Tone Argument, Wut, Lautsein und die Erziehung zur Harmonieerhaltung

Tone Argument, das ist, kurz gefasst, wenn eine Person in einer Debatte nicht auf deine inhaltliche Aussage eingeht, sondern sie dadurch schon disqualifiziert, dass sie einen bestimmten „Ton“ hat.

Gerne wird das innerhalb von Debatten verwendet, um vom eigentlichen Thema abzulenken, gerne auch wenn es um sogenannte Fails geht, also wenn Menschen rassistisch, sexistisch etc. gehandelt oder reagiert haben. Die vom -ismus betroffene Person reagiert mit Wut und Ärger – und genau diese Wut trägt dann angeblich dazu bei, ihr die Kritikfähigkeit abzusprechen, denn ihre Aussage „Das war rassistisch“, klang halt nicht nett.

Das bewegt sich natürlich alles innerhalb einer Symbolik, in der „die Ratio“ des weißen mitteleuropäischen Mannes abgefeiert wird und Wut, Schreien etc. Anzeichen der „hysterischen Frau“, der „angry black woman“ usw seien, ist also rassistisch und sexistisch besetzt. Schreiende weiße Männer sind nicht „hysterisch“ oder „wild“, schreiende weiße Männer setzen sich durch.

Tone Argument ist auch per se klassistisch; denn kultiviert wurde der „gute Ton“ v.a. in der bürgerlichen Klasse, als Abgrenzung nach unten, um zu zeigen, „Wir sind wer“. (gelernt von Clararosa).

Irgendwann kommen wir innerhalb den feministischen Debatten also so weit und sehen das und versuchen das in unsere Kritik mit aufzunehmen, auch untereinander. Und merken selber wie schwierig es ist, mit einer Sozialisation umzugehen, die v.a. Personen, die bei Geburt als weiblich zugeordnet wurden, hinter sich haben. Viele von uns wurden so erzogen, dass wir uns für das Gefühlsleben anderer verantwortlich sehen und selber vor allem positive Gefühle zeigen, die Harmonie erstellen/erhalten. Wir werden schon früh auf Beziehungen ausgerichtet, v.a. klassisch monogam-heterosexuelle und dieses Ausrichten auf die heterosexuelle Pärchenbeziehung, korreliert mit unserem Bild von „Erwachsensein“ in unserer Gesellschaft; weshalb Mädchen* in einem gewissen Alter für „reifer“ erklärt werden als Jungs*, weil sie* eben schon viel früher darauf ausgerichtet werden, Typen zu gefallen, auf sie einzugehen, etc. Wer v.a. negative Gefühle ausleben darf und wer sie beachten und mit ihnen arbeiten soll ist, zeigt eben auch u.a. die sexistische Struktur unserer Gesellschaft. Und deswegen erlernen gerade wir „deeskalierende Sprache“.

Ich hab schon viel früher mal darüber geschrieben wie ich performte negative Gefühle erlebt habe:

Per­form­te Ge­füh­le haben in mei­ner Kind­heit sehr oft dazu ge­dient, mich zu ma­ni­pu­lie­ren. Ich wurde (als Mäd­chen?) so er­zo­gen, dass ich Ge­fühls­aus­drü­cke 1.​sofort nach­voll­zie­hen kann und 2. dar­aus an­ti­zi­pie­re, was mein Ge­gen­über von mir will + es dann auch tue(n soll). Emo­tio­na­le Dienst­bar­keit quasi.

Eine Freun­din von mir emp­fand zum Bei­spiel die Be­hand­lung durch ihre Mut­ter als eine Art ,,indirekte Päd­ago­gik”: ,,Ich bin jetzt echt trau­rig, dass du das ge­macht hast.”, ,,Ich bin ent­täuscht” etc. Es ging der Mut­ter eben nicht al­lein um einen Ge­fühls­aus­druck, son­dern um eine ganze Pa­let­te an nicht­aus­ge­spro­che­nen For­de­run­gen, was ihre Toch­ter an­ders ma­chen soll.

Für mich gehts hier vor allem um Debatten zwischen Menschen, die als Frauen sozialisiert wurden. Ich möchte, das das mitreflektiert wird, nicht als Barriere für Gefühlsperformance, aber dass es u.a. Teil unserer Geschichten sein kann, wenn wir miteinander umgehen. Ich hab gebraucht, bis ich mit der Kritik am Tone Argument klarkam, bis ich mit wuterfüllten Tweets klarkam, bis ich auf Kommentare reagieren konnte, bei denen ich zuerst nur großgeschriebene Buchstaben und viele Ausrufezeichen sah. Und ich hab lernen müssen, selber negativ konnotierte Gefühle wie Wut zu zeigen, zu performen, etc, und ich hab dann am eigenen Leib bemerkt, wie krass Tone Argument wirkt und wie gewaltvoll das ist.

