Kein Sex (II): Class/Sex/Race: Liebe und begehre mich (trotzdem)

Ich las die Tage bei Engels in »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« über die spezifische Eigenschaft der Monogamie unserer Gesellschaft und ihrer Geschichte, dass sie immer nur als Einschränkung für die Frauen* galt. Sie galt nie für besitzende Männer. Konkubinen, Nebenfrauen, mit Sexarbeiter*innen schlafen, Geliebte haben; all das war bürgerlichen Männern oder denen, die Teil der Herrschaftsklasse waren, geschichtlich gestattet oder es wurde wohlwollend drüber hinweggesehen. Noch krasser ist, wo Engels das gegründet sieht: Nämlich in der Sklav*innenhaltung, die dem besitzenden Patriarchen gestattete, Zugriff auf mehrere Frauen zu haben.

Nun, seit Engels schrieb, ist viel Tinte geflossen, und heute gibts dazu sicher mehr und differenzierteres zu lesen, gerade auch von Frauen* selber. Ich muss zugeben, dass ich ihn vor allem deshalb erwähne, weil er von linken Mackern gerne – weil Marx! weil Engels! – gefeiert wird.

In dem Kontext fragte ich mich jedoch, inwieweit sich da weiße linke Männer*, heutzutage die Idee, »poly« zu sein, nicht angeeignet haben. Gerade Poly-Macker betrachten etwas als emanzipatorisch (nämlich dass sie Sex mit vielen Frauen* haben können), das aber nie für sie verboten war. Sie »befreien« sich von etwas, das sie nie – geschichtlich gesehen – belastet oder gar unterdrückt hat. Monogamie galt, im ursprünglichen Sinne des Wortes, nie für den Mann*. – Ich bin nicht die erste*, die das »entdeckt«. Aber mir gehts um die Kontexte, die uns umgeben. Unsere Geschichten und Hintergründe sind verschieden; und Gewaltstrukturen durchziehen unser Miteinander. Etwas, das für mich emanzipatorisch ist, ist es nicht für meinen Gegenüber. Wenn ein Akademiker mir sagte, er befreit sich von »bourgeouisem« Besitzdenken, wenn er poly ist, konnte ich immer nur müde lächeln.

Wir fragen uns kaum: Inwieweit gilt dieses Besitzdenken denn für Leute aus der Working Class, aus der Unterschicht; oder haben Beziehungen hier einfach erstmal ne ganz andere Funktion und Bedeutung gehabt. (Engels spricht zB davon dass »echte Liebe« nur unter Proletarier*innen möglich war).

Ich habe versucht poly zu leben, mit Menschen, mit denen das auf Dauer nicht möglich wurde. Im Vordergrund standen die individualisierten Probleme, aber unsere verschiedenen Hintergründe und Privilegien wurden nicht angerührt. Daran scheitert Polyamorie als Idee auch heute. (Natürlich scheitern daran auch RZBs und Freund*innenschaften, aber ich möchte hier über Poly reden)

Ich denke die Außenwirkung von Polyamorie wird eben mehr und mehr von denen besetzt, für die es ursprünglich nicht gedacht war; und dadurch geht die emanzipatorische Message verloren. Ich will Leuten gar nicht sagen, mit wem sie Sex haben oder wieviel Partner*innen sie haben sollen(lustigerweise ist Engels das egal, er meinte, Männer* würden im Kommunismus »richtig monogam« werden! und Frauen* polyandrisch!). Für mich ist es Zeit, mein eigenes Leben zu betrachten und auf den Grund dessen zu kommen, woran »Liebe« gerade innerhalb einer linken Umgebung bei mir scheiterte. Die Strukturen zu betrachten und sie nicht mehr zu übergehen, weil es zu schmerzhaft wäre.

Letztens erst redete ich mit Leuten darüber, wie sich Beziehungen_Freund*innenschaften ändern, wenn Geld geliehen wird. Vielen ärmeren Menschen ist es unangenehm, v.a. haben sie Angst, dass es die Freund*innenschaft verändert. Aber was passiert, wenn Leute, die uns Geld geliehen haben, sich uns gegenüber verändern, ist nicht, dass wir in ihren Augen zu Menschen zweiter Klasse werden: Es macht sichtbar, dass wir das schon immer gewesen sind. Es macht Klasse sichtbar. Diesen rosa Elefanten im Raum, über den wir alle nicht sprechen wollen. Stattdessen tuen wir so, als ob wir Gleiche wären. Und Scham ist nur eines der vielen Dinge, die die Klassengesellschaft von uns einfordert.

