Kein Sex (I): Purity Culture, All Teh Feelings & Konsens

Content note: Religion, fehlender Konsens, R*pe

Ich habe eine Kolumne versprochen, deren Thema sich um „Kein Sex“ drehen soll. Es ist amüsant und nichtamüsant, darüber zu schreiben. Wie Tucholsky in seiner „Soziologischen Psychologie über die Löcher“ schrieb, kann das Loch nicht ohne das Nichtloch. This is not about your penis penetration. Sondern: Keinen Sex zu haben hat sehr viel mit Sex zu tun. Mit der Kultur um Sex; damit wie Sexualität unseren Alltag strukturiert und unsere Person.

Ich bin diese Person, die leiser wird, wenn Menschen darüber reden, dass sie „seit drei Monaten kein Sex mehr haben kannst du dir das vorstellen????!!1“ Ich komme nie ganz über das Schmollen hinweg, und ich schmolle auch jetzt ein bisschen.

Aber um zu verstehen, wie das jetzt funktioniert wieso ich keinen Sex habe und weil ich, wenn ich es nicht habe, so doch zumindest darüber lange grübeln und mir einen Haufen theoretischer Gedanken machen will, kommt hier also ein erster Text über Bäumchensex – oder eben auch nicht.

Ich habe schon einiges zu meiner religiösen a.k.a. sektiererischen a.k.a. fundamental christlichen Vergangenheit erzählt. Zehn Jahre lang betete ich und verbrachte Mittagessen mit meinesgleichen und ging auf Freizeiten mit meinesgleichen und hörte mir Botschaften an, in denen meinesgleichen gesagt wurde, was ok ist, und dass ich grundsätzlich nie ok bin, außer durch andauernden Selbstzweifel und Selbstzerrüttung.

Was ich selten sage ist, dass Selbstzerrüttung auch Spaß macht, besonders in Kombination mit Göttlicher Allmacht Welche Deine Mängel Gerne Auffängt; das Gefühl sich selbst hinzugeben, zu verschwenden, sich in die Hände von jemand anderen zu befehlen. Und zu hören, fühlen und gefühlt bekommen: Da fehlt noch was, da fehlt noch was, v.a. in einer Zeit in der ich mich sowieso andauernd unvollständig fühlte. Als ich vierzehn Jahre alt war, gefiel mir also ausgerechnet das Gerede um Purity Culture sehr, auf der Freizeit, in die mich meine beste Freundin eingeladen hatte und welche ich ursprünglich beabsichtigte als die selbe Atheistin zu verlassen, als die ich gekommen war. Ich verliebte mich basically in drei Typen während dieser Zeit was absolut normal für mich war und beschloss gleichzeitig, dass Purity Culture, also die christlich-evangelikale Bewegung um die Annahme dass kein Sex vor der Ehe gottgewollt ist, etwas Gutes für mich sei.

Wenn ich mich rückwärts betrachte, könnte ich mich vielleicht mehr als Fangirl verstehen; mehr Bella als sonst eine andere Heldin und meine Tagebücher haben sich in jungen Jahren vor allem um die Nicht-Konfrontationen mit einem ganz bestimmten deutsch-koreanischen Jungen gedreht, dessen Bilder aus Bildende Kunst in den Schulflüren hangen. Und der auch in meiner (zukünftigen) Gemeinde war.

HA! Spoiler, wa?

Wenn ich also sage, dass ich von 12 bis 15 Jahren ein einziges Word-Document auf meinem altersschwachen PC vollgetippt habe mit der Beschreibung über die heißen Augen von T.B., wenn ich in fünf Typen zugleich verliebt war und überzeugt, dass ich mich eines Tages endlich entscheiden müsse!!!

und dann sehe, was heute mit meinem Begehren, meinen Gefühlen, meinem Bedürfnis nach Sexualität ist, dann erkenne ich verdammt nochmal diesen Menschen von damals nicht wieder und FUCK wie ich das hasse.

Und es ist nicht NUR mit Pubertät und dem Ende derselben erklärbar.

