Stille und Schnee. Gedanken über meine Familie

Es gibt immernoch Fragen, die ich in die Stille hinein stelle. Ich habe mein Leben soweit, fast soweit, dass es mir gehört, und doch weiß ich, dass manche Fäden nicht abzuschneiden sind. Ich weiß, dass ich mich immer wieder fragen werde: Warum? Warum bin ich nicht mehr Teil meiner Familie? Warum bin ich hier, und sie woanders?

Zurzeit bewegt sich viel in meinem Leben; u.a. scheine ich herausgefunden zu haben, was ich mit meinem Leben wirklich machen will, außerhalb dessen, zu was mich Familie, Gemeindemitglieder und Lehrkörper bewegen wollten. Ich frage mich, wie hoch die Chancen für andere ehemalige Heimkinder und Ex-Fundis sind, soetwas herauszufinden – wieviel Zeit ist schon gegeben, um zu reifen? Wieviele Narrative gibt’s noch für ehemalige Heimkinder außerhalb von „auf der Gosse“ oder „Wunderkind“? Ich sollte ein Wunderkind sein, denn ich konnte so gut mit Sprache, und so brachte man mir nicht Normalität bei, sondern zog nur die Erwartungen an mich an.

Zehn Jahre, nachdem ich raus aus dem Heim kam, verstehe ich jetzt erst langsam meine eigene Entwicklung. Ich verstehe, was es bedeutet etwas zu „wollen“ außerhalb dessen was die Erwachsenen von damals wollten oder was sie unachtsam an mich ranschmierten, wie eine nach dem Waschen noch nasse Hand. Mich dem zu entziehen, war ein grässlicher Entwicklungsprozess und ich erwische mich immer wieder dabei, zurückzuwollen: zu ihrer Anerkennung, ihrer Umgebung, ihren Narrativen über mich, die mich nicht nur wunderkindlich, sondern mitten unter ihnen sahen. Aber während ich längst schon ein eigenes Leben aufgebaut habe und den Kontakt nach dort abgebrochen, so blieb ihr Einfluss noch lange, sehr lange.

Überraschung, ich war kein Wunderkind. Ich war nur ein Kind, das Bücher mochte, und ich konnte gut mit Sprache, weil ich es musste: Wenn ich mich nicht begreifbar machte, drohte Gewalt. So verhängnisvoll ist mein Schreiben mit dieser Geschichte verwickelt, dass ich auch jetzt nicht mehr schreiben kann, ohne an dieser Verbindung zu leiden. Weil: Wenn du mich nicht verstehst, was dann? Also ließ ich das Schreiben. Mein Wunderkindbild zerfloss. Ein anderes Bild dahinter, noch flüchtig, noch nicht ganz festgeworden: Eine fast 30jährige Person, in einer Großstadt, mit einem eigenen kleinen Zuhause, mit eigenen Liebsten, mit einer verschleppten und immer wieder abgebrochenen Studienausbildung, irgendwie gereift in den Halbdebatten und Quereleien linker und queerer Onlineszenen, mit sich regelmäßig wechselnden Obsessions über Gärtnern, Ex-Spiritualität, Kommunismus, Magie und Skincare. Noch am Leben. Und eigentlich ganz okay dabei.
Right???
– – –

Du stehst im Schnee und alles ist ruhig. Vielleicht knirscht es hin und wieder, wenn du dich bewegst, aber du weißt, jedes Geräusch kommt von dir. Du bist allein. Es ist kalt, und du weißt noch nicht, wie gut du das findest. Du horchst, und alles ist still. Alles ist still – !
Hier kannst du nun atmen. Erst vorsichtig und dann immer tiefer.
Die Luft ist so frisch und eisig.

alles ist möglich

Derzeit ist das mit dem Erwachsenwerden sehr schmerzhaft und ein Prozess, der mich in die schlichtesten Alltagserledigungen hineinverfolgt. Als Mensch mit sachlicher Heimerziehung eröffnet sich eine weitere Sparte an verschiedensten Schamgefühlen darüber, dass diese ganz bestimmten Personen fehlen, die mir gerade hier Unterstützung und Fokus und Orientierung geben könnten, wenn sie es auch nur dadurch täten, dass sie teilhätten an der Diskussionsplattform meines Lebens. In meinem Kopf ist genau da ein Loch, und wenn sich jemand meinen Alltag vorstellen könnte, dann als Sims-Spiel, wo unter den wählbaren Aktionen eines Sims nicht zwanzig bis dreißig Aktionen stehen, sondern eine Million, und jedesmal, wenn du eines anklicken willst, stockt das Bild, und es ist klar, die Aktionenanzeige hat noch nicht ganz geladen, und 744 andere erscheinen bereits und überlappen einander, wie die Fenster bei Windows 95. Mein großes Problem ist nicht meine Angst, sondern die Unmöglichkeit, Wichtigkeit und Unwichtigkeit festzulegen. „Alles ist moglich“ ist nur dann eine erfreuliche Feststellung, wenn ea sich nicht darauf bezieht, dass du jederzeit sterben könntest oder in deinem Schwimmbecken ausgerechnet heute aus dramatisch pikanten Gründen ein Hai ausgesetzt wurde (eine Angstfantasie, die mich als Kind für eine erinnerungswürdige Viertelstunde lang besessen hat) oder genau jetzt, nein, genau jetzt, nein, genau jetzt etwas aus einem Fenster dieses langen Hauses auf deinen Kopf fliegt. „Alles ist möglich“ ist der Terror meines Gehirns.

