Kurz zu #Waagnis

#Waagnis ist eine Aktion einiger Bloggerinnen, in der es grundsätzlich um den Umgang mit der eigenen Waage geht. Das wurde meines Erachtens zurecht kritisiert. Dennoch fehlen mir in der gesamten Diskussion zu Fat/Body Acceptance wichtige Aussagen.

Ich schrieb gerade auf Twitter:

Interessant, die Kritik gegenüber #Waagnis. Dennoch etwas nervig, wie wenig die Intersektion von Race und Class eine Rolle spielen.

Das gilt für die gesamte Body-/Fat Acceptance Posts die ich bisher in der deutschen Blogosphäre las.

Btw, auch die meisten aus der US-Blogosphäre.

Dieses »Mein Gewicht ist mir egal.« ist ne Option die im Diskurs meiner Familie zB überhaupt nicht vorhanden ist. Never.

Den Zugriff auf kulturelle Ressourcen und Strategien die zu »Mein Gewicht kann mir egal sein.« führen, bitte sichtbar machen.

Die einzige die Klassismus erwähnt in nem Text zu Food Acceptance und Inklusion ist @schizoanalyse http://schizoanalyse.wordpress.com/2013/06/01/das-grose-fressen/ … … #waagnis

Ich hab in einem früheren Blogpost mal darüber geschrieben:
»Meine Tante ist dick ge­wor­den die letz­ten Jahre. Über­all hört und liest sie, wie Frau­en aus­se­hen sol­len. Sie zähl­te mir ganz viele Tipps und Tricks zum Ab­neh­men auf, so als brau­che sie die Ge­wiss­heit, ge­se­hen zu wer­den in der Be­mü­hung, schlan­ker wer­den zu wol­len. (Wieso fühlt sie den Druck, das be­wei­sen zu müs­sen?) Ich werde dann immer ganz still. Wer als Laie an­fängt, sich dar­über zu in­for­mie­ren, wie frau am bes­ten ab­nimmt, wird von einer Groß­re­li­gi­on zur an­de­ren ge­reicht wer­den, ihren Glau­ben fin­den und ver­lie­ren und ent­we­der Athe­is­tin oder – sehr ver­zwei­felt. Vor allem: Oft hat frau nicht die Werk­zeu­ge, sich gegen all die ,,Du sollst nicht“-​Ge­bo­te zu er­weh­ren. Und er­lernt sie viel­leicht auch nie. Meine Tante sitzt mir da also ge­gen­über und wirkt fra­gend und dann be­mer­ke ich, dass sie dar­auf hofft, von mir als einer, die Zu­gang zu einer Bil­dung hatte, die ihr nicht er­mög­licht wor­den war, Ant­wor­ten zu be­kom­men. Und hier spüre ich mein Pri­vi­leg.
Ich bin pri­vi­le­giert, weil ich mir die Werk­zeu­ge an­ge­eig­net habe und an­eig­nen konn­te, die es mir er­mög­li­chen, ,,Nein“ sagen zu kön­nen zu vie­len An­for­de­run­gen, die mir eine Ge­sell­schaft stellt. Gott, geht’s mir gut. Wie­viel mehr an sym­bo­li­schem Reich­tum an Bil­dern, Le­bens­ent­wür­fen und Stra­te­gi­en wird mir er­mög­licht, weil ich zum Bei­spiel ganze Blo­gosphä­ren kenne, die sich mit Kör­per­bil­dern be­schäf­ti­gen, weil ich jeden Tag die ver­schie­dens­ten Mei­nun­gen dazu hören und lesen kann, weil ich so­vie­le Wege kenne, die mir Mei­nungs­bil­dung er­mög­li­chen über die ver­schie­dens­ten Platt­for­men und Zu­gän­ge. Und da geht’s al­lein nur um die Frage, ob es okay ist, dick zu sein. Ja, das al­lein ist nicht selbst­ver­ständ­lich und für viele im Dis­kurs über Ab­neh­men nicht in­be­grif­fen. Meine Tante sah lange Zeit nur die zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der strengt sie sich an und nimmt ab – oder sie nimmt nicht ab, weil sie sich nicht genug an­ge­strengt hat. Sie ar­bei­tet jeden Tag in dem klei­nen Laden, den die Fa­mi­lie be­treibt. Sie stel­len tür­ki­sche Nu­del­wa­ren her. Täg­lich ar­bei­tet sie sehr lange; da­nach kommt sie nach Hause, räumt über­all auf, setzt sich mit ihrem Mann zu­sam­men, wenn er heim­kommt und nachts, wenn sie drin­gend Schlaf sucht, kann sie nicht schla­fen: Zu­sehr be­schäf­ti­gen sie all die Pflich­ten und die Ge­dan­ken um die Fa­mi­lie.
Die­ses ganze Ab­nehmthema ist neben vie­len an­de­ren Din­gen vor allem klas­sis­tisch.
Men­schen in pre­kä­ren Le­bensum­stän­den wer­den mit einem Kör­per­bild kon­fron­tiert, dem sie nicht oder kaum ent­spre­chen dürf­ten, weil sie nicht die Zeit und die Res­sour­cen haben. Und es tut mir so weh, weil ich so­vie­le sehe, die sich ab­stram­peln. Es ist eine Fail-​Fail-​Si­tua­ti­on.«

3 Kommentare