Ich möchte Dich nicht vergessen.

Gedanken, Gefühle aufgeworfen an diesem älteren, aber lesenswerten Artikel: »150 Jahre Hagenbeck – 150 Jahre Herrenmenschentum«

Ich möchte nicht vergessen, dass die Tierbefreiungsbewegung mich politisierte. Ich möchte nicht vergessen, dass ich durch den Gedanken an die Tierbefreiung auch endlich an die eigene Befreiung denken konnte. Dass nichtmenschliche Tiere Teil unserer Gesellschaft sind, dass sie unsere Leben mitstrukturieren, so unsichtbar sie auch für viele sein mögen. Ich möchte nicht vergessen, dass Tiere durchaus kommunizieren, was sie wollen und brauchen; dass sie schreien und weinen, sich freuen und glücklich sind. Dass wir es sind, die sie sprachlos machen. Ich möchte auch nicht vergessen, dass Tiere sich durchaus selber befreien; sie wehren sich, schlagen um sich, brechen durch Zäune, halten mit ihrer Flucht eine ganze Mediennation in Atem. Ich möchte nicht vergessen, dass wir die Verbrecher*innen ihrer Ausbeutung und Unterwerfung sind, dass wir sie zu den perfekten Gütern verwandeln. Ich möchte nicht vergessen, dass wir Akteur*innen antispeziesistischer Stellvertreterpolitik sie vergessen, während wir uns in haarspalterische Debatten verwickeln lassen mit Leuten die sich nicht wirklich interessieren, dass wir uns aufreiben an unserer Ohnmacht, dass wir verzweifeln weil wir nicht wissen wie wichtig oder unwichtig Aktion x ist, weil wir weder die Subjekte sind, für die wir diese Arbeit machen noch mit diesen Subjekten gemeinsam handeln noch überhaupt oder nur selten „Früchte“ dieser Arbeit sehen, weil wir sie nur in den Zahlen und Statistiken erleben, die sinken oder steigen.

Das untere Gedicht war Zeugnis meiner Auseinandersetzung mit diesem politischen Thema; der Versuch empathisch zu fühlen, was für mich nicht in seinem tatsächlichen Ausmaß fühlbar war, in das ich mich nie wirklich hineinversetzen konnte: in unserer Gesellschaft als Lebewesen zum »Tier« gemacht zu werden, ein Konstrukt in der u.a. »Passivität«, »Unvernunft«, und »dem Menschen/Mann gehörend« bedeutsam waren. Ich will dabei nicht vergessen, dass es in die Geschichte von (u.a.) rassistisch und sexistisch Betroffenen dazugehört(e), dass sie zu »Tieren« erklärt wurden; dass ich aber Othering in dieser Gewalt nie selber erlebt habe. Ich möchte mich heute distanzieren von dem Versuch, mir „künstlerisch“ eine Erfahrung aneignen zu wollen, die nicht die meine ist. Wichtig bleibt für mich: Das Gedicht zeigt den Schmerz auf den ich damals fühlte mit der Über- und Ohnmacht dieser Stellvertreter*innenpolitik, das Fehlen des Subjekts Tier in unserer Gegenwart, in unserer politischen Arbeit.

In umzäunter Hölle
schieben sich meine Gedanken durch die Stäbe
und enden an mir.

Ich mit mir
und Welt ist fort.
Wer ist dann noch
dieser Körper?
Wer fühlt noch Qual?

Nicht ich bin noch hier
Hier ist nur noch die lauter werdende Hysterie.
Nicht ich bin noch,
oder der Gedanke an Welt,
oder der Gedanke an ein Du.

Und da ist auch kein Warten.
Wie feiner Maschendraht
wickelt sich
das Nichts um den Körper

und löscht ihn aus.
Ihn, Welt, Dich.