Das ist ein Beispiel dafür, wie ein gegenseitiges Einlassen ohne Zweifel dazu führt, dass unsere Hintergründe und Unterschiede auftauchen.

Ich musste sehr viel über Asexualität die letzte Zeit nachdenken. Grundlage war dieser Artikel, der Verbindungen zwischen Rassismus und Asexualität zieht. Er hat soviel in mir aufgerissen und soviel mir über mich selbst erklärt. Mein Körper, der so sehr dem meiner türkischen Mutter ähnelt, klein, und dick, und so »anders« wird in dieser Gesellschaft nicht gefeiert; ich sehe Körper wie meine in der Öffentlichkeit nicht geliebt, begehrt. Ich habe es lange Zeit Desexualisierung genannt, um es von Asexualität zu trennen, aber langsam seh ich die Grenzen aufweichen. Ich kämpfe seit Jahren mit einem sterbenden Gefühl, mit einem sterbenden Begehren, und ich sehe diese Asexualität nicht als wunderbar oder als Identität, die ich »embracen«, umarmen und lieben kann. Ich wurde dazu gemacht. In einem langen Prozess, der schon sehr früh in meinem Leben begann, wurde mir Begehren und der Wunsch, begehrt zu werden, ausgetrieben.

Zum Beispiel Freund*innenschaft. Lange Zeit feierte ich es, als einzigen Ort, an dem ich Nähe intensiv leben konnte, ich hielt es hoch, ich glaubte es erhaben über Beziehungen und ich freute mich, mehr und mehr Stimmen aus der queeren Ecke zu hören, denen es ähnlich ging und die aufhören wollten, Freund*innenschaften zu entwerten.

Heute verstehe ich mehr, wieso ich immer wieder nur und ich sage bewusst nur zur »guten Freundin« und nicht zur Geliebten wurde. Es ist Teil dieser rassifizierten Desexualisierung, es ist Teil meiner Asexualität, dass ich für »gute Gespräche« sorgen soll und kann, dass ich zur Beraterin* in Liebesdingen wurde anstatt selber dessen Bezugspunkt, ich, ich war immer so »erwachsen« und »vernünftig« und »so toll, dass du nie jemanden brauchst!!!«.

Auch poly reiht sich da merkwürdigerweise ein. Es hat sich niemand für mich entschieden, sondern vielleicht kam ich deshalb eher in diese Poly-Beziehungen rein, weil Leute unentschieden waren. Weil es ja nicht wehtat, noch wen »reinzunehmen«. Es fühlte sich nicht selten so an, ein »Stück in ihrer Sammlung« zu sein. Solange ich nicht tatsächlich etwas brauche oder von ihnen will.

Menschen erzählen mir oft, dass ich stark bin, damit sie mir nichts geben müssen.

Es gibt soviele Bereiche, in denen ich an queere oder linke Konzepte von Freundschaft_Poly_RZB stoße, weil sie aus sehr bürgerlicher, weißer Sicht betrachtet werden. Zum Beispiel, öhm, Kritik an Possessivpronomen. Nicht »mein Partner« sagen zu sollen, weil das den Menschen als »Besitz« markiert. Das ging letztens auf Twitter herum und ich war eher so … Mir geht es da so anders. Ich habe vor einiger Zeit auf tumblr unter den Women* und queer People of Color, denen ich folge, einen Post total häufig auftauchen gesehen: Da stand dick und fett: I WANT TO BE CLAIMED. In Anbetracht dessen, wie sehr die Körper und die Liebe von Leuten wie uns, also queeren und trans* migrantischen Frauen und Menschen verachtet und unsichtbar gemacht wird – Wer wird begehrt? Wer als begehrenswert dargestellt; mit wem will 1 gesehen werden? Der Gedanke, dass ein geliebter Mensch über mich sagen würde: Sie gehört zu mir; sie ist _meine_ Freundin*, dass die Person sich öffentlich zu mir bekennt; meine Hand hält, mich in der Öffentlichkeit küsst; das alles löst in mir ein Gefühl von Zugehörigkeit, Annahme, Gewolltwerden aus, etwas das ich brauche.

