Männlichkeiten* neu entdecken

Im Gespräch »Black Female Voices« zwischen bell hooks und Melissa Harris-Perry, das ihr hier nachschauen und hier zusammengefasst auf Englisch nachlesen könnt (Link via @youreonlymassiv), gab es einen Punkt, wo eine Publikumsfrage sich um das Auftreten und die »Hypermaskulinität« Schwarzer Männer* innerhalb der politischen Projekte drehte, an denen die Fragestellerin wohl teilnahm. bell hooks sagte dabei etwas, was ich sehr wichtig finde: Nicht Maskulinität ist das Problem, sondern das Patriarchat. Gerade auch im Bezug darauf, dass die Männlichkeit Schwarzer Männer* stets rassistisch überhöht und überall als was Bedrohliches gelesen wird.

Zum ersten Mal bewusst auf den Gedanken gekommen, dass nicht jede Männlichkeit dieselbe ist und dass auch Männlichkeiten so gelebt werden können, dass sie nicht zur Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen beisteuern, kam mir bei dem Video des Spoken Word Artist Janani, das hier auf dem Blog bereits verlinkt wurde. Ich zitiere aus unserer Übersetzung damals:

Als ich meiner Mutter erzählte, wie lange ich bereits mit der Unruhe meines weiblichen Körpers lebte, weinte sie Millionen verschiedene Arten von Monsuntränen. Sie erzählte mir vom weißen Mann, der ihr Land kolonisierte. Über ihre Alpträume, der Sari ihrer Mutter getränkt in Salzwasser, die Traumatisierungen über die sie schrie.

An dieses Gesicht erinnere ich mich, wenn ich mit weißen Transmännern rede und dann Zeuge werde, wie sie auf Millionen verschiedene Arten Raum in meiner Community einnehmen und für Transfrauen of Color sprechen und Femmes wie ihre Dekoration behandeln und die nicht Verantwortung übernehmen für ihre Position als weiße Männer.

und weiter:

aber ich versuche an etwas Größeres zu glauben. Dass es Arten gibt ein Mann zu sein, die nicht bedeuten, ein weißer Mann sein zu müssen.

und mehr:

Großmutter, Mutter, es gibt eine Art das hier moralisch vertretbar zu machen. Ich werde eine neue-alte Version von Männlichkeit errichten. Um die Wörter dafür im Englischen will ich mir keine Gedanken machen. Ich werde die Mütter in meiner Geschichte ehren, die Göttin in meinem Namen.

Ich möchte hier klarmachen, wenn ich hier vom Weißsein rede, dass es nicht dabei um jeden weißen Menschen geht oder etwa in deren Genen steckt. White Feminism steht für mich für eine Art von Feminismus, die weiße bürgerliche Frauen als den Regel-Zustand der Frau(tm) schlechthin sieht und eine Politik ausübt die nichtweißen Frauen* auf Dauer schadet und rassistische und kolonialistische Machtgefälle neuherstellt. Weiße elitäre Männlichkeit steht für eine Männlichkeit, die nach allen Seiten Herrschaft ausübt.

Uns muss klarwerden, dass im »Imperialistischen Weißen Kapitalistischen Hetero-Patriarchat« (bell hooks) nicht jede Männlichkeit und nicht jeder Mann privilegiert ist gegenüber allen Frauen*. Nichtweiße Männlichkeiten, v.a. aus der Arbeiter*innenklasse, erfahren Abwertung in unserer Gesellschaft und sind gegenüber weißen bürgerlichen Frauen* in vielen Bereichen weniger privilegiert.

Wir alle erleben Beispiele von nicht-hegemonialer Männlichkeit. Ein Beispiel für mich für andere Formen von Männlichkeit sind die Umarmungen, Küsse und die Nähe, die sich in der Umgebung meiner türkischen Familie die Männer* unter ihren männlichen Freunden und Verwandten immer schenkten. Ich habe, unter Deutschen aufgewachsen, sehr selten soviel Zärtlichkeit zwischen Männern* gesehen wie auf den Feiern und gesellschaftlichen Anlässen, zu denen meine Familie einlud oder eingeladen war. Von meiner deutschen Bekanntschaft war diese Gewohnheit immer mit Spott begleitet.