Ein anderer Fall, der mir noch sehr wichtig ist, wenn wir schon dabei sind zu lernen, Gefühle zu zeigen und laut zu sein und das mit den Ausrufezeichen (oder anderes):
Letztens schrieb mir eine Freundin (sie kann ja selber sagen ob sie genannt werden will), dass sie sich freut, dass ich so „offen“ schreib und nicht „weichgespült“. Ich musste lachen. Sie hat dazu geschrieben, dass es aber auch nicht schlimm gewesen wär, wenns netter geschrieben worden wäre, dass sie es aber trotzdem gut findet. Gerade für uns mehrfach Betroffene ist es sehr befreiend, Wut offen ausdrücken zu können und deswegen bin ich dankbar dass ich langsam dazu fähig bin und in der Hinsicht ermutigt werde.

Trotzdem: Ich denke, wie sie auch nachschob, es ist wichtig, hier keine Verachtung gegenüber dem „Netten“ zu kultivieren. Es ist nicht schlimm, etwas nett zu sagen. Es ist nicht schlimm, etwas in freundlichem Ton, mit einem Lächeln zu sagen. Es sollte NICHT dazu beitragen, uns zu ignorieren oder unseren Aussagen weniger Wichtigkeit zuzumessen. Die Maulwürfe aus Freiburg, ein Kochkollektiv, schrieben mal in einem Rant vor ein paar Jahren oder so, den ich leider nicht mehr wiederfinde in etwa: Sie (als überwiegend Frauen* und weiblich Sozialisierte) hätten keine Lust, nur dann ernstgenommen zu werden wenn sie sich ausdrücken und so Raum einnehmen wie die Macker.

Das Schlimme daran, etwas nett zu sagen, mal ganz abgesehen dass im anderen Fall Tone Argument droht: Menschen werden (wieder) nicht ernstgenommen. Wenn ich hier meine ganzen Artikel nett schreiben würde, wäre ich das nette Bäumchen, aber ich bin mir sicher und habe das auch schon erlebt, das dann kein Mensch reagiert außer mit einem: „Wie nett, was Bäumchen schreibt, und so schön ausformuliert“. Meine Aussagen können noch so radikal sein, aber dadurch dass „Nettsein“ so stark Ausdruck weiblicher* Sprache ist, wird sie abgewertet.

Also um es nochmal zu wiederholen: Erst wird uns die Möglichkeit genommen, unsere Wut auszudrücken, dann wird die einzige weitere Form von Kommunikation abgewertet, die uns bleibt und die vor allem von Frauen* kultiviert wurde, nämlich Dinge freundlich zu sagen und mit einem Lächeln. Das geht nicht. Und es geht nicht dass Menschen in Diskussionen nicht zugehört wird oder nicht auf sie reagiert wird, weil sie eben ruhiger sind, leiser, weniger negative Gefühle zeigen etc. Ich möchte mit dem was ich sage, gehört werden, sei es wütend gesagt oder freundlich.

10 Kommentare

  1. Sunny Lemon · März 26, 2013

    Große Zustimmung und Applaus! Laut und mit einem Lächeln.

  2. Distelfliege · März 26, 2013

    Soooo ein klasse Text, kann ich sehr unterschreiben. Auch dass du sagst, nett sein ist auch was wertvolles und sollte nicht abgewertet werden, finde ich gut. Ich vermeide Wut im Netz meistens auszudrücken, und versuche unemotional zu wirken. Ich will nicht dass ich mir eine öffentliche Blöße gebe damit. Und mir fällt das sehr auf, dass hegemonial- Kerle emotionale Ausbrüche haben und trotzdem ernst genommen werden. Das ärgert mich tierisch…

  3. gtz · März 26, 2013

    in der “die Ratio” des weißen mitteleuropäischen Mannes abgefeiert wird und Wut, Schreien etc. Anzeichen der “hysterischen Frau”, der “angry black woman” usw seien, ist also rassistisch und sexistisch besetzt

    come again? das beharren auf vernunft ist rassistisch? die rassistische zuschreibung scheint mir eher deine projektion zu sein, denn per se der forderung nach vernunft inne.

