Türkisch-deutsche Geschichte: 40 Jahre Kölner Ford-Streik

In Gemeinschaftskunde schauten wir uns Statistiken über die verschiedenen »Schichten« innerhalb der deutschen Gesellschaft an und mein Lehrer meinte zu mir: »Du bist da, glaub ich, nicht drin.« Ich hab damals keine Ahnung gehabt, was er meinte. In der Abiturklasse dann kam die Auflösung. Wir sollten auf Folien kurz skizzieren, wer für uns Teil der deutschen Gesellschaft ist. Ich malte u.a. eine türkische Familie. Und das traf auf Unverständnis. »Die sind doch nicht Teil der deutschen Gesellschaft.« Verächtliche, auf meine Dummheit verweisende Blicke einer Mitschülerin.

Türkeistämmige hier in Deutschland sind »Ausländer«, ewig Draußenbleibende. Unsere Geschichte findet weder in der Türkei statt, einem Land, zu dem die meisten von uns keine Verbindung mehr haben, noch in den Geschichtsbüchern deutscher Schulen. Wir sind unsichtbar; unser Leben, Handeln, unser politisches Streben wird nicht dokumentiert, geht nicht in das Allgemeinwissen über. Unsere Großeltern und Eltern sind als reine Schachfiguren skizziert, in Bewegung gesetzt durch das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei am 30. Oktober 1961. Mehr Erwähnung finden wir meistens nicht.

Aber wir sind auch selten Teil des »subversiven« Wissensmaterial, das unter den weißdeutschen Linken produziert wird. Auch hier hab ich kaum empowernde Ansätze gefunden, die Migrant*innen-Geschichte feiern; stattdessen ist die alternative Linke durchtränkt von Retterfantasien. So singt z.B. der Liedermacher Fidl Kunterbunt in dem Lied »Dulcinea von Toboso« darüber, wie ein weißdeutscher Anarchist mit einer Muslima zusammenkommt und diese »emanzipiert«.

Mensch, Lass dich doch von deiner Religion doch bitte nicht kastrieren
Du hast n Recht auf nen Orgasmus, egal ob mit Ring an deiner Hand
Auch brauchst du keinen Herrn zu dulden, du musst nur Herr(sic!) sein deiner selbst
Ganz egal, ob Abend- oder Morgenland.

Unsere Geschichte zu kennen ist ein wichtiger Teil von Dekolonisierung

Dekolonisierung ist ein »Kampf, uns selbst zu definieren – im Widerstand gegen Beherrschung und darüber hinaus«(bell hooks). Sie dient vor allem dazu, den eigenen verinnerlichten Rassismus zu überwinden und dadurch unsere Handlungsmöglichkeiten innerhalb dieser rassistischen Gesellschaft zu erweitern. Wir können dadurch nicht das rassistische System abschaffen und auch nicht den Blick weißer Menschen auf uns verändern, aber wir können durch sie lernen, uns in den Widerstand zu begeben, unsere Wut zu kanalisieren, unsere Ohnmacht aufzufangen durch den durch und durch radikalen Entschluss, uns selber Gutes zu tun. Sie hilft uns, solidarisch mit den Menschen zu sein, denen es ähnlich ergeht.

Einwander*innen wie auch ihre Kinder waren in Deutschland im Widerstand. Sie haben sich aktiv gewehrt und wehren sich auch heute noch gegen das strukturelle Gemenge aus Rassismus und Klassismus und Sexismus, das sie von allen Seiten erfahren. Diese Geschichten möchte ich erzählen.

Der Fordstreik 1973

Das Kölner Fordwerk war seinerzeit ein riesiges Werk mit etwa 35.000 Lohnempfänger*innen; unter ihnen waren 14.500 ausländische Arbeiter*innen und die Gruppe der Türkeistämmigen stellte die Mehrheit mit 12.000 Arbeiter*innen.

Der Anlass
Etwa dreihundert türkeistämmige Arbeiter*innen wurden bei Ford im Werk Köln-Nihl entlassen, weil sie verspätet aus dem Türkei-Urlaub zurückkehrten. Wer die Strecke nicht kennt, die damals als Gastarbeiterstrecke berüchtigt war: Es starben pro Tag etwa zehn Menschen auf dieser Strecke, sie wurde deshalb auch »Todesstrecke« genannt. Ein historisches Projekt, das sich damit auseinandergesetzt hat, findet ihr hier.

