Geschlecht, das heißt: Mich verstehen lernen.

Mit diesem Post setze ich meine Reihe über Geschlechter fort, die erst die Legitimität von Brüsten als queeres Potenzial erforschte und dann allgemein versuchte, den Kontext zu betrachten, in dem sich Femininität/Maskulinität abspielen.

Heute will ich wieder über mich reden und meine ganz eigene Entdeckungsreise mit diesem Thema. Dabei will ich absehen davon, Die Allgemeine Definition(tm) für Genderfluidität bereitzuhalten, sondern vor allem darüber reden, wie ich es wahrnehme und was für einen Einfluss es in meinem Leben hat.

Erstmal möchte ich Geschlecht nicht nur im Rahmen von Sexualität sehen. Diese zwei Dinge scheinen sehr oft bewusst und unbewusst miteinander verbunden zu sein. Ich denke dabei schon, dass viele queere Menschen sexuelle und Geschlechtsidentität getrennt sehen, dennoch scheinen die meisten Themen von queeren Menschen sich innerhalb dieser zwei Themengebiete abzuspielen. Ich denke dass wir diese Verbundenheit der Tatsache zu verdanken haben, dass das Heteropatriarchat zu der Geschlechtszuweisung auch immer gleich das Begehren eines Menschen festlegte. Es geht bei Queerfeminismus sehr viel um Sex und Körper; was wichtig und gut ist, aber es ist nicht alles, was uns ausmacht.

Gender war immer mehr als eine Performance; sie war schon immer Teil des Filters, mit dem die Welt betrachtet wird; sie geht einher mit Aufgabenverteilung und Übernahme von Verantwortungen; sie bekommt Ausdruck in unseren Gesten, in unseren Träumen, in unserer Spiritualität. Sehr berührt dabei hat mich ein Post von girljanitor, ein*e Native American Third Gender deren*dessen indigene Kultur sehr viel Einfluss hat auf ihr*sein Bild von Geschlechtern. Ich will das v.a. als Anstoß für eine eigene Auseinandersetzung mit Geschlecht sehen und warne vor spiritueller Aneignung von girljanitors Kultur, die im Rahmen von Kolonialismus und Völkermord schon genug Gewalt von Weißen erlebt hat(und auch von anderen Nicht-Natives).

Wenn ich nun versuche, selber aufzumachen, wie ich die Welt erlebe, wie ich von ihr wahrgenommen werde, kommt es für mich als genderfluider Mensch und ich glaube, das gilt für viele Menschen, die sich queer identifizieren, erstmal v.a. zu negativen Aussagen. Weil ich mein Leben bisher nur relativ zum Maßstab sehen konnte, den mir eine heteronormative etc. Gesellschaft lieferte. Ich kann sagen: Ich war sehr oft *nicht* attraktiv, ich kam *nicht* mit der Kleiderwahl klar, die zur Verfügung stand, meine Genderperformance als Frau damals war *nicht* genügend; aber auch: Mir wurde vieles *nicht* zugetraut, weder Frauen* zugewiesene Arbeit noch die von Männern*.

Bla bla, hier könnten wir einfach so weitermachen an all dem, was in der Wahrnehmung dieser Gesellschaften und Kontexte, in denen ich mich bewege, »mangelhaft« an mir ist. Vieles in queeren Gedankenwelten dreht sich um die Zukunft, um queere Utopien, um ein »Anders als heute«. Dennoch denke ich, dass heutzutage schon viele Menschen bewusst und unbewusst Geschlechterbilder queeren und dass wir heute schon einen Platz in diesen Gesellschaften haben und dieser nicht immer nur ein schlechter ist.

Genderfluid zu sein hat für mich persönlich viel mit Neid zu tun – in a very good way. Neid als Identifikation, mit dem Aussehen der anderen, den Lebensentwürfen der anderen, den Entscheidungen die sie treffen, ihren Vorlieben, ihrer Kreativität und Arbeit, ihren Zielen und Träumen. Es ist weit mehr als ein »Heute möchte ich als Frau gelesen werden und morgen als Mann und morgen dann wieder genderqueer«, wie ich es manchmal ausdrücke. Es ist auch mehr als reine Empathie, also die Fähigkeit sich in andere hineinzufühlen. I’m fangirling about people and their desire. Diese Überidentifikation mit anderen Menschen hat natürlich auch Probleme mit sich gebracht: zB Grenzen verwischt und ich musste erst lernen, mich selber darin zu finden. Gerade auch wenn ich glaubte, ich könnte wie die anderen sein: ZB in meiner christlichen Gemeinde das Leben und die Ziele der anderen (gutbürgerlichen oft weißen Personen mit stabilem Hintergrund) nachahmen. Nein, konnte ich nicht. Und meine Auseinandersetzung mit politischen Themen und v.a. struktureller Gewalt haben mir geholfen, die Selfcare zu betreiben, die ich nötig habe, um mich von der Normativität einseitiger Lebensentwürfe loszueisen.

