Feminism mit Schmerz und Schwarzer.

Meine Timeline auf Twitter las sich vorgestern so: Allgemeine Empörung(tm) von Feministinnen*. Auf @radioeins wurde behauptet, es gäbe ja eh nur Alice Schwarzer die in Deutschland wirke und nach ihr keine andere Feministin*.

Die Wut einiger darüber kann ich sehr gut verstehen. Bei anderen ist mein Mitgefühl begrenzt.

Liebe Feministinnen*, die ihr euch unbeachtet fühlt: Kritik an Schwarzer ist bäräh-chtigt, das wissen wir alle. Aber bevor ihr euch vornehmlich an ihr abarbeitet, also an einer, an der das echt ne leichte Aufgabe ist; eine die offen zu Rassismen wie der Forderung nach ,,Assimilation“ steht und den Islam als Bedrohung für die Zivilisation darstellt; achtet doch darauf, wo ihr selber daran mitwirkt, andere Menschen innerhalb der Bewegung auszugrenzen und unsichtbar zu machen. Das ist etwas, woran wir alle noch arbeiten müssen. Ich auch. Und das ist auch etwas, was vielen Menschen wehtut. Und nicht nur Schwarzers Variante.

Schwarzer zu kritisieren ist easy. Ich hab das auch schon geschafft. Aber was wir lernen müssen und was schwieriger ist: Sich selber der Kritik stellen. Nicht mit Beißreflexen reagieren. Oder genauso schwierig: Lernen, die eigenen Freund*innen zu kritisieren, wenn sie failen. Denn wir alle haben den Bullshit verinnerlicht.

Stellt euch vor, ich hätte gestern einigen geantwortet, wie mir und anderen Menschen beim Thema Klassismus geantwortet wurde. Ich gehe dabei mal darauf ein, was Nadia v.a. in ihrem Artikel an die taz schrieb und der von vielen gefeiert wurde (und nein, Nadia, ich lasse hier mal nicht los). ,,Die Schwarzer kämpft für euch da draußen, während ihr es hier in eurer Bubble schön kuschlig habt.“ Stellt euch vor, ich hätte gesagt auf euer Bemühen hin, Formen von Rassismus sichtbar zu machen: ,,Es gibt ja eh fast nur deutsche Feministinnen* in der feministischen Bewegung.“ Das wäre nicht okay gewesen. Ihr wäret zu Recht wütend geworden. Und dann hätte euch noch jemensch gesagt: Sag das bitte netter, sonst provozierst du ja nur, dass ich dir nicht zuhöre. Das hat Antje Schrupp gebracht.

Nein, mensch kann Rassismus und Klassismus nicht gleichsetzen. Muss ich auch nicht. Klassismus IST eine Form von Ausgrenzung und ist für viele unter uns spürbar. Und niemand muss dazu Bourdieu studiert haben, um das zu wissen. Ich weiß, wie emanzipatorisch Bildung sein kann; ich weiß, wie wichtig mir gerade als von Rassismus Betroffene Bildung gewesen ist und noch immer ist. Aber es bleibt dabei: Wichtig ist, nicht stehenzubleiben dabei, sondern diese Form von Ermächtigung zu reflektieren.

Nadia schreibt in etwa: Wenn die EMMA mich nicht braucht, brauche ich die EMMA und Alice Schwarzer auch nicht.
Seriously, Nadia? Ich mein, mit der Schwarzer gebe ich dir zu 100% Recht; ich find die scheiße. Aber was denkst du, wie es mir mit dir geht?

Eine Feministin zitierte vor kurzem Flavia Dzodan von Tiger Beatdown, die schrieb:

,,My feminism will be intersectional or it will be Bullshit. /
Mein Feminismus wird entweder intersektionell sein oder er ist Bullshit.“

Oder Vegans of Color, in deren Blogtitel steht:

,,Because we don’t have the luxury of being single-issue.“ /
Sinngemäß etwa: Weil wir nicht den Luxus genießen, uns nur mit einer Form von Diskriminierung beschäftigen zu können.

Wieso schreib ich das alles. Ich habe heute einen Brief von der EMMA bekommen. Vor zwei Monaten oder so habe ich mein Abo gekündigt und den Grund dafür in meiner Mail angegeben: Rassismus.

Die EMMA schreibt:

,,Wir sind sicher, dass Ihnen Ihr Abonnement der Zeitschrift EMMA viel Freude bereitet und wertvolle Informationen vermittelt hat.“

Bullshit.

Ich bin im ,,Frauenkirche“-Verteiler. Gestern gingen antimuslimische Emails rum, die von der ,Mehrheit muslimischer Männer“ redeten, die alle ihre Frauen* schlagen. Und dass ja Änderung nur von den „intellektuellen europäischen Zirkeln“ ausgehen würde. Ich reagiere und bekomme die Abwehrreaktionen eurozentrischer Elitengläubigkeit. Zitat: ,,Antimuslimischen Rassismus lasse ich mir nicht vorwerfen!“ und ,,die Eliten müssen anfangen … Es waren auch die Eliten, die zur Aufklärung geführt haben!“ und dass muslimische Frauen in Europa das Glück haben, das ihnen hier Bildung offensteht: ,, (wenn es ihre Eltern zulassen!!!)!“

Und das von Feministinnen*. Wieder und wieder.

Bullshit.

Das alles ist kein Hobby von mir oder anderen. Die letzten Wochen sind voll gewesen mit dieser Scheiße. Ihr regt mich auf.

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Die Kommentare bei mir werden geschlossen sein. Auf takeover.beta kann diskutiert werden. Aber ich warne bereits vor: Ellenlange Antworten mit dem Derailing der letzten Wochen werden erst gar nicht veröffentlicht.