Wie gehts mir gerade.

Ich habe gerade das Bedürfnis über so viele verschiedene Themen zu bloggen und derzeit weiß ich noch nicht, wo ich anfangen soll.
Viellecht erstmal: Wie geht es mir?
Ich habe mich letztes Jahr bei der Rosa Luxemburg Stiftung beworben. Das war ein riesiger Aufwand, in letzter Minute noch die wichtige Empfehlung dann bekommen, in letzter Minute abgeschickt. Die Ankündigung war, ein halbes Jahr darauf warten zu müssen, ob eine überhaupt in die Gesprächsrunde käme. Und wenn eins nix hören würde, würde ich auch nicht reinkommen. Das fand ich schonmal ziemlich hart. Wie schwer ist es, Leuten wenigstens kurz eine Email zu schreiben, dass sie nicht drin sind? Wieso muss es ein halbes Jahr dauern?
Ich hab dann doch eine Absage per Brief bekommen vor einiger Zeit. Der Grund hat mich ziemlich erschüttert. Es ging darum, dass sie niemanden fördern, der zu spät sein Studienfach gewechselt hat. Innerhalb dem Grundgedanken der Stiftung, Menschen gerade aus Working-Class-Hintergrund eine zweite Chance zu geben, war diese banale wie bürokratische Formalität einfach mal wie ein Tritt.
Ich lebe gerade von nichts. Ich habe das Glück innerhalb einer WG zu sein die mich in dieser Hinsicht mietetechnisch noch ein wenig auffängt. und ich habe das Glück, dass es soetwas wie Containern gibt. Ich bin seit Monaten auf der Suche nach nem Job und bekomme nur Absagen. In meinem Kopf reihen sich die Statistiken auf: Wie oft sich Leute mit ausländisch klingendem Namen mehr bewerben müssen als die mit deutschklingendem Namen oder deutscher Staatsbürgerschaft (10 mal mehr). Ich bekomme gerade mit, von dem ich in meiner Jugend immer nur meinte, das gäbe es gar nicht mir gegenüber, weil ich ja so angepasst bin. Rassismus.
Ich bekomme mit, dass Leute Jobs bekommen weil sie die Connections dazu haben. Ich frage mich überhaupt noch warum Jobs ausgeschrieben werden und sie nicht gleich an den Cousin des Freundes gegeben. Das wäre ehrlicher. Der Job, bei dem ich gerade selber die größten Chancen habe, wurde mir von jemandem empfohlen, der ein Freund von Leuten der Firma ist. Und ich bin dankbar dafür.
Innerhalb meines Wohnprojekts lief derweil eine Sexismusdiskussion. Mehrere Übergriffe in einer einzigen Hausbar und ich schrieb eine wütende Email über den Verteiler. Fast alle Frauen des Hauses kamen zu mir und teilten mir mit, dass es ihnen ähnlich ging. Da ich nicht nur die Übergriffigeit der Stammgäste kritisierte, die zum Teil aus dem Mänenrwohnheim kamen, sondern auch die eines studierten Hippies, formierte sich ne Hippiefront gegen mich. Ich wurde pathologisiert; was würde denn nicht mit mir stimmen, wenn ich Umarmungen nicht mögen würde undundund. Sogar aus Berlin schrieb mir ein ehemaliger Mitbewohni eine solche Mail. In einer anderen Mail meinte einer, „in unserer europäischen Kultur“ würde das eben so sein, und ich solle mich an die „hiesigen Sitten“ anpassen. Sarrazzinargumente, weil nicht jede Person gleich angefasst werden will. Und das von linken Leuten. Aber es gibt eine gute Nachricht: Das ganze Herumstreiten bewirkte, dass in die Hausbar das Konzept der Definitionsmacht eingeführt wurde. Ich freue mich darüber.
Die ganzen existenziellen Sorgen bewirken, dass ich mich nicht auf die Dinge konzentrieren kann, die mir derzeit wichtig wären. Religion wäre darunter ein wichtiges Thema. Davon vielleicht auch unabhängig brauche ich irgendeine Kraftquelle, weil ich mich gerade so ausgelaugt fühle, so leergeschrieben, leergestritten. Freundschaften fühlen sich mangelhaft an, v.a. auch weil die meisten Freund*innen außerhalb leben und weil es keine erfüllende Alternative neben sexuellen und romantischen Beziehungen gibt, die ähnliche Wertschätzung erfährt. Vieles überhaupt basiert gerade auf Worten. Ich vermisse nonverbale Kommunikation, ich vermisse Berührungen. Aber gleichzeitig kann ich das auch nicht mehr, weil ich gerade nicht loslassen kann, mich nicht einfach vertrauensvoll in etwas hineinbegeben.
Und dann der Körper, das große Thema. Ein zerworfenes Bündnis. Ich dachte mal, ich hätte Frieden mit ihm geschlossen und auch Frieden mit meiner Krankheit. Aber dann wurde mir klar, dass ich das nur unter der Bedingung machen konnte, Menschen nicht mehr an ihn heranzulassen, Menschen ihn nicht mehr bewerten zu lassen, was nur durch Distanz ging. Distanz und lange Klamotten. Ja, und ich mag meinen Körper jetzt. Und habe dafür Angst vor Menschen. Ich habe mir damit einen Raum zum Atmen geschaffen, aber es hat seinen Preis.
Und ich vermisse meine Großeltern, die zurück in die Türkei sind, weil Deutschland scheiße ist. Und ich hasse jedes Plenum, in dem mir wieder nur weiße deutsche Gesichter entgegenschauen. Und ich hasse die tumblr queerer Menschen, die weiß und ablebodied und schlank sind. Und ich hasse es, dass die unter queeren Menschen gefeierte Androgynität meistens weiße, schlanke, ablebodied Menschen bezeichnet. Und ich hasse es, dass der einzige queere deutsche Mensch den ich an meinem Wohnort lange kannte, konsequent Bodyshaming bei mir betrieben hat und mir gesagt hat, dass ich „auch mal wieder Sex“ bräuchte, das würde als einziges zufriedenmachen. Ich hasse es, dass ich egal wo ich bin, andauernd Maßstäbe angesetzt bekomme, die ich mir nicht ausgesucht habe. Dass ich andauernd am Streiten und am mich wehren sein muss, um überhaupt nur irgendwo sein zu können. Und all die Menschen die sagen: ,,Mach mal ne Pause“ – es gibt keine. Ich lebe in diesem Körper in dieser Gesellschaft mit diesem Namen und dieser Staatsbürgerschaft und diesem Begehren und mit diesem Geldbeutel und dieser Vergangenheit. Es gibt keine Pause.