Zu den weiteren Hintergründen schrieb Serhat Karakayali von Kanak Attak:

Bereits im Frühjahr war es in vielen Betriebsversammlungen zu Unmutsbekundungen der Arbeiter, unter ihnen auch viele Türken, gekommen. Auf Unterschriftenlisten hatten sie die Vertrauensleute der Gewerkschaft aufgefordert, sich für Lohnerhöhungen einzusetzen. Von der Forderung nach 50 bis 70 Pfennig mehr pro Stunde blieb nach den folgenden Vertrauenskörpersitzungen jedoch nur noch die abstrakte Aufforderung an die Gewerkschaft übrig, den geltenden Tarifvertrag vorzeitig zu kündigen. So konnten die Kanaken beobachten, wie die Gewerkschaftsbürokratie ihren Willen in homöopathische Dosen verdünnte

Das Verhältnis zwischen den deutschen und türkeistämmigen Arbeiter*innen
Der Rassismus unter den deutschen Ford-Arbeiter*innen war von Paternalismus geprägt, herabschauendem »Wohlwollen«. »Er ist gutmütig, er hat keine Ahnung, er ist ein bisschen dumm« beschreibt ein Beobachter die allgemeine Haltung der Deutschen gegenüber ihren türkeistämmigen Kolleg*innen. Ein beliebter Ausdruck unter ihnen damals war »Eselstreiber«. Beinah automatisch bildete sich ein Gefälle zwischen den unqualifiziert arbeitenden türkeistämmigen Arbeiter*innen und den Deutschen, die bessere Positionen inne hatten.

Das Verhältnis der türkeistämmigen Arbeiter*innen zum Betriebsrat
Die Arbeiter*innen aus der Türkei misstrauten dem Betriebsrat. Einer der Gründe war wie u.a. hier beschrieben: Der Betriebsrat hielt nicht an seine Zusage der Unterstützung, nachdem viele der türkeistämmigen Arbeiter*innen versprachen, dass sie die Arbeit der verspäteten Kolleg*innen übernehmen würden, wenn die Kündigungen rückgängig gemacht würden.

Zudem waren sie in der Gewerkschaft nur wenig repräsentiert im Vergleich zu ihrer Belegschaftszahl. Fünf Vertreter hatten sie im 47köpfigen Betriebsrat; vier davon wurde aber nicht vertraut, weil sie als Dolmetscher als »verlängerter Arm der Unternehmensführung« galten.

Dann gab es noch den Fall mit Mehmed Özbagci, der von allen Gewählten die meisten(!) Stimmen bekam; von 18.300 abgegebenen Stimmen fielen allein 5.700 auf ihn. Er wurde aber angeblich aufgrund fehlender Deutschkenntnisse abgelehnt. Alles in allem genug Gründe, um den Betriebsrat nicht zu trauen.

Streikbeginn
Heute vor 40 Jahren, also am 24.August 1973, rief ein türkeistämmiger Arbeiter innerhalb der gereizten Stimmung im Werk: »Kollegen, wie lange sollen wir uns das gefallen lassen?!« Das führte zu Arbeitsniederlegungen um ihn herum. Innerhalb des selben Tages lief ein Demonstrationszug von 400 türkeistämmigen Arbeitern mit Transparenten im Fordwerk und fordert die Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen. Spontan solidarisierte sich die gesamte Spätschicht: Über 8000 Arbeiter*innen schlossen sich dem Streik an, noch waren viele Deutsche darunter.

Die Forderungen sahen wie folgt aus: Zurücknahme der Entlassungen, eine Mark mehr pro Stunde für alle und die Herabsetzung der Bandgeschwindigkeit. Eine deutsche linke Gruppe verteilte im Ort Infobroschüren, auf den weitere Forderungen standen, zB Verlängerung des Urlaubs. Ein türkeistämmiger Betriebsrat, der zum Streikabbruch aufrief, wurde mit Äpfeln beworfen. Die Arbeiter*innen aus der Türkei prägten die Parole: Sendika satilmis – Die Gewerkschaft ist käuflich.

Noch wurde die Arbeitsniederlegung in den Medien als »illegal aber verständlich« beschrieben. Karakayali führt das darauf hin zurück, dass der Großteil der deutschen Arbeiter*innen noch dabei war.

Um den Betriebsrat zu umgehen, wurde am Montag unter 12000 Streikteilnehmer*innen ein Streik-Komitee gewählt, der mit der Betriebsleitung verhandeln sollte. Baha Targün, 30 Jahre alt und mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen, wurde einer ihrer Sprecher.

Die Werksleitung beschloss den ganzen Vertrieb zu schließen und verkündete das über Radio und Fernsehen, angeblich um die Sicherheit der »Arbeitswilligen« zu gewähren. Der Großteil der deutschen Belegschaft gab nach, aber viele Arbeiter*innen aus der Türkei und einige Italiener*innen blieben auf dem Gelände. Die meisten Streikteilnehmer*innen übernachteten im Polsterlager des Fordwerkes und trotz Hundertschaften der Polizei, die den Zugang zum Werk unterbinden wollten, schafften sie es, das Tor 3 offen zu halten.

