How to Muttertag innerhalb deutscher rassistischer Gesamtscheiße.

Inhalt: Mutter-Tochter-Beziehung, Migration, Intersektionalität, White Supremacy, Sexismus, Klassismus

Zum Muttertag retweetete ich sie hier:

Ich schreibe das aus Gründen. Mir war die Aussage wichtig, dass hier eine Women of Color über Vergebung und ihre Mutter spricht. Darüber dass es nicht leicht ist. Weil das was ich vom Muttertag mitkriege so von weißen Idealbildern über Mütterlichkeit überschwemmt ist, dass ich kotzen könnte.

Wir leben in einer Welt, in der weiße Männer als Comedians, Schauspieler und Autobiografen Geld damit verdienen, dass sie (ihre) Mütter öffentlich demütigen. In der Psychotherapeut*innen die Figur der Mutter hochproblematisch finden. In der Mother Blaming und tote Mütter in Disney Normalität sind.

Ich möchte über meine eigene Mutter sprechen. Über Schuld und Vergebung und wie das so ist, wenn wir innerhalb einer Welt leben, in der nichtweiße Menschen andauernd Schuld/en erzeugen, weil es die Notwendigkeit erzwingt.

Ich habe einiges davon in anderen Blogposts bereits mal angesprochen; deshalb verzeiht wenn es sich hier nur wiederholt, aber wichtige Gedanken sind wichtig.

Ich kenne die Gefahren innerhalb einer weiß dominierten Gesellschaft über die Probleme und die Ismen nichtweißer Menschen zu sprechen. Vor allem Vorgepresche von White Feminism ™, um darauf hinzuweisen Wie Patriarchal Diese Anderen Kulturen Doch Sind. Euch will ich hier nicht sehen; ich werde keine Kommentare von euch veröffentlichen und ihr seid nicht Teil meiner Vorstellung vom guten Leben.

Doch auch im Lichte von Femen und Co zu sehen: Ich werde auch nicht darüber schreiben wie befreit und emanzipiert ich doch bin. Wie es bei undercover of color so schön geschrieben wurde:

Wir können uns nicht jeden Tag abstrampeln und aller Welt versuchen zu beweisen, dass wir nicht in ungleichen, schmerzhaften Machtverhältnissen leben. Und wir müssen unsere Überlebenstrategien insofern über denken, dass es nicht sein kann, dass wir uns gezwungen fühlen “Ich bin schon frei” Plakate für weiße Augen zu tragen.

Es gibt Schuld. Wir werden auch zu Schuldigen in diesem System. Und wir erzeugen Schmerzen, weil uns Schmerzen erzeugt werden.

Meine Mutter gab meinen Bruder und mich weg, als wir vier, fünf Jahre alt waren. Sie würde neu heiraten. „Das hat was mit ihrer Kultur zu tun“, hörte ich damals. Heute ist das in türkischen Familien nicht mehr so; damals anscheinend schon. Ich sehe meine Mutter durchaus auch als Handelnde innerhalb des Rahmens ihrer Möglichkeiten. Aber sie hatte nicht viele.

Meine Mutter war zwanzig Jahre alt damals. Sie ist in ihrer Kindheit nach Deutschland gekommen; nachdem mein Opa hier bereits lange Jahre gearbeitet hat um seiner Familie was zu bieten, bevor sie ihm nachreisten. Sie ist früh von der Schule gegangen; sie hatte keine Ausbildung. Verlobt war sie mit 17, geheiratet hat sie mit 18. Mit 19 kam das erste Kind, mit 20 das Zweite und da war sie auch schon wieder getrennt.

Ich habe soviel gefragt. Was ist passiert? Wieso hat sie uns weggegeben? WAS IST PASSIERT? Doch an den Entwicklungen damals ist viel Schamgefühl verbunden, viel Gras, das Menschen wachsen lassen mussten. Ich glaube ich werde es nie richtig verstehen. Es hat viel mit der Familie meines Vaters zu tun, einer Doppelhochzeit zwischen zwei Mitgliedern meiner Familie und der ihren und der Entscheidungen einer Tante, nach einem Hausbrand nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Mein Vater der von seinem Vater durch Internate geschickt wurde. Der meine Mutter betrog, als sie schwanger war. Über dessen Schuld ich hier nicht rede, weil er mir dafür nicht genug bedeutet.

Alles ist miteinander verbunden. Ich werde da nicht durchblicken können. Was ich verstehe, ist die prekäre Situation meiner Familie innerhalb eines Deutschlands, dessen wirtschaftlche Situation von der Ausbeutung migrierter Menschen fröhlich profitiert. Meine Mutter die auf dem Arbeitsmarkt nie eine Chance gehabt hätte und deshalb nur eine Versorgerehe als Ausweg aus der Armut sah. Ich sah Bilder von ihr, kurz nach der Hochzeit mit ihrem neuen Mann. Sie sah schlimm aus. Ihr Gesicht war erstarrt. Später bekam ich mit, dass sie zehn Jahre in therapeutischer Behandlung war. Ich weiß nichtmal, ob die Therapien heute auf die Traumatisierungen von migrierten Menschen vorbereitet sind. Auf das was sie zurücklassen müssen, was sie hier aufgeben müssen, den alltäglichen Rassismus zu erleben, das Entfremdetwerden gegenüber den eigenen Kindern. Auf die Verschränkung von Rassismus, Sexismus und Klassismus, die meine Mutter durchlebte.