Ein anderer Satz, den ich gern sagen würde: „Ich mach nicht mehr mit“. Aber geht auch nicht.

Jetzt muss ich was essen.

4 Kommentare

  1. Zweisatz · Februar 24, 2013

    <3 Und scheiße und *Trost geb*, wenn möglich.

  2. Distelfliege · Februar 24, 2013

    Das ist doof. Wünsch dir erfolgreiche Jobsuche und auch schöne Momente immer wieder zwischendurch.

  3. C. Rosenblatt · Februar 24, 2013

    weh das klingt als bräuchtest du dringend einen Platz an dem du einfach sein kannst

    Weiß nicht wo der sein kann
    hoffe du weißt es noch?

  4. Lena Schimmel · Februar 24, 2013

    Hmpf…
    habe nun einige Stunden verrinnen lassen um zu überlegen, was ich dir hierzu schreiben kann und will. Wie an anderer Stelle schon öfter gesagt, bin ich nicht so gut im Trösten, bzw. selbst jetzt, wo ich prinzipiell recht sicher bin, merke ich doch, dass das meiste sich nicht in einem Kommentartextfeld anwenden lässt.

    Die meisten Dinge, die dich belasten, sind für mich nachvollziehbar, auch wenn ich natürlich längst nicht alles davon selbst durchlebt habe. Das Gesamtgefühl, dass einfach mal alles Mist ist, kenn ich aber auch gut. Und das meiste sind doch eindeutig Unzulänglichkeiten in der Gesellschaft bzw. bestimmten Menschen und Organisationen darin. Das nimmt dir natürlich ein Stück weit die Möglichkeit, das direkt anzupacken und zu ändern. Keine von uns verändert die Welt mal eben von heute auf morgen, was schade ist. Die positive Seite davon gibt’s aber auch: Du brauchst dir nichts vorzuwerfen. Und da wo du was an den Umständen ändern kannst, scheint das ja auch gut zu gehen, siehe Hausbar. Super!

    Manche von den Dingen, die dir gerade nicht passen, sind natürlich schon eher so „innen drin“, bei dir selbst. Wie du mit Freund*innen interagierst, wie du deinen Körper siehst, wie du mit dem ganzen Mist da draußen umgehst und was du davon an dir abperlen lassen kannst… Da sehe ich natürlich auch ein, wie sehr sich Umfeld und Erlebtes prägend auswirken. Aber letztlich bist du es, die da über sich selbst hinauswachsen kann und hoffentlich wird (eigentlich eine schöne Baum-Metapher, oder?).

    Bei dem meisten kann ich sicher keine Hilfe sein, aber gerade was das angeht, was du über Freund*innenschaften schreibst kann ich im Moment zu 100% mitfühlen und bin an ähnlichen Themen dran. Wenn du da eine Diskussionspartnerin suchst, bin ich gerne da :)

    LG und *flausch*, Lena