel um die Hinterlassenschaft/Legacy von Marx, viel um einen Konflikt zwischen antideutscher Auslegung und derer, die Wertkritik eher ablehnend gegenüber stehen. Das muss ich mir natürlich mitdenken. Es ging darum nachzuzeichnen, wie »treu« die Kritische Theorie der marxistischen Theorie gegenüber ist, und wieviele Elemente sie zB von solchen bürgerlich-geistigen Bewegungen wie der Lebensphilosophie entnommen hat. Basically war es eine »Wer ist linker?-«Auseinandersetzung ;) Ich habe mir das entnommen, was ich wichtig fand.

  5. Samia · Februar 18, 2014

    @alkohol „Den “autoritären Charakter” muss man jedoch erstmal als ideologiekritische Erklärung ernstnehmen.“

    Warum? Finde ehrlich kein Argument in dem Absatz. Ob eine Erklärung marxistisch/richtig (lol) ist, lässt sich jedenfalls nicht über den Zirkelschluss nachweisen, dass sie von Marxist_innen kommt. Und dass diese versuchen, ihre Erklärung materialistisch zu begründen, macht sie halt auch noch nich richtig.

    Beim autoritären Charakter gings glaub ich eher darum, dass er für das Verständnis des Erfolgs der NS-Ideologie vielleicht grade nützlich sein könne, aber das Wesen der demokratischen bürgerlichen Gesellschaft völlig verkenne: Es sei eben unsere Freiheit (vor dem Hintergrund des stummen Zwangs der Verhältnisse), die uns fügsam mache. Das hier der Zitatezettel von der VA, relevant sind Nr. 2 und 3: https://dl.dropboxusercontent.com/u/1082272/Zitatzettel%20Von%20der%20Arbeiterbewegung%20zur%20Kritischen%20Theorie.pdf

    @ele „über die akademisierte/universitäre ‘kritische theorie’ her zu ziehen und zu den ‘wahren arbeiter*innenkämpfe’ auszurufen und dann so eine veranstltung mit im schnitt (und diesen haben wir drei als w*oc gut balaciert) 30+ weißen marxplainern zu veranstalten“

    +1000. Es gibt kein Interesse an Inklusion.
    Wenn wir nicht kommen, liegt es an den Verhältnissen: Weil wir halt arbeiten müssen und nach Feierabend keine Energie mehr haben, weil wir eh alle nen falsches Bewusstsein haben etc. – aber es hat auf gar keinen Fall jemals was mit der Art der Veranstaltung zu tun, damit wer spricht, wie si:er spricht, mit wem si:er spricht, wo sie stattfindet, wer sie organisiert, welches Klima dort herrscht (pun intended) und ja, ob da verdammt noch mal geraucht wird. (Dieser Absatz ist ironisch gemeint.)

  6. george · Februar 18, 2014

    Ich bin über einen Tweet von @puzzlestuecke hierhergekommen… ich weiß nicht was GC da zusammengefaßt hat, ich wollte nur kurz sagen, daß die Kritische Theorie von Marx sowas wie die erkenntnistheoretischen Momente übernommen hat (ganz stark vermittelt über Lukcács). D.h. zu ganz großen Teilen ging es darum zu erklären, warum die Revolution nicht stattgefunden hat und statt dessen der Nationalsozialismus. Einer der Gründe ist, daß die Ursache für Armut und Ausbeutung nicht als etwas Strukturelles wahrgenommen werden kann, sondern gewissermaßen als Einzelschicksale. Dagegen kritisierte die KT in Anlehnung an Marx, „die zweite Natur“ – und das tun wir ja heutzutage auch, indem wir z.B. die Konstruktion von Geschlecht als gesellschaftlich begreifen. Was uns ’natürlich‘ erscheint, ist es einfach nicht.

    Die Probleme liegen m.E. eher im Dogmatismus der derzeitigen Anhängerinnen Kritischer Theorie, also darin daß viele, die sich auf Kritische Theorie berufen, immer noch so tun als seien Untersuchungen aus den 20er, 30er und 40er Jahren der Weisheit letzter Schluß, statt einzusehen, daß das was so „kritisch“ an der KT sein sollte eben war, daß sie sich als Work In Progress reflektiert. Die ursprüngliche „Belegschaft“ waren allesamt bürgerliche, jüdische Männer die einige Zeit im Exil zugebracht haben und das hat ihnen einerseits Erkenntnismöglichkeiten eröffnet, andererseits viele aber völlig verschlossen.

    Deswegen bin ich der Meinung, daß ein Schwenk auf „die Suche nach dem revolutionären Subjekt“ erst mal sowas wie eine Derailing-Taktik ist – denn zu großen Teilen wird ja gar nicht mitreflektiert, daß diejenigen Menschen, die am meisten ausgebeutet werden, längst nicht mehr in unserem Land sind, sondern eben in sog. „Billiglohnländern“ für unseren Lebensstandard schuften. Damit will ich jetzt nicht Armut in D negieren, sondern nur sagen, daß es ja gute Gründe gibt, warum ‚race‘, Kolonialismus, Gender und so weiter alle noch mit in die Diskussion reingehören und auch wie es sein kann, daß die Menschen hier so völlig wurstig sind, wie es anderen geht. Von wegen ‚internationaler Solidarität‘ und so.

    Blablabla.