Fem*me*ininität und ihre Abwertung. Der Versuch eines Kontextes.

Femininität, sagt das englischsprachige Wikipedia (grob übersetzt), ist eine Reihe von Eigenschaften, Verhaltensweisen und Rollenmustern, die gewöhnlich Frauen* und Mädchen* zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung ist sozial hergestellt unter Einfluss von biologischen und Umwelteinflüssen, oder um es mit einer ehemaligen Soziologieprofessorin von mir zu sagen: Natur und Kultur sind (auch hier) gleich-ursprünglich, d.h. wie wir Natur wahrnehmen, war schon immer durch einen kulturellen Filter geprägt.

Femininität steht dabei nicht einzeln im Raum, sondern wird in Bezug gesetzt zu Maskulinität. Maskulinität ist seinerseits das, was Männern* und Jungs* zugeschrieben wird.

Beides ist nicht neutral (haha) besetzt in unseren Gesellschaften; sondern geht einher mit dem imperialistischen weißen kapitalistischen Hetero-Patriarchat (bell hooks, zu deutsch: Gesamtscheiße). Das heißt, es bestehen mehrere Herrschaftsverhältnisse und Ausgangspunkt dieses Systems ist die vorherrschende, dominante (hegemoniale) Männlichkeit (as in weiß, männlich, elitär).
Von ihm aus geht die Unterwerfung und Ausbeutung anderer Menschen innerhalb eines kapitalistischen Rahmens aus.

Dabei bleibt Männlichkeit und Weißsein und „Gesundsein“(ableisiert) etc. das Unbenannte: Sie werden nicht benannt, sondern benennen die »Anderen«: die Frauen*, die Schwarzen Menschen und Menschen of Color, die behinderten Menschen usw-. Das Unbenannte ist nicht (nur) der Gegensatz wie es uns Frau/Mann-Gegenüberstellungen vereinfacht darlegen wollen, es ist auch das Neutrale, der »eigentliche« Mensch.

Ich versuche hier nur in etwa den Kontext zu schaffen, in dem Femininität und die Wahrnehmung derselben sich abspielt. Wenn ihr Fragen habt, nur zu.

Als Konstrukt orientiert sich das Femininität/Maskulinität-Gegensatzpaar an weiteren Gegensatzpaaren. Während Maskulinität mit Verstand, Ordnung, Vernunft, Geist, Kraft, Aktivität verbunden wird, wird Femininität in die Ecke Gefühl, Irrationalität, Herz, Verschwendung, Sinnlichkeit, Schwäche, Passivität gestellt.

Mit allem was Frauen, nicht-männliche Menschen und nicht-hegemoniale Männlichkeiten tun, erschaffen sie „Niedrigeres“. Ihre Kultur ist albern, seicht, ihre Bücher sind „gefallsüchtig“, ihre Kommunikation ist mal zu »nett« und mal zu »emotional«, je nachdem in welchen Kontexten welche Gruppen angegriffen und diffamiert werden.

In der kapitalistischen Logik bedeutet die Abwertung eine effizientere Ausbeutung; Care Work, das vornehmlich von (v.a.nichtweißen) Frauen* geleistet wird, bezahlt und vornehmlich unbezahlt, ist wenig wert. Dabei übertrifft die sogenannte Reproduktionsarbeit die unbezahlt geleistet wird, die Lohnarbeit um viele viele Stunden in diesem Land.

Wir treffen diese Abwertung wie bereits mehrmals im Blog erwähnt auch in sogenannten herrschaftskritischen linken Zusammenhängen. Es beginnt bei der Gleichsetzung von femininer Kleidung und Oberflächlichkeit, geht über in soziale Belohnungen, wenn Frauen* diese Weiblichkeit offen ablehnen und sich maskulinere Kleidung, Verhaltensweisen, Haarschnitte usw aneignen, es durchzieht queere Lebensentwürfe. Femmes in queeren, lesbischen, Dyke-Kontexten werden nur in Bezug zu maskulinen Partner*innen gesehen, die die »eigentlichen« Hauptpersonen darstellen.

Ich wollte versuchen, mit diesem Post eine Übersicht über ein sehr komplexes Gebiet zu geben. Ich kann das nicht in aller Vollständigkeit tun, dazu fehlt leider die Zeit. Ich möchte ein paar Ressourcen zu dem Thema Fem/me/inität aus der deutschsprachigen Blogosphäre verlinken, die ich gefunden habe; wer noch welche kennt, bitte an mich mailen.

berlin femme mafia
Ryuu.de (ein Feed mit Übersicht zu Femme-Themen der Bloggerin) + Podcast mit Ragni
femmeinista
Frl Urban

Einzelne Artikel:
»Femmephobia« ein Artikel von Regenbogenmaschine
Offener Brief der fem-me-inistischen aktion zu Sexismus/Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities
Das politische Potential von Fat Fashion, von Virgie Tovar
2 ältere Texte von Nadine Lantzsch und Leah Bohäme zu Lookism.

edit 9.11.: Der komplette Ausdruck bei bell hooks ist: ‘Imperialist White Supremacist Capitalist Patriarchy’; ich hab nicht gewusst wie ich das mit der White Supremacy übersetzt bekomme.

5 Kommentare

  1. pooya · November 8, 2013

    voll gut.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Netiquetten, Schreiben können und Schwangerschaftsabbrüche – Die Blogschau
  3. Pingback: das was ich anhabe. anfangstext. | grimegrrrl
  4. monjibu · November 8, 2013

    White Supremacy zu übersetzen, ist eine harte Nuss.

    Da das soziale Verhältnis so in Deutschland nicht besteht, wäre es vielleicht klug, das deutsche Äquivalent zu nehmen, dass dem am nächsten kommt?

    „Leitkultur“

    Das ist nicht meine Idee, sie stammt von Mai-Anh Julia Boger und ich habe es hierher:
    http://www.inter-disciplinary.net/critical-issues/wp-content/uploads/2013/05/boger-white3-wpaper.pdf

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