Brüste und Weiblichkeit. The struggle.

Inhalt: Dysphoria, Körper, Sexualisierung

Ich möchte eine Reihe von Artikeln eröffnen, die sich mit Femininität auseinandersetzen. Das ist ein Thema, mit dem ich mich schon innerhalb gewisser Diskussionskulturen und dessen was darin auf und abgewertet wird, beschäftigt habe. Im vorletzten Artikel erwähnte ich, dass ich dringend Femme-Empowerment suche.

Ich glaube, eines der grundlegenden Dinge die ich mit autobiografischem Rückblick sagen kann, ist, ich wäre nicht darauf gekommen, dass meine Auseinandersetzung in Kindheit und Jugend mit Femininität, mit zugesprochenen weiblichen Verhaltensweisen, Körperformen, Rollenmustern und EIgenschaften, eine sehr klassische war.

Ich wuchs innerhalb des Glaubens auf, dass Femininität etwas Schlechtes ist. Ich lief mit kurzen Haaren herum und prügelte mich. Als ich einen Mädchenhaarschnitt verpasst bekam, heulte ich vor dem Spiegel. Ich trug „Jungenssachen“ und sah in den Kleidern in die meine Mutter mich bei ihren Besuchen zwang, absurd aus.Ich wehrte mich gegen die Verhaltensmuster die von mir erwartet wurden. Ich glaubte innerhalb des Rahmens den ich überschauen konnte, dass das rebellisch war. Das war es eben auch; nur dass Herrschaftsverhältnisse komplexer sind und ich das damals nicht begriff.

Ich war sehr frühreif, was eine Katastrophe für einen jungen Menschen ist, der von sich annimmt, ewig ein Junge sein zu können. Brustentwicklung mit acht, und mein Körper wurde zu einer Monstrosität. Sport wurde zu einer schmerzhaften Unmöglichkeit für mich; es dauerte Jahre bis auch alle anderen Mädchen Brüste bekamen und die Blicke und die Sprüche die ich bekam, zwangen mich bei jedem Schwimm- und Sportunterricht Alternativen zu überlegen, die mich bisweilen sehr isolierten. Die Sammelumkleidekabine wurde zum Spießrutenlauf; ich schaffte es manchmal, Einzelkabinen zu finden. Mein ganzer Körper wurde mit meinen Brüsten zu etwas was verborgen werden musste. Ich lief gebückt und zog weite Sachen an. Mit 10 wurde mir gerne von alten Männern gesagt, dass ich wie 18 aussehe. Die Panik die das bei mir hervorrief, denn die Sexualisierung und Objektifizierung war mir brennend bewusst. Ich bekam sehr früh Street Harassment ab. Ich war sehr allein mit all dem, denn in meinem Umfeld gab es niemanden der mir half mit den Veränderungen umzugehen. Ich kann bis heute die ganzen Überlebensstrategien nicht mal ansatzweise überblicken, die ich mir aneignen musste, um die Zeit zu durchstehen. Das Resultat war, dass ich vieles gegen mich richtete; in dieser Zeit schon begann eine sehr tiefe Schwermut oder Melancholie, die sich als Lethargie im ganzen Körper ausbreitete.

Irgendwann Jahre später hatte ich mich soweit, dass ich den Selbsthass irgendwie kompakt hatte und nicht mehr wild durch die Gegend flutend. Ich bekam später in einer BBC-Doku über Wachstumshormone mit, dass bei Kindern, die eine schwere Zeit hinter sich haben, der Körper schneller anfängt sich zu entwickeln, um so bald wie möglich erwachsen zu werden. Das wäre mit einer Hormontherapie behandelbar gewesen. Ich war wütend, dass meine Betreuer*innen überhaupt nicht hingeguckt haben und kein Gefühl dafür hatten, wie sehr mein Körper auf die Belastungen reagierte, die ich abbekam. Ich konnte nicht sehr lange Kind sein und es machte mich noch unglücklicher dass das hätte zu einem bestimmten Teil verhindert werden können.

Die Dysphoria die ich hatte, also das Gefühl im falschen Körper zu sein, war für mich schon immer sehr eng verbunden mit der Abwertung die weiblich zugewiesene Körperteile erfahren. Brüste waren nicht mehr wert als das, was ihnen von Typen zugesprochen wurde. Was heißt: Brüste brachten mir Sexualisierung und ansonsten waren sie mit Fett gefüllte Hautfalten, die störten. Sie hatten keinen _Sinn_. Das dabei nicht die Brüste dran schuld waren, sondern eben die Sexualisierung, änderte meine Lage ja nicht. Aber es hätte mir geholfen, mich mit meinem Körper zu versöhnen, wenn ich gewusst hätte, dass das alles System hat.

Well, und heute bezeichne ich mich als genderfluid. Ich trage einen Binder und dennoch mag ich meine Brüste auch. Zuhause laufe ich ohne Binder herum weil ich dann nicht mit der Sexualisierung dealen muss.
Leute halten mich plötzlich für attraktiver. Gerade in der queeren Szene scheint das Hochhalten androgyner Körper gefeiert zu werden. Ich kann zT Beschreibungen von trans Männern über ihre Brüste nicht lesen, weil mir schlecht wird von dem Hass und es mich triggert. Obwohl ich ja ähnliches erlebt habe und ähnliches hier niederschreibe.

Ich möchte nicht, dass Brüste weiterhin diese Abwertung erfahren. Ja, ich möchte dass die Genderung und die Sexualisierung und Objektifizierung von Brüsten aufhören. Ich möchte dass Brüste, auch große, schwere Brüste queer besetzt werden, dass sie gefeiert werden. Ich möchte dem Androzentrismus in der queeren Szene, der sich an cis Männlichkeiten orientiert, was entgegen setzen. Und er ist dabei nur ein Beispiel für Femininitätsfeindlichkeit, die die gesamte Gesellschaft durchzieht.

Damit setze ich mich dann im nächsten Artikel auseinander.

4 Kommentare

  1. distelfliege · November 5, 2013

    Das fand ich sehr bewegend zu lesen.
    Ich identifiziere mich als Frau und wurde auch als solche in irgendwelche Bücher eingetragen (bin also cis), aber ich trage einen Unfrieden mit der Sexualisierung mit mir herum, sehe maskulin aus und habe Probleme mit Feminität. Ich habe einen Männerberuf und viele Muskeln und finde das toll, und ich hatte aber ne glückliche Kindheit und kriegte erst ganz spät relativ kleine Brüste, und ich finde die auch gut.. bei mir lief das Empowerment (bevor ich so queerere Zugänge kannte) über Frauen*zusammenhänge statt, und ich hole mir das quasi nicht über Feminität, sondern dass ich mich a) als Frau* identifiziere aber b) als solches sein u. aussehen dürfe sollte, wie ich will. Wie ich damit Feminitätsfeindlichkeit mit reproduziere, hatte ich mir früher nie überlegt, aber ich möchte das nicht weiter tun. Also bin ich zwar für mich nicht feminin, aber ich will solidarisch sein mit Femmes und femininen Menschen und da drauf achten wie ich selber bin..

  2. Bäumchen · November 5, 2013

    Danke für deinen Comment, Distel. Ja das wäre schön: dass Leute nicht ihre eigene Identität durch so eine Kritik angegriffen sehen, sondern eben mit reinnehmen in Wahrnehmung und umsetzen … damit nicht am Ende wieder so ein Androzentrismus vorherrscht, eine Orientierung an dieser einförmigen Idee von Männlichkeit.

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