(12.September 2011)
(veröffentlicht auf dem alten Blog)

2 Kommentare

  1. ele · Juni 10, 2013

    vielen dank fürs sharen — tatsächlich bin ich z.b. durch antikapitalistsich_antirassistsiche politik zur idee von tierbfreiung_ende der ausbeutung von nichtmenschlichen tieren durch menschliche tiere gekommen.

    dabei habe ich mich gefragt: wie kann ich für eine welt ohne aufgezwungene hierarchien und autoritäten, für eine befreite gesellschaft einstehen, wenn ich doch tagtäglich unterdrückung_gewalt_leid nichtmenschlichen tieren gegenüber auslebe; wenn ich glaube sie seien da für „mein genuss“, „mein vergnügen“ — als schnitzel aufm teller oder „haustier“ in gefängnis ‚haus‘.

    ich habe mich nie in einer ‚vegangen‘ oder ‚tierbefreiungsbewegung‘ aktiv gesehen – zu sehr waren mir diese ‚bewegungen‘ entfremdet von antirassistischen_antiimperialistischen_antikapitalistsichen kämpfen. zu /weiß/ die umfelder — mit einer extrem hohen anzahl von wursthaar-/weißen/ und vegane poc-communities glorifizierenden leute mit i-phones und kaputten klamotten (also dieses ganze „arm performen“ von reichen menschen).

    du schreibst etwas was ich sehr wichtig finde:

    „Ich will dabei nicht vergessen, dass es in die Geschichte von (u.a.) rassistisch und sexistisch Betroffenen dazugehört(e), dass sie zu »Tieren« erklärt wurden; dass ich aber Othering in dieser Gewalt nie selber erlebt habe.“

    die dynamik von ‚othering‘ und das ‚zum tier machen‘ von menschen hat eine bestimmte logik_tradition in einem /weiß/ vorherrschaftlichen diskurs. erst wenn mensch entmenschlicht ist, kanne eine bestimmte ausübung von physisch_psychischer gewalt_kontrolle von kirche, staat_nation legitimiert werden. daher glaube ich dass ALLE People of Color diese gewalt bewusst oder unbewusst erleben — nur so können ihre körper zu ‚anderen‘, ‚weniger menschlicheren‘ erklärt werden.

    in dieser ganzen debatte fühle ich mich auch oft so entfremdet da, auch wenn ich gewalt_ausbeutung gegen/von nichtmenschlichen tieren bekämpfen möchte ich sehe dass die gewalt_ausbeutung gegen menschliche tiere oft wenn überhaupt zweitranging behandelt wird. und damit habe ich ein riesen problem. vorallem in einer westlich_imperialistischen rethorik.

    es wurde von /weißen/ vegans auch schon als ’speziezistisch‘ markiert wenn ich sage „ich kümmere mich im notfall zuerst um menschliches leid“ – was nicht bedeuetet, dass ich GEGEN tier(selbst)befreiung bin, ergo — wenn in einer kriegsregion 100 menschen und 100 rinder bombardiert werden, werde ich alles daran setzen diese 200 leben zu retten (also angenommen ich hätte die macht_ressourcen dazu). wenn ich aber nur 100 leben retten kann – dann rette ich die 100 menschlichen leben. auch wenn das potenziell fascho-menschen sind (denn das argument habe ich auch oft gehört). ich komme also nicht drum rum speziezismus NICHT absolut mit rassismus_(hetero-)sexismus_klassismus gleichzusetzten. ich behandel es gemeinsam. ich versuche wenn möglich nicht zu hierarchisieren… jedoch wenn ich muss — bin ich bei den menschen. auch wenn mir dann ’speziezismus‘ an den kopf geworfen wird.