Alle queeren und trans* PoC haben eine Geschichte, die geprägt ist von einem rassistischen und heteronormativen System. Ich bin als türkisches Kind unter Deutschen im Heim aufgewachsen. Mein queeres Begehren formulierte sich zum ersten Mal in meiner evangelikalen Gemeinde. Was das mit mir gemacht haben muss, kann ich heute nur erahnen. Aber es wird nicht durch die Ansätze geheilt, die so in queeren weißen Polykonzepten erarbeitet werden. Es scheint eher mehr Schaden anzurichten.

Was ich will und brauche, sieht aus der weißen »emanzipatorischen« Sicht sehr viel konservativer aus. Ich will Romantik und Nähe und Liebe, und will eine Person, die mich sieht und liebt und begehrt, und die ich sehe, liebe und begehre; mit der ich ein gemeinsames Leben teilen kann, in dem wir gewaltvolle Strukturen nicht ignorieren, sondern sie analysieren und zu ändern suchen.

Vielleicht will ich sogar mal heiraten und Kinder aufziehen. Weil es für mich Hoffnung bedeutet und darin eine Zukunft liegt; und ich fände es toll, irgendwann eine Großmutter* zu sein. Und wieviele von dieser Familie nun Wahlfamilie wären und wieviele auf dem Papier zur Familie gehören, wäre so egal. Und ich würde ihnen was von meiner ersten antikapitalistischen Gruppe von PoC erzählen, die ich als junge Person besuchte und wie krass das für mich war, weil stellt euch vor, damals war alles von weißen Linken dominiert. Und alle würden zufriedenstellend »Huääh« sagen.

Und es macht so Spaß, diese Fantasie in leuchtenden Farben auszumalen, denn ich weiß, wie sie mich anschauen würden, lol. Und ich will den Absatz schon fast wieder löschen. Und ich frag mich, wann ich aufhöre Angst zu haben, Wünsche auszudrücken. Vermutlich nie. Deshalb schließe ich hier erstmal.

15 Kommentare

  1. Nadi · Januar 30, 2014

    BAM, in your face— sehr sehr gut , ehrlich !

  2. Ich · Januar 30, 2014

    Ich finde es auch schön, zu jemandem zu gehören und will die Person dann – in sexueller Hinsicht – mit keinem anderen Menschen teilen. Das ist der einzige Punkt, wo ich einen Exklusivitätsanspruch habe und ein Exklusivitätsanspruch an mich gestellt werden darf. Polyamorie und offene Beziehungen funktionieren, so weit ich mitbekomme, nur in der Theorie. In der Praxis funktioniert es manchmal oder auch oft, einige Zeit. Meist ist es dann aber irgendwann so, dass eine_r nicht mehr damit klarkommt, meistens wenn eine Person auftaucht, die als ernsthafte Konkurrenz angesehen wird, wenn Verlustängste entstehen. Viele leiden dann leise und still vor sich hin, weil sie sich schämen, weil sie den eigenen und den Ansprüchen anderer, nicht gerecht werden, weil sie eifersüchtig sind, weil Eifersucht bisweilen als bürgerlich bezeichnet wird. Menschen gehen über ihre eigenen Grenzen und lassen zu, dass andere ihre Grenzen verletzen, weil sie meinen, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen. Sei es stark sein oder eine offene Beziehung haben/polyamorös leben. Als theoretisches Konzept, finde ich das gut, weil ich durchaus denke, dass in vielen Beziehungen Besitzdenken eine Rolle spielt. Praktisch wäre es für mich aber nicht lebbar, also mus ich mir nicht selber weh tun, in dem ich Dinge mache, die ich nicht will. Ich will zu einem Menschen gehören und mit diesem Menschen mein Leben teilen und für diesen einen Menschen der besonderste Mensch auf der Welt sein, so wie dieser Mensch für mich das besonderste und wertvollste auf der Welt ist. Ich finde das schön und ich brauche das. Das ist für mich Liebe.