Und heute las ich dazu etwas und es passt einfach zu gut und ich zitiere es hier sehr gerne:

The young man and I started doing the things that young couples tend to do, like holding hands, or an arm around the shoulders or waist, and…I could not handle it. The feelings I had were either so overwhelming and powerful I had to stop, or I felt completely and totally numb.

Hier beschreibt eine junge Frau, die innerhalb der Purity Culture groß wurde, wie sie die ersten Berührungen ihres Freundes erfuhr; und sie konnte nicht damit umgehen. Der Text beschreibt noch andere Dimensionen: Fantasien um nichtkonsensualen Sex, die allein befriedigend erschienen, und diese Sätze warfen mich sofort in eine Zeit zurück, in der ich als 14, 15, 16jährige bereits kleine pornografische Textstücke schrieb, die sich basically um Verg*w*ltigungen drehten.

Liebe R*pists, welche in Zukunft vorhaben, irgendwie auf diesen Text zu reagieren: Ihr wisst bestimmt schon, dass R*pefantasien nicht dasselbe sind wie R*pe. Huch, wieder was gelernt!

Also, was passiert ist, die Purity Culture hat viel dazu beigetragen, dass mein Gespür für Konsens verloren ging. Ich würde meine Bedürfnisse solange unterdrücken, bis ich heirate und in der Hochzeitsnacht würde ich einfach (wie auch im Text sehr köstlich beschrieben) den genialsten ohrenbetäubendsten Sex haben, wo gibt, quasi auf Knopfdruck! All das Drumherum, die Kommunikation, die ersten selbstgewählten Erfahrungen, die Grenzen, die ich lernen würde zu setzen – all das existierte nicht. Es würde keine eigene Wahl geben. Ich würde nie den ersten Schritt machen. Der Mann(tm) sollte/müsste/würde schon wissen was er tut.

Kommen wir also zu dem Punkt, um den ich mich buchstäblich bemühe: Konsens funktionierte in meinem kleinen Universum nicht, jedenfalls eine sehr lange Zeit nicht. Ich bin so passiv geworden, dass ich Bedürfnisse nicht ausdrücken konnte, nicht mitteilen. Das führte zu solchen inneren Blockaden, dass Leute regelmäßig meine Grenzen übertreten mussten um überhaupt Gefühl auszulösen. Ich erinnere mich gut an eine Freundin die mich ab dem ersten Tag unserer Bekanntschaft umarmte, unglaublich herzig. Ich war am Anfang noch wie gelähmt, überfordert, verkrampft, wollte nicht und wollte. Ich habe das als befreiend erlebt, was sie da machte. Und das ist neben vielen anderen Aspekten das Unbegreiflich Politisch Wirksame an der Purity Culture: Sie gebiert Umstände, in der nichtkonsensuale Berührungen und Sex als Befreiung erlebt werden.

Ich bin davon noch nicht losgekommen; gerade befinde ich mich auf dem Weg, dass ich mir wünsche, Konsens offen zu formulieren und es noch nicht kann, und Nichtkonsensuales offen anzusprechen (as in: Sexismusdebatte in meinem Wohnprojekt hahaha *müde werd*). Alles im Prozess, nicht wahr?

Bis zum nächsten Mal.

2 Kommentare

  1. a light sneeze · August 1, 2013

    whoa. DANKE für diesen text.
    ich war als teenager in einer freikirchlichen gemeinde, in der selbst umarmungen zwischen „mädchen“ und „jungen“ verboten waren. wir konnten das nur machen, wenn keine erwachsenen es sehen konnten. ich rede hier von einem hug zur begrüßung unter leuten, die sich seit jahren kennen.
    in den darauffolgenden über zehn jahren hatte ich eine.echt.große.menge. nichtkonsensualen sex.
    mir gehen hier lichter auf wie sonstwas.

    alles liebe!

  2. Profilbild von Bäumchen
    Bäumchen · August 1, 2013

    Oh das freut mich, dass der Text dich angesprochen hat :3