  2. Profilbild von Bäumchen
    Bäumchen · Juni 10, 2013

    Meine Erfahrungen mit meiner Antispe-Gruppe
    Ele waren anders, also v.a. im Bezug darauf, was die Leute vorwarfen.
    Wir müssen bereits hart für unsere politische Anerkennung kämpfen. Meine
    Gruppe wurde drei Jahre lang von ANtideutschen beschimpft, dass wir
    menschenfeindlich seien und nur auf das Wohl der Tiere achten würden.
    Das war so erschöpfend, weil unser Anliegen sehr klar herrschaftskritisch
    formuliert war und immer wieder dieselben platten Vorwürfe zu hören,
    v.a. im Hinblick darauf, dass wir jede Demo der Linken hier unterstützten
    und uns abrackerten die Vokü-Arbeit zu übernehmen undundund. Wir haben
    eine Antirepressionswoche gemacht, aufgeklärt, einfach sehr viel
    getan, Arbeit die uns wichtig war und die wir verbunden sahen mit unserem
    tierbefreierischen Anliegen. Aber wir haben deswegen stark unsere eigenen politischen
    Anliegen vernachlässigt, bis wir irgendwann sagten, die Legitimität müssen wir
    uns erstmal selber geben,und unsere Bündnisse jedesmal neu abwägen;
    wir wollen uns weder von den Linken/Anarchos sagen, wie wir springen sollen,
    noch von einer Tierrechtsbewegung, die oft auch ins rechte Spektrum ragt …
    Wir haben versucht sehr breite antikapitalistische Bündnisse zu organisieren,
    in Hamburg gabs zB den ANtirepkongress, wo es über klassischen ANtikapitalismus,
    Kritik gegenüber Deutschlands „War on Terror“, antimuslimischen Rassismus ging,
    aber eben auch um Tierbefreiung.
    Diese moralische Entscheidung „Eher Mensch statt Tier“ sehe ich eben nur in dem
    Punkt gegeben, wem ich lieber meine Zeit geben will und meine Ressourcen. Ich
    sehe aber in meiner eigenen politischen ARbeit diese Entscheidung erstmal gar
    nicht bzw sie ist aufgehoben, weil ich die Befreiung von Mensch und Tier so
    eng miteinander verknüpft sehe. Rassismus setzt Menschen „dem Tier“ gleich; aber wir
    vergessen so oft, dass „das Tier“ auch nur ein Konstrukt ist.

    Adorno schreibt (Triggerwarnung rassistische Bezeichnungen):
    „Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren,
    etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird
    entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den
    Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er dieses Bild von sich schiebt – ‚es ist ja bloß ein Tier‘ -,
    wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter
    das ‚Nur ein Tier‘ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz
    glauben konnten.“
    Das ist der Knackpunkt. Ich will damit nicht die rassistischen Dimensionen wegnehmen, die
    es beinhaltet, wenn eine Person of Color mit Tiernamen belegt wird. Diese gewaltförmige
    Geschichte gibt es und kann nicht weggedacht werden. Aber ne, unsere persönlichen Beziehungen
    zu Tieren bestätigen uns auch, dass sie nicht „nur Tiere“ sind, eben nicht das Konstrukt, das
    wir von ihnen da haben. Ich hab darüber mal in Verbindung von Speziesismus und Sexismus
    beim Mädchenblog was geschrieben: http://maedchenblog.blogsport.de/2011/07/10/fleisch-und-sex/
    (Frauen* mit Tiernamen zu benennen ist ja auch immernoch „a thing“) und zitier mal kurz
    aus dem Text von der Mieke Roscher:

    „Die anklagende Feststellung ,,Sie behandeln uns wie die Tiere“ muss […] darin münden, sich fundamental mit dem Speziesismus auseinanderzusetzen und ihn anzugreifen, anstatt eine partielle Besserstellung von Frauen erreichen zu wollen. Es sollte Frauen nicht genügen, nicht mehr wie die Tiere ausgebeutet zu werden und sich gleichberechtigt an ihrer Unterdrückung zu beteiligen.“

    „Dem (liberalen) Feminismus ist […] vorzuwerfen, dass er sich in übertriebener Speziessolidarität darum bemüht, den Essentialismus, der im Frau-Tier-Vergleich verborgen liegt, abzustreifen. Er strebt danach, sich dem ‚Herrschenden‘ anzugleichen. Dabei greift er allerdings genau auf die gleichen Hierarchisierungsmittel zurück, denen er sich vorher verwehrt hat. Diesem Feminismus geht es darum, zugunsten eigener Heraufsetzung das Tier dauerhaft in seiner unfreien Position zu belassen. Er übernimmt die autoritäre Denkstruktur, in der die unterdrückte Gruppe immer das diskursive Tier bleibt, ob menschlich oder nicht, ist dabei ohne Belang.“

    Ich hoffe ich konnte mein Anliegen klar formulieren. Einen schönen Tag noch.
    Lg, Tuba