All diese Christendinge

Inhalt: Religion, Christentum, Tod, Gewalt, Sleepy Hollow (TV series)

Kirche

Heute Morgen war mein Wunsch zu einer Kirche zu gehen. Ich schrieb mir das groß auf einen Zettel, den ich auf meinen Schreibtisch legte; als ob etwas schriftlich niederzulegen meinen Schlaf leichter gemacht hätte. Ich verschlief, trotz Wecker. Am Nachmittag zog ich trotzdem los; die Kirche war sehr bald schon von weitem zu sehen. Neukölln war dunkel, nur wenige Menschen, meistens Paare oder Kleinfamilien liefen eng aneinandergeschmiegt in adretter Kleidung spazieren. Vor der Tür der besagten Kirche sah ich (wohl) den Pfarrer, der sich gerade mit einigen Menschen da traf. Ich kannte diese Art zu reden und sich zu kleiden; das gutsitzende Haar; die Weise wie sie miteinander Umgang pflegten, die dezente Eitelkeit. Etwas in mir wandte sich ihnen zu, aber ich lief relativ schnell an ihnen vorbei, um kurz das Schwarze Brett der Kirche anzusehen. Ich machte Fotos von den Aushängen um mir die Termine zu merken. Als ich mich umdrehte, sah ich dass ein Mensch keine drei Meter von mir entfernt ein sehr intimes Foto von einem Baum (oder seiner Rinde?)machte. Ich musste lachen. Dieser dringende Wunsch nach Bedeutung in städtischen Räumen. Ich habe ihn auch.

Tod

Ich denke viel über den Tod nach in letzter Zeit. Ich weiß nicht woran es liegt. Aber seit ich in der Stadt angekommen bin, war er anwesend. Wie als ob ich nur die Hand ausstrecken müsste, um nach ihm zu greifen, schrieb ich mal auf Twitter. Es hat nichts mit dem Wunsch nach Sterben zu tun. Ich habe den Eindruck da quängelt wer nach Aufmerksamkeit. Als sei der Tod ein Kind; wie ich damals, als ich was Süßes wollte.
Ich habe jetzt sogar eine Liste. Da geht es um sehr pragmatische Sachen: Wie bezahle ich mein Grab, welche Begräbnisart will ich haben, welche Rituale wünsche ich mir? Ich bin dabei, mir nach und nach die Antworten zu recherchieren. Seitdem ich die Liste habe, fühle ich mich ruhiger. Ich habe den Tod auf meiner Liste, denk ich mir.

Eine App

Ich habe hier eine App; das Stundenbuch des katholischen Pressebundes. Ich weiß noch nicht ganz, wie ich es benutzen werde; der Katholizismus und seine Ritualhaftigkeit waren unter den Evangelikalen, die ich kannte, verpönt. Ich habe mich ihm angenähert, seitdem ich mich mehr mit den christlichen Befreiungsbewegungen in Südamerika beschäftigte. In Ritualen, in wieder gesprochenen Versen und Liedern liegt eine milde Strenge, die ich sehr zu mögen begann; schon kannte aus der nur groben Rahmensetzung früherer Gemeindeversammlungen: Lieder singen, beten, Zeugnis geben, Botschaft … danach wieder Lieder singen und Zeugnisse geben. In diesen Momenten hatten Menschen einen geschützten Raum sich zu öffnen, zu beten, manchmal riefen sie dabei sehr laut oder weinten. Ich frage mich wo es heute Räume dafür gibt, wo Leute vor vielen anderen Menschen klagen oder weinen können. Jedenfalls, habe ich diese App, und ich werde sie benutzen, und ich weiß noch nicht ganz, wie.

Eine Serie

Sleepy Hollow interessierte mich bereits wegen seinem diversen Cast: Hauptperson Abby wird gespielt von Nicole Beharie, einer Schwarzen Frau; was wirklich so selten in der Medienlandschaft stattfindet, dass es leider immernoch etwas Betonenswertes ist. Weiter im Cast vertreten sind John Cho und Orlando Jones. Während ich gelegentlich auf Pause drückte, um fleißig auf Twitter zu schwärmen, sickerte in mir auch nach und nach ein Gefühl durch: Ich kenne dich doch irgendwo her. Damit meinte ich vor allem eine Figur in der Serie, nämlich den Tod. Mich haben Personifizierungen vom Tod immer sehr sehr angemacht. Mit einem personifizierten Tod wird plötzlich einiges … möglich. Du kannst mit ihm reden, du kannst mit ihm handeln, du kannst ihn bewerten, (ihn gendern, haha) du kannst fliehen, du kannst dich in ihn verlieben (ein grausam schlechter Film folgte aus der Idee, aber den Ansatz finde ich nice). Es wird interessant. In der Serie ist der Tod kopflos und soll den Reiter des weißen Pferdes aus dem Buch der Offenbarung darstellen. Er rennt innerhalb des Örtchens Sleepy Hollow erst mit einem Beil (einer Axt?) herum, mit dem er Leute tötet, später mit einem Maschinengewehr. Ich habe von sowas mal geträumt. Es war ein apokalyptisches Setting und ich wurde von einem dämonischen Wesen mit einer Axt geköpft. Anyway, ich wurde entrückt. Und als ich vom Traum aufwachte, dachte ich ich sei jetzt im Totenreich. Sowas kann eine fundamentalistisch christlicher Glaube bewirken. Was nicht bedeutet, dass das alles nicht auch interessant gewesen war.