    Verrätst Du, wie alt Du bist, Bäumchen?

  3. VonSenftleben · Januar 30, 2014

    Verhalte Dich liebevoll, dann wirst Du auch zurückgeliebt.

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    Bäumchen · Januar 30, 2014

    @Nadi: Danke!

    @»Ich«: Hmm, da mir für diesen Text sehr wichtig war, strukturelle Gewalt mitzudenken, möchte ich das jetzt auch wiederholen: Ich denke, Poly kann funktionieren (und ich sehe es auch funktionieren), wenn sich die Leute aufeinander und auf ihre verschiedenen Hintergründe einlassen und Liebe nicht als etwas Unpolitisches betrachtet wird. Ansonsten besteht die Gefahr wie auch jetzt, dass es v.a. von privilegierten Menschen besetzt wird, die die Deutungshoheit innerhalb der Debatten besetzen; v.a. weil es in ihren Lebensumständen u.a. erleichtert ist, poly zu leben.
    Ich bin Mitte 20.

    @vonsenftleben: An dich: Liebe ohne das Politische mitzudenken, ist für mich nicht erstrebenswert.

  5. VonSenftleben · Januar 30, 2014

    In wiefern bestimmt das Politische (bzw. der Kontext) dein Verhalten in Liebesdingen konkret?

  6. Pingback: Über die Ansteckungsgefahr von Homosexualität | Aus Liebe zur Freiheit - Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz
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    Bäumchen · Januar 30, 2014

    @vonSenftleben:
    Darüber redet der ganze Blogpost. :)

  8. Jan · Januar 30, 2014

    Vorweg: Ich bin weißer Cis-Mann, also ziemlicher Privilegienbesitzer. Es kann also sehr gut sein, dass mir einfach Erfahrung fehlt und ich zu blöd bin, weit genug zu denken.

    Ich verstehe den Zusammenhang, ich sehe aber nicht den grundlegenden Unterschied zwischen Mechanismen der „rassifizierten Desexualisierung“ und (De-)Sexualisierung im Allgemeinen.
    Werden bei uns nicht immer Menschen, die dem vorherrschenden, in der Öffentlichkeit zelebrierten Schönheitsideal entsprechen, auch in der öffentlichen (oder öffentlich verfügbaren) Darstellung von Begehren stark bevorzugt?
    Und das hieße doch: Je weiter man vom Schönheitsideal weg ist, egal ob durch Gender, Race, Class oder durch „andere“ Eigenschaften, desto weniger bekommt man Abbilder seiner selbst als begehrenswertes Individuum präsentiert.

    Ich bin mir aber nicht sicher, was die Konsequenzen daraus wären. Vielleicht auch gar keine: Mit der Bekämpfung der Ursachen, nämlich u.a. der Konstruktion von „Normalität“ bzw. „Andersartigkeit“, bekämpft man das Problem Rassimus und allgemeiner Desexualisierung gleichzeitig.

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    Bäumchen · Januar 30, 2014

    Hey Jan
    Ich verstehe vollkommen, was du meinst. Desexualisierung passiert innerhalb eines Komplexes von Race/Class/Gender/Femmephobia(zb in queeren Szenen!)/Ableism/mehr. Die Mechanismen sind nicht so verschieden, im Gegenteil. Aber es ist oftmals unsichtbar dass es passiert. Die einzige Körper-Diversity die ich in weißen feministischen Kontexten sah,war v.a.: behaarte Achseln zu zeigen oder dick zu sein, aber das immer an relativ jungen und weißen Körpern. Ich wusste einfach über Jahre hinweg nicht, was da passiert in meinem relativ weißen Umkreis, und bekam das Gefühl, dass etwas *mit mir* nicht stimmt. Es wurde nirgendwo artikuliert. Dass die Normfrau eben nicht nur schlank und jung und unbehaart ist, sondern auch weiß, gesund, das wurde lange nicht gesehen, finde ich. Deswegen finde ich es wichtig für mich, das »rassifiziert« zu betonen.
    Um zu verstehen, wie »Normalität« konstruiert wird, muss m.E. erstmal auseinandergenommen werden, was rassistische/sexistische/heterosexistische Norm etc bedeutet. Z.B. ist heterosexuelles Begehren unter weißen Frauen* nicht dasselbe wie bei Women of Color. Ersteres wird als Norm gesehen, aber das heterosexuelle Begehren von Women of Color wird dämonisiert(Fetische, die »dominante Schwarze Frau«, die »devote Asiatin« etc). Das ist Intersektionalität. Women of Color erfahren nicht einfach nur Rassismus+Sexismus, wie zwei Pakete, die ihnen geliefert werden; sondern sie erfahren einen rassifizierten Sexismus, und einen sexistischen Rassismus …
    Was du da als relativ ähnlich siehst, ist glaub ich (?)v.a. dass die Norm fast überall dieselbe ist: nämlich die der weißen heterosexuellen etc Frau*. Die jeweiligen Strukturen funktionieren aber trotzdem verschieden und müssen für sich und im »Zusammenspiel« miteinander betrachtet werden.