Die Spaltung lief derweil weiter: Indem die Gewerkschaft eigene Demonstrationen orgaisierte, konnte sie den Großteil der Deutschen auf ihre Seite ziehen. Ab Mittwoch waren von den Deutschen nur noch die Lehrlinge und einige junge Hilfsarbeiter dabei. Die Medien machten aus dem Arbeitskampf einen »Krieg der Mentalitäten« (Karakayali), vom »Türkenterror« war die Rede. Es wurde abgelenkt von den Forderungen und die Illegalität des Streiks in den Vordergrund gestellt; die Türkeistämmigen verständen »unsere Gewerkschaften« nicht.

Derweil war die Stimmung unter den Streikenden positiv.

Die Halle der Endmontage verwandelt sich in eine Art Festsaal. Mehrfach versammeln sich Hunderte von Türken im Kreis, machen gemeinsam Musik, führen Tänze auf, erzählen über Mikrophon Geschichten und tragen vereinzelt sogar Gedichte vor.

Mittwochmorgen gab es ein Angebot der Werksleitung: Die Entlassungen sollten überprüft werden, es gäbe für alle Arbeiter eine Teuerungszulage von 200 DM, der Lohn würde für den Streik ausgezahlt, solange die Arbeit am Nachmittag wieder aufgenommen würde.

Dieses Angebot wurde als unzureichend abgelehnt; 6000 Arbeiter*innen zogen danach durchs Werk und bestanden auf der Erfüllung der ersten Forderungen. Die Streikführer wurden vom Abgesandten des türkischen Arbeitsministeriums als »Deserteure der türkischen Armee« beschimpft. Erste Einschüchterungen in Form einer Schlägerbande folgten.

Am Donnerstagmorgen traf dann ein erneuter Demonstrationszug von 2000 Arbeitern auf hunderte »Gegendemonstranten« a.k.a. Streikbrecher: Unter ihnen waren deutsche Meister, Vorarbeiter, Polizeibeamten in Zivil, leitende Angestellte und sogar der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrat, Ernst Lück. Sie waren mit Knüppeln und Schlagringen bewaffnet und die Streikenden hatten keine Chance. 27 der Streikführer wurden verprügelt und festgenommen, hunderte fristlos entlassen, 600 machten aus der fristlosen eine »freiwillige« Kündigung. Der Betriebsrat legte bei keiner Entlassung Einspruch ein. Baha Targün wurde ausgewiesen, von ihm erfährt man nichts mehr. »Arbeiterschutzstreifen« patrouillierten über das Gelände und erstickten jede Versammlung im Keim.

Der Streik war vorbei.

Die BILD titelte das mit »Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei« und schrieb log, dass die türkeistämmigen Streikenden die deutschen »Arbeitswilligen« angegriffen hätten. Willy Brandt zeigt sich beeindruckt von der Stärke des sogenannten Wilden Streiks und redet später vom »angeschlagenen Dinosaurier« IG Metall. Und über die Analyse der Linken über dieses Geschehen schreibt Serhat Karakayali:

Für die Linken damals war die Spaltung so etwas wie ein konspirativer Trick der herrschenden Klasse. Natürlich waren die kanakischen Arbeiter in einer besonderen Lage, aber das wurde eben als eine Art Zufall gesehen. Die Arbeiterklasse war doch seit jeher eigentlich international. Von Rassismus, geschweige denn strukturellem, wusste man nicht viel. Die Analyse mancher linker Kleinstgruppe neigte entsprechend ins Peinliche.

Streik
[Streikende während einer Demo, Quelle]

Zur Textstruktur: Da ich keine Fußnoten setzen konnte, habe ich die entsprechenden Texte deshalb verlinkt; u.a. auch ein ganzes PDF. Wer den konkreten Text/Absatz haben will, kann mir schreiben unter rumbaumeln [ätt] posteo (.)org.
Da mir nicht klar war, inwieweit nur Männer* im Werk arbeiteten, hab ich kurzerhand den ungegenderten Begriff „Arbeiter*innen“ verwendet.
Zudem bin ich nicht sicher inwieweit Kurd*innen und andere Türkeistämmige in den verlinkten Texten unsichtbar gemacht wurden.
edit: Nein, eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass sie unsichtbar gemacht wurden.Werde wenn möglich »türkisch« durch »türkeistämmig« ersetzen, sobald ich Zeit hab.Habe »türkisch« durch »türkeistämmig« ersetzt.

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