Ein Altar

Wer mich von Twitter kennt, weiß vielleicht noch, dass ich im Bemühen mein Zimmer angenehm zu streichen, eine Art Star Gate gemalt habe, jedenfalls nenne ich es so, obwohl keine Ähnlichkeit mit dem Ding aus dem gleichnamigen Film. Die Idee war nett, hier könnten einfach Freund*innen durchtreten, wenn sie zu Besuch kommen wollen und von hier aus wieder verschwinden wohin sie auch immer hinwollen. ANYWAY. Ich habe ihn umfunktioniert und jetzt lauter wichtiges Aufgeschriebenes in sein Inneres gehängt. Auch die Liste mit dem Tod ist drin, einige andere Mind Maps, ein bisschen Gekritzeltes, manchmal dicht Beschriebenes. Dinge, die ich niederschrieb an einem Abend.
Und nun kommt das Interessante. Ich stehe davor, lese diese Dinge und sie beruhigen mich, immer wieder. This is really new to me. Ich bin schon immer sehr ergriffen vom Schreiben gewesen, habe immer viel geschrieben, mich mit der Magie von Worten beschäftigt (Magie im Sinne von Wirkung), also: Wie lange bedeutet dir ein Satz das, was er dir beim ersten Lesen bedeutete oder dann als du ihn wirklich ergriffen hast? Das, was durchdrang, wie lange wird es noch durchdringen und wann wird es nur wieder ein Buchstabe sein. I lost them all. Ich habe manchmal meine Wände tapeziert mit Beschriebenem. So ernüchternd zu erfahren dass es diesen Bedeutungsverlust regelmäßig gab und dass er wehtat. Gewöhnung. Wie kann etwas vertraut sein und dennoch magisch? Wie kann ich Magie behalten?

Ein Glaube

Ich sehe mich als Atheistin*, als Agnostikerin*, als Gläubige* in einem sehr engen Disput mit mir selber. Ich kann nur sagen: All diese Ideen, dass es keinen G*tt gäbe und dass es G*tt gäbe, sind bei mir mit Sehnsucht aufgeladen. Ich kann dem Glauben nicht mehr angehören wie damals in der Gemeinde. Ich finde Atheismus und die Idee von einem emanzipierten Menschen viel interessanter; eine Erfahrung die ich innerhalb langer Jahre Aus-Gemeinde-Herauswinden machte. Ich finde Agnostiker*innen klüger und vertrauenerweckender. Und dann gibt es manchmal Momente, da ist G*tt da, wie ein alter Freund. Und es macht Spaß. Weil ich wieder weggehen kann. Weil nichts mehr bewiesen werden muss, für eine Errettung, die ich lachend ausschlage. Und ich werde auch nicht in Zukunft: Nervös im Herzen nachfühlen, was *echter* Glaube ist, und was ist echte Hingabe. Stattdessen will ich Glaube als lebendige Auseinandersetzung: im Schreiben, im miteinander Reden, im Handeln.
Aber mein Herz gehört mir.

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Die Schreibweise G*tt → Wikipedia erklärts. Ich benutze diese Schreibweise aus Respekt vor der jüdischen Tradition.

2 Kommentare

  1. Zitterart · November 11, 2013

    Ich finde es spannend an einem sonnigen Vormittag diesen Text zu lesen, ich mag ihn, sehr. Vielleicht sogar viel mehr als vieles anderes, was ich heute morgen schon gelesen habe, einfach weil du darin ein Thema aufgreifst, dass ich so gut kenne. Auch wenn „kennen“ nicht das richtige Wort zu sein scheint, denn wie kann der Tod „gekannt“ werden? (Außer in den von dir gestreiften Hollywood Streifen.) Aber ich beschäftige mich ebenfalls viel damit, in meinem Kopf, für mich allein ist er immer da, in meiner „Kunst“ auch, verschriftlicht und in Bildern aber irgendwie nie in der Gänze, ich glaube, weil es nicht geht. Weil der Tod immer dieses große Unbekannte sein wird. Oder… vielleicht nicht der Tod als Moment in dem es passiert, sondern der Zustand, das Danach und Davor, kurz davor, diese Zeiteinheit für die wir kein Wort haben.

  2. Profilbild von Bäumchen
    Bäumchen · November 11, 2013

    Freut mich, dass er dir gefällt. Ich hatte sehr viele lose Gedanken zusammenzufinden und irgendwie scheint vieles miteinander verbunden zu sein. Was ich nicht hineinschrieb war die Tatsache, dass ich nach diesem Nachmittag sehr stark erschüttert war, ohne dass mir der Grund wirklich klar war. Nach dem Meltdown schrieb ich den Artikel hier, und es tat sehr gut.