  10. Jan · Januar 30, 2014

    Ja, da hast du recht. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile (hier im Negativen): Verschiedene Ismen können sich wechselseitig verstärken, was hier dann die Abweichung von der Norm noch viel größer erscheinen lässt.

    Thema Poly: Oft ist meiner Meinung nach das Problem, dass die Leute nicht zwischen Besitz und Exklusivität unterscheiden. „Mein Partner“ kann eben auch heißen „Nur diese eine Person gehört zu mir“ (und heißt es meist ja auch). Nur weil Possessivpronomen grammatisch Besitz anzeigen, tun sie das ja semantisch noch lange nicht. Und anders als bei nicht geschlechtergerechter Sprache verstehen es die meisten Leute ja auch intuitiv richtig.

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    Bäumchen · Januar 30, 2014

    Ja. Wobei ich es eben auch respektiere, wenn eine Person es doch mit Besitzdenken verbindet; für mich ist v.a. wichtig, dass es nicht die allgemeine Interpretation und Sichtweise ist und alles andere ausblendet.

  12. ele · Januar 30, 2014

    vielen lieben dank für diesen post bäumchen — mein herz geht auch auf wenn ich davon träume *meinen* (nein, nicht possessiv!) enkeln von ein paar verrückten anti-kapitalistischen poc in berlin zu erzählen, die sich getraut haben sich kennen zu lernen/näher zu kommen/gemeinsam zu träumen und zu verändern…

    ich habe mehrere gedanken zu verschiedenes was du hier ansprichst; werde mich jedoch auf den blick hin zu nicht-monogamen bezieheungen konzentrieren (weil ich nach wochenlangem täglichem tippen irgendwie anti-tippen bin gerade).

    für mich machen deine gedanken vollkommen sinn. wer claimt ‚poly‘? oder wann sind für wenn ‚queer women*‘ interessant? hierzu ein cooles video: „shit manarchists say“ http://www.youtube.com/watch?v=nucx1L1MkPo. konsumierungspraxen bzw. der konsum von körpern, und hier insbesondere weibliche* körper, ist vor allem im sekularem westen ganz vorne mit dabei. „wir sind ja so liberal“-blabla. für mich war poly eine zeit lang auch interessant als kozept – ich hatte es durch anti-kapitalistische feministische kontexte kennengelernt und in der rzb in der ich bis dahin war, war ich es schlussendlich, die aktiv in andere politisch_körperlich_sexuelle beziehungen ging und mich von sehr problematischen vorstellung von zweitsamkeit (als schon fast heiliges gut) losriß. dies passierte nicht ohne schwierigkeiten oder schmerz – es tut immer weh wenn wir etwas tief eingebranntes, etwas tief verwurzeltes, immer und immer wieder gelerntes ent-lernen. und dieses ent-lernen wäre damals niemals so möglich gewesen hätte mich *mein* langjähriger partner* dabei nicht vollkommen unterstützt. zwar denke ich heute, dass wir auch beide natürlich fehler gemacht haben (in einer kollektiven dynamik); aber die basis (kommunikation, ehrlichkeit, vertrauen) wurde von beiden seiten sehr geschätzt und auch konsequent damit umgegangen. für mich war es ein sehr wichtiger prozess wo ich viel mehr zu mir selbst und den geliebten menschen in meinem leben gekommen bin. auch die damalige langjährige rzb hat sich durch unsere poly öffnung sehr verändert – für mich: sehr verschönert, ist intensiver, ja vielleicht ‚romantischer‘ geworden (hier in einer positiven besetzung). Mein problem mitpoly war und ist eher die reduzierung auf sexuell_romatische ‚liebesbeziehungen‘. Warum werden beziehungen hierarchisiert?! warum gibt es EINE freundin* und dann MEINE freundin*?! Und, wie hat sich kapitalistisches denken in unsere gefühle so verwurzelt, dass wir besitzanprüche an der zeit und den körpern anderer menscen überhaupt hegen?!