Ich habe zuerst nicht diese Grenzen gezogen sondern wollte immer: Dazugehören. In meiner Jugend hatte ich mehrere Welten, in denen ich mich bewegte: das Heim, die Schule, die muslimische Familie, die christliche Gemeinde. Das erschien mir anfangs als Mangel: In keine der Welten schien ich wirklich dazuzugehören wegen den anderen Welten. In jeder dieser Zusammenhänge war ich »komisch«, verglichen an ihrem Maßstab. Irgendwann bemerkte ich, dass der Leidensdruck den ich erlebte, mir half, mich mit den Menschen zu identifizieren: Indem ich zuhörte. Und noch mehr: Indem ich verstand. Das muss mit einem Körnlein Salz genossen werden: Ich war »objektiv« betrachtet ein ewiger Sidekick. Dennoch: Zuhören ist an sich betrachtet etwas Gutes, und ich konnte es. Und ich baute neue Beziehungen zu den Menschen auf, auf der Basis dessen, dass ich nie ganz mein Vertrauen auf nur eine dieser Welten alleine setzte: Ich hüpfte von einer zur anderen. Dies brachte mir in der Jugend nach und nach einen relativ unabhängigen Standpunkt. Ich bekam eine Funktion in den Kontexten in denen ich mich bewegte. Ich war in jeder etwas »Erfrischendes«, ich brachte neue Ideen und Haltungen hinein und wühlte und trollte ein bisschen. Ich schien neutraler: Bei Konflikten wandten sich Leute an mich und erklärten mir ihre Standpunkte. Mein »Gaststatus« machte mich umgänglich und ich eignete mir eine gewisse Höflichkeit an, mit der ich in allen dieser Welten umging.

Als mein Glaube immer mehr Platz einnahm, sah ich dieses Weltenhüpfen nicht mehr als positive Strategie, sondern fast als Betrug. Ich wollte *authentisch* sein. Ich wollte *eine* Identität haben und *einen* Lebensentwurf. Ich wollte heiraten. Ich finde es sehr platt, wenn Leute heute meinen, Christen würden v.a. jung heiraten um viel Sex zu haben. Das natürlich auch. Aber. Ich glaube die Leute wissen nicht, welche Faszination davon ausgehen kann, in einer so engen Gemeinschaft einen offiziellen Status zu haben, von dem aus mehrere Ziele leichter erreicht werden konnten. Ich träumte von Gastgeberinnenschaft. Ich wollte ein Zuhause haben, das sicher genug war, um es andauernd für andere Menschen offen zu haben: Für Menschen aus aller Welt, denn meine Gemeinde war sehr international. Ich wollte ihnen eine Möglichkeit schaffen, auszuruhen, ich wollte sie bewirten und immer das großartigste Essen herbeizaubern. Ich wollte ihren verschiedenen Geschichten lauschen; ich wollte dass es ein Platz bei mir für sie gab, dem chinesischdeutschen Ärzt*innenpaar aus New York und der Ältestengruppe aus Ghana, und der Großfamilie aus den Philippinen und den vielen Freundinnen* die ich aus den deutschen Gemeinden kannte usw. Auch das sehe ich heute als Ausdruck meiner Genderfluidität. Es wäre auch auf Dauer die einzige Möglichkeit gewesen, mich vor der Überidentifikation zu schützen, die drohte, weil ich mich so sehr auf das Gemeindeleben konzentrierte. Hätte ich nicht andauernd neue Menschen in der Gemeinde getroffen, die jede für sich etwas zur Abrundung harter Erlebnisse beitrugen und mir neue Perspektiven eröffneten, ich wäre von dieser Gemeinschaft konsumiert worden.

Heute trägt meine genderfluide Wahrnehmung sehr stark zu dem intersektionellen Feminismus bei, den ich vertrete und anhand dessen ich die Gesellschaft, in der ich mich bewege, analysiere. Bei der Gratwanderung verschiedenen Menschen und ihren Erfahrungen Platz zu machen und die strukturelle Gewalt die sie erleben, verstehen zu wollen, besteht dabei immer wieder die Gefahr, zu glauben, ich verstehe etwas ganz und gar oder ich kann mich *völlig* in eine Position hineindenken. Dies ist natürlich ein Trugschluss. Zuletzt bin ich aber vor allem dankbar, wieviel ich von anderen Menschen gelernt habe und lernen durfte, weil mir nicht nur die dafür zuständigen Ressourcen gegeben waren, sondern auch: eine offene Haltung und Menschen, die bereit waren zu teilen und *sich* mitzuteilen.

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