Dann weiß ich noch, dass es mich verwunderte, aus Berlin zu hören, dort erlebten LGBT*-Menschen sehr viel Heterosexismus von v.a. türkeistämmigen und arabischen Jugendlichen. In Stuttgart, wo ich aufwuchs, waren türkische junge Männer*, die ich kannte, solchen Anfeindungen von meist Deutschen ausgesetzt; v.a. weil sie auf ein sehr gepflegtes Äußeres achteten und sich später auch selbstbewusst metrosexuell nannten. Mein Bruder, vielleicht einer der größten unter ihnen, musste bei einem Besuch in Hamburg vor einer Gruppe türkischer Nationalisten weglaufen, weil sie ihn für schwul hielten und verprügeln wollten.

Ich denke, wir alle kennen Beispiele von Männlichkeiten, die sich nicht den üblichen Regeln einer dominanten Männlichkeit beugen. Ich denke, diese Entdeckungen sind wichtig und spannend und führen uns weiter. Auch ich will nach und nach abtasten, was Maskulinität für mich und mein eigenes Leben bedeutet; und dass es okay ist, auch bei anderen Bestätigung zu suchen, die solche Männlichkeiten leben.

Auf tumblr gab es mal eine Debatte drüber, dass sich der Genderperformance »hard femme« nun komplementär »soft masc« hinzugesellt hat. Eine Person kritisierte das (leider hab ich den Link nicht mehr). Es ging darum, dass hier wieder maskulin performende Menschen den Femmes den Raum nehmen: Denn im öffentlichen Leben werden Männer* oftmals schon sehr viel vielschichtiger präsentiert als Frauen*, eins denke dabei nur an das Schlumpfinenprinzip in Fernsehserien und Filmen, wo frau* dankbar sein darf, wenn es mal zwei verschiedene weibliche Personen im Film gibt, die Namen haben.

Ich denke der springende Punkt ist: Männlichkeiten* entdecken, ja bitte, aber nicht zu dem Preis, dass Frauen* und Femininität wieder im Gegensatz dazu platt aussehen müssen, damit ihr*wir besonders zur Geltung kommt.

2 Kommentare

  1. Pingback: Links 39 | High on Clichés
  2. ele · November 20, 2013

    oh i love this very very much —

    „Uns muss klarwerden, dass im »Imperialistischen Weißen Kapitalistischen Hetero-Patriarchat« (bell hooks) nicht jede Männlichkeit und nicht jeder Mann privilegiert ist gegenüber allen Frauen*. Nichtweiße Männlichkeiten, v.a. aus der Arbeiter*innenklasse, erfahren Abwertung in unserer Gesellschaft und sind gegenüber weißen bürgerlichen Frauen* in vielen Bereichen weniger privilegiert.“

    einige meiner gedanken dazu habe ich hier: http://cosasquenoserompen.noblogs.org/post/2014/02/14/working-towards-loving-relationships/ zusammengefasst…

    denn ich will endlich wieder lieben können – und zwar alle menschen die mir gut tun; und ja: das sind auch Braune_Schwarze Männer*; cis* und trans*… (beides mit sternchen weil ich mich gerade viel mit butler auseinndersetze, die die idee von w-to-m oder m-to-w trans*geschlechtlichkeit als hegemonial in der binarität der geschlechtlichen ‚entwerder-oder‘ einordnet und feststellt, dass es wieder um möglichst genaue eindeutigkeit geht; wenn jedoch trans* als versuch eines ausbruchs aus dieser matrix ist, dann kann cis* dies viell auch sein?)…

    danke dir!!!