    und so kam ich zu nicht-monogamen beziehungen. unter anderem las ich texte verschiedensten anarchist*innen (eher frauisierte und eher nicht-weiße) und es öffnete sich mir die idee, dass wir lieben_küssen_umarmen_gemeinsam sein können (und und und) ohne besitzansprüche an die andere peron zu haben. vollkommen lösen können wir uns innerhlab dieses systems nicht. bei mir zeigt sich ‚eifersucht‘ z.b. nicht in einem körperlichem sinne, also wenn ich sorge habe die geliebte person sei mit einer anderen person sexuell, sodern wenn ich sorge habe eine geliebte perso diskutierte poltisch ‚lieber‘ mit einer anderen person oder gruppen – ich fühle mich dann oft zeitranging und ‚politisch‘ nicht so interessant… und DAS ist ja auch total problematisch. warum können wir nicht in verschiedenste räume gehen, mit verschiedensten genoss*innen quatschen_leben_lieben. ich sage heute: ich führe beziehungen. und zwar eine reieh von zwischenmenschlichen beziehungen. jede einzigartig und bei jeder sind alle türen für mich offen. alles kann sich drehen und wenden. eine beziehung kann intensiver werden oder auch sexueller und eine andere sich auf einer anderen ebene veschrieben (gestern gingen wir zusammen auf demos heute diskutieren wir mehr marx oder gestern hatte wir sex zusammen und heute treffen wir uns jede paar wochen mal zum kochen). warum baruchen wir ‚brands‘ für die menschen in unerem umfeld? bin ich ‚hetero‘ weil ich einen menschen liebe der ein penis hat? und: muss ich mit vielen verschiedenen menschen sexualität leben um ’nicht-onogam‘ zu sein?! für mich ganz klar: nein. mein begehren und sexuelle praxis ist viel komplexer als einige mir zuschreiben mögen. und nicht-monogam zu leben bedeutet für mich die idealisierung und universalisierung eines gewaltsamen ‚ihr dürft nur zu zweit und punkt‘ aufzubrechen; dieser norm zu weichen – anderes auszuprobieren, sich neu erfinden. und es heißt für mich vor allem: ‚beziehung’/nähe/zärtlichkeit nicht auf ’sex‘ zu reduzieren und damit das sexuelle in einer bedeutungshierarchie ganz oben hinzustellen.