  4. Profilbild von Bäumchen
    Bäumchen · März 26, 2013

    Hallo gtz
    Innerhalb eines Blogposts ist es immer schwierig, in kurzen Texten zum Punkt zu kommen und manchmal hilft es da, manches nur anzureißen. Für mich ist das Beharren auf diese „Ratio“ Teil männlich-europäischer Philosophiegeschichte; die viel Schaden dadurch anrichtet, die Welt in Dualismen aufzuteilen wie zB hier „Verstand“ und „Gefühl“. Die Idee dass die zwei entgegengesetzt sind und nicht miteinander zu vereinen sind, hat viel dazu beigetragen, die berechtigte Wut marginalisierter Gruppen zu ersticken und zB Frauen* und rassistisch Diskriminierte „auf ihren Platz“ zu verweisen: Sie sollten erst mal „objektiv“ sein und raus aus ihren „Befindlichkeiten“ kommen. Diese Idee von Objektivität geht davon aus, dass es Erfahrung ohne Subjektivität geben kann, ohne eine Geschichte, quasi freischwebend über den Ereignissen, und das ist Quatsch.
    Männlich-europäische Philosophiegeschichte deshalb, weil die sich in ihrer scheinbaren Geschlechtslosigkeit feiernde Philosophie hierzulande von Männern* entworfen und über die Freiheit und das Leben von weißen Männern* redet, wo sie behauptet vom Menschen allgemein zu reden. Fällt v.a. dort auf wenn eins liest, was bereits Philosophen an Scheiße über Frauen* geschrieben haben.

  5. mme · März 26, 2013

    Toller Text!
    Grade wenn es um meinen Umgang als Frau* mit anderen Frauen* geht. Ich wurde in meiner Jugend eher so sozialisiert (bzw. hab mich so sozialisiert), dass „coole Mädchen*“ sich eher „männlich* bzw. mackrig verhalten und fand das ziehmlich gut von mir, was dazu geführt hat, dass ich nettes und vor allem eher schüchternes Gesprächsverhalten lange abgewertet hab und der Meinung war, dass Leute (bzw. Frauen*, denn um die ging es ja meist) halt ihren Mund aufkriegen müssen, wenn sie zu Wort kommen wollen. Und damit immer wieder andere Frauen* abgewertet und diskriminiert. Ganz schön viel Kackscheiße produziert und reproduziert. Und irgendwann gemerkt und vor allem von Menschen gelernt, dass es nicht geht, zu sagen, dass Leute halt nur reden müssen, und dann werden sie gehört. Oder wie du geschrieben hast, eben einen bestimmten, dominanten, aber immer schön „rationalen“ Sprachstil verwenden müssen, um gehört zu werden.
    Und dass es gerade unter Frauen* bzw. nicht-Männern nicht klarggeht, es wichtig ist, dass wir uns nicht diesem Rationalschwafel unterwerfen, dass wir weder nett sein noch rummotzen dürfen, weil wir dann nicht ernstgenommen werden. Als ich deinen Text gelesen hab, ist mir mal wieder aufgefallen, wie sehr ich das verinnerlicht hab. Wenn eine* rummotzt, dann hör ich schnell nur auf den Tonfall, erschrecke mich auch schneller mal, wenn eine* nett ist, neige ich dazu, ihre Worte nicht ernst zu nehmen. Das regt mich grade so richtig auf, dass ich das immer noch in meinem Kopf habe!
    Und dann regt es mich furchtbar auf, wenn Leute das bei mir machen. Ich reg mich in einer „intelektuellen“ Diskussion über Sprache über sexistische Aussagen auf und werde nicht mehr ernstgenommen. Ich bin nett und werde wieder nicht ernstgenommen.
    Und ich muss grade an einen Dozenten denken, der sagte, nett sei ja die kleine Schwester von scheiße. Und warum verdammt nochmal nicht der kleine Bruder??? Mal wieder eine grandios schlechte Analogie von nett – Frau* – Abwertung. Und nett sein ist ja wohl mal was Gutes! Und Wut zeigen, wenn Leute sich *istisch verhalten sowieso.
    Danke nochmal für das Gedankenfutter!

  6. mme · März 26, 2013

    kurzer nachtrag:
    ich war so richtig gut gelaunt, als ich dem letzten Typen, der mir auf einer Party mit einem „Lächel doch mal“ kam, ein „halt doch einfach mal die Fresse“ entgegnete…

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