Meine Mutter schickte uns also zu unserem Vater (edit: der uns später ins Heim schickte). Aber sie log uns darüber auch an. Sie redete davon, dass sie uns nur auf Besuch dorthin geschickt hätte und unser Vater uns einfach nicht hatte zurückschicken wollen. Ich glaube sie befürchtete wir seien zu jung um die Wahrheit zu erfahren. Jedenfalls war der Schock umso größer als unser Stiefvater es uns endlich erzählte. Im Nachhinein ein mieser Zug von ihm, sich Absolution zu erhoffen und sich selbst nicht mit seiner eigenen Schuld zu beschäftigen; es wäre nie ein Problem für ihn gewesen uns damals aufzunehmen, er hing da ebenso mit drin, er hatte selber zwei Kinder in die Ehe mitgebracht.

Und ich wuchs auf, hin und hergerissen zwischen dem Pflichtgefühl, die eigene Mutter zu lieben und ihr zu vergeben; angereizt von verfilmten toten Müttern und den Schmerz den sie in großen verweinten Disneyaugen hinterließen. Und der Wut, die sprachlos gemacht schien und ausgerechnet dann ein Ventil zu finden glaubte, als weiße Deutsche mich ermutigten, darüber zu reden, auf meiner Wut zu beharren. Sie sahen sich als empowernd in diesem Fall. Ich sah sie als empowernd damals, weil ich noch nicht verstand. Ich hatte Wut, aber begriff nicht wie diese rassistisch genutzt wurde, um die Menschen meiner Kultur systematisch anzuklagen.

Auch heute noch innerhalb einer politischen Blogosphäre ist die Frage wie ich über die Auswirkungen des Patriarchats innerhalb meiner Familie reden kann, ohne dass weiße Menschen meine Worte zum Sprachrohr ihres Rassismus machen.

Nach jahrelangem Zögern, Höflichkeitsbesuchen und Besuchs-Tochter einer Besuchs-Mutter sein habe ich vor zwei Jahren den Mut gefasst und meiner Mutter gesagt, dass sie für mich wie eine fremde Frau ist. Es war die richtige Entscheidung; ein Schritt in die Richtung, uns endlich um diese Beziehung zu kümmern. Um uns mit dem auseinanderzusetzen, was wir einander antun.

Ich weiß heute mehr als früher und ich sehe mehr als früher, ich sehe in welch einer Welt unsere Handlungen welche Konsequenzen haben. Ich sehe meine Mutter innerhalb der strukturellen Gewalt, die sie erlebt und ich sehe, dass es eine Chance für uns beide gibt, uns nicht mehr gegenseitig zu verletzen, sondern zu ermutigen und zu stärken.

Aber ich möchte auch gerade deshalb nicht das kleine Mädchen vergessen, das damals wie ausgewechselt auf Fotos neben der Person stand, die ihr von allen als ihre Mutter vorgestellt wurde, entfremdet, verwirrt. Ich möchte lernen meiner Mutter zu vergeben, ohne ihr Mitwirken deshalb zu relativieren . Ich möchte die marginalisierten Stimmen anderer sprechen lassen, ohne dass meine dadurch zum Schweigen gebracht werden muss. Und ich möchte uns feiern, die wir in diesem System Überlebende sind.

3 Kommentare

  1. Pingback: Links 36 | High on Clichés
  2. onnopoet · Mai 17, 2013

    Hey, habe zufällig deinen Text entdeckt.

    Ich denke du bist sehr mutig um dass so fast öffentlich darzulegen. Ich wurde zwar nicht adoptiert oder so etwas, nur diese krasse miese Ambivalenz. dieses hin und her gerissen und was ich glauben und denken kann und soll macht mich immer noch irre, wütend. Geschiedene Eltern mit jeweils neuen Partnern.

    Zugleich habe ich aber auch Gefühle der Liebe, und ich mache meine Eltern nicht mehr für etwas verantwortlich. Dass einzige was ich gut finde ist, dass ich in ner Verhaltenstherapie so mein Lebenaufarbeite und mich stabilisiere….

    Also Kopf hoch, du bist sehr stark!!!!!

    P.s. vielleicht interessiert dich meine Lyrik…seit gestern bin ich on, ein Gedicht ist raus….

    Beste Grüße aus Braunschweig

    Onno

  3. Bäumchen · Mai 17, 2013

    Hallo Onno
    Tut mir Leid; dein Kommentar wurde unter nem Haufen Spams vergraben und ich entdeckte ihn erst als ich die alle (weil ich Zeit hatte) eigenhändig löschte. Danke für deine lieben Worte :)Und den Blog schau ich mir auch mal an.
    Gruß, Bäumchen