    wir wir naürlich, wie unser begehren und unsere ganze tägliche performanz, aber auch unsere idealbilder zu ‚familie (wir erinnern uns an engels – familie beschrieb ursprünglich die gemeinschaft an sklav*innen die einem freien mann gehörten!) und ‚liebe‘ hammermäßig durchdrugen sind von der repressiven und traditionalistisch_biologistischen norm- und sittenvorstellung (welche ja auch rechtlich verankrt und somit gesichtert ist). ich strebe keine vom staat angerkannte ‚liebe‘ an. und bin radikal gegen die idee einer zweisamen ‚ehe‘ als kapitalistischer vertrag unter staatlichem segen (auch wenn ich unter gegebenen umständen kämpfe um queere ehen solange unterstütze solange nicht-queere ehen geschlossen werden dürfen). ehe ist für mich lediglich ein mittel meinen gesicherten aufenhaltststatus für weitere menschen zugänglich zu machen und ich finde es ehrlichgesgt verantwortungslos dies als aufenthaltsgesicherte menschen (‚deutsche‘ staatsürger_innen und andere statsbürger_innen mit niederlassungserlaubnis) nicht zu tun. citizenism lässt grüßen! wenn zwei menschen ihre liebe_zeit_aufmersamkeit NUR zu zweit teilen möchten (tut das je irgendjemensch?), naja dann wäre das eine tatsächlich monogame beziehung für mich. meine idee von kollektivität funktioniert anders – und somit ach mein begehren, meine aufmerksamkeit, die ich verschiedenst und dynamisch aufteilen möchte. vieles was monogam ausieht (z.b. habe ich gehört, dass mich einige leute im letzten jahr als klassisch ‚monogam’/rzb erleben was witzig ist, da dies überhaupt nicht meiner_unsrer gelebten realität entspricht, klar – unter unsren paradigmen) muss es nicht sein und sich z.b. sexuell über einen zeitraum auf eine person zu konzentrieren heißt für mich nicht die möglichkeit zu haben sich auch in andere personen zu verlieben und beziehungen zu führen… dieses ganze beharren auf den ’sonderstatus‘ von gemeinsamer sexulität/geteiler sexualität ist das was mich bei polyamorie eigentlich immer angenervt hat! ich kann ja auch sexuell sein mit jemensch in den ich nicht verliebt bin und der_die garnicht längerfristig in meinem leben ist – und is trotzdem schön und wertvoll. aber polyamorie aht immer dieses auferzwungene ‚liebes‘-ding mit ins boot geholt… naja:).

    ich danke dir nochmal fürs aussrechen deiner gedanken und dich trauen — sonst kommen wir nie weiter…

    puh – also jetzt doch ganz schön viel getippe…

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    Bäumchen · Januar 30, 2014

    Wow, danke für deinen Beitrag, Ele :) Auch gerade das zu Eifersucht, nämlich dass du sie anders erlebst als »herkömmlich«. Ich finde es total wichtig, den vertrauten Erklärungen die eigene Dimension hinzuzufügen.
    Zu Poly fällt mir noch ein großartiger, dabei sehr kurzer Text eines qt*PoC auf Tumblr ein, di:er meinte, poly könnte doch auch genau das bedeuten, was ihre migrantische Großfamilie macht, nämlich mehrere Familien innerhalb einer Community die aufeinander achten und auf die Kinder aufpassen, wenn wer arbeitet und gegenseitig Sorge tragen und sich lieben, aber eben nicht auf die klassische Weise, wie poly hier im weißdeutschen Raum gedacht wird …

  14. ele · Januar 30, 2014

    jajajaja – poly gnaz ander besetzten:D! find ich super – auch die idee der poly-großfamilie; viell. dann one die nervigen katholiscen tanten (in meinem fall):P. ich glaube wir können ganz viel tolles und wunderbares aus den verschiedensten communities lernen – und sollten auch konkret und gezielt das ansprechen was uns abnervt und kaputt macht (familärer autoritarismus/gewalt z.b.)… und: ich finde das wir viell. eh aufhören sollten und ständig immer wieder neue kategorien aufzutun. ich bin erstmal gut so wie ich bin. und natürlich gehört da ganz viel kapitalistische (und das impliziert für mich rassistische, hetero-sexistische, patriarchale, abelistische…) gebrainwaschte scheiße dazu – das will ich aber angehen. keine menschen als *mein* verstehen sondern als geliebte_genoss*innen. will zu verschiedensten communities gehören und auch spezielle orte (in der armen einer oder mehrerer personen) aufsuchen können um power zu tanken und weiter zu machen. das besagt für mich auch irgendwie diese ’nicht-monogame‘ hlatung die ich hab: also die hegemonie der romatischen-zweier-liebe aufzubrechen, diese strukturell und praktisch in frage stellen; beziehungen zu leben, offen zu sein; auch wenn ich den großteil meines alltags mit einem sehr geliebten Braunen mann* teile. und das will ich auch weiterhin, also solange diese liebe uns beide radikalisiert und in unseren politisch_emotionalen möglichkeiten erweitert… und trotzdem NICHT monogam und_oder hete zu denken_leben_fühlen?! schlussendlich ist dies glaube ich mein ziel…

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