Ein paar Gedanken zum Schreiben

Ich habe hier viel auf diesem Blog geschrieben und dann lange geschwiegen. Für mich war die Stille nach dem Schreiben das Seltsamste; der Wunsch nach einem Gegenüber, die*r sich mit mir über das Geschriebene austauscht, blieb unerfüllt. Es wurde unerträglich, geschrieben zu haben. Und dann wurde es unerträglich, nicht zu schreiben, und ich blieb inmitten dieser Anspannung.

Gleichzeitig war mein Leben in dieser Zeit auch sehr erfüllt; ich machte neue Erfahrungen, und merkte, dass ich nicht mehr alles mit allen teilen musste, um verstanden zu werden. Das war wirklich eine Entdeckung, mit der ich lange kämpfte: Bedeutet das, dass persönliche Zufriedenheit meinen Wunsch, etwas in der Welt zu erreichen oder gehört zu werden, auslöschte? Mir meine Radikalität in politischen Dingen nahm? Mich schreibtot machte? Ich vergaß, dass ich mich auch zuvor immer tot *nach* dem Schreiben gefühlt hatte, weil ich wusste, dass keine Reaktion befriedigend genug war und weil ich nicht wusste, *wohin* ich schreibe.

Soviele ambivalente Gefühle dem Schreiben gegenüber.

Es ist unbefriedigend, für nichts zu schreiben. Damit meine ich auch Geld. Soviel Arbeit floss in Texte, soviel Arbeit in Gruppenprojekte, die sich zerschlugen. Es war auch eine Zeit, in der ich finanziell nicht abgesichert war, was bedeutet, dass es Zeiten waren, in denen ich sehr sehr hart am Minimum lebte: Wenn Miete bezahlbar war und ich genug essen konnte, waren das die guten Tage. Heute denke ich, was ging in mir vor, dass ich mich in so einer Zeit mit den Problemen einer akademisierten feministischen Blogosphäre herumschlug.

Meine Beziehung zum Schreiben ist kurios. Ich habe schon sehr lange geschrieben: Mit 12 oder 13 Jahren habe ich die Idee des Tagebuchs entdeckt, aber auch die fiktionalen Welten, die ich einfach so aufs Papier haute: sei es Fanfic, Orkporn oder meine Lieblingsgeschichte einer Diebin, die in einer fantastischen Welt den König stürzt. Ich hatte keine Ahnung, dass ich soetwas wie „Fanfic“ schrieb, dass Tausende von Teenies rundherum auf der Welt ebenselbe schrieben, dass es Foren und Organisationen dafür gab. Ich schrieb allein.

Und ich schrieb mich. Was eine immer irritierende Angelegenheit für mich bleiben würde. War ich das, war ich das?, fragte ich mich, als ich meine Texte siebzehnmal Korrektur las. Wer ist diese Person? Dissoziierend lesen macht alles zum Roman einer anderen. Ich wusste nicht, wer ich war, also war alles, was ich schrieb, erstaunlich neu für mich, erstaunlich anders, und wie aus dem Nichts geboren. Wie konnte ich das schreiben, wenn ich es kaum denken konnte?

Letztes Jahr lernte ich vom „Tod des Autoren“ und von der „lebenden Schrift“. Ein bereits älteres Konzept für Textanalysen, um sich nicht mehr vordergründig mit der Biografie einer Schreibenden zu befassen, sondern mit dem Schreiben selber, und wie wenig dieses eigentlich an der Person der Schreibenden hängt. Der Gedanke stellt ein kurioses Verlangen in mir zufrieden, in meinem Schreiben nicht beschränkt zu sein auf mich selber. So viel in mir ist ausgebrochen beim Schreiben, dass ich es nicht mit mir und meinen Biografien – denn eine zusammenhängende war nie für mich fassbar – zusammenbringen kann. So häufig ich alleine schrieb, so schien doch etwas in diesem Schreiben die Möglichkeiten einer Offenheit inne zu haben, die ich beim Reden und Denken nicht habe. Wie ein kleines Sternentor zwischen mir und dem Stift. Oder vielleicht nur zwischen dem Stift und dem Blatt.

Ich werde mich vermutlich weiterhin fragen, ob ich die Person bin, die das geschrieben hat und was wer daraus wohl schließt, weil das eben zu meiner Gewohnheit wurde. Aber ich weiß nun auch: Identitäten sind das Eine, aber Schreiben ist immer auch mehr für mich gewesen, als etwas zu wiederholen, was ich als bestehend glaube. Diese radikale Offenheit bleibt auch noch, wenn Hilo alias Bäumchen gut gegessen hat und in einer anständigen Wohnung lebt.

Im November beginnt für mich eine Zeit des Schreibens. Ich werde mich am #NaNoWriMo beteiligen und freue mich sehr darauf. Seit einigen Monaten bewegt mich dieser Gedanke, und nun habe ich mir die Zeit und auch die Ressourcen (a.k.a. das Internet) herbeigeholt, mir das zu ermöglichen. Ich weiß noch nicht, was dabei herauskommt, aber ich bin sicher, dass mich das Ergebnis überraschen wird.

Oranges Are Not the Only Fruit – Ein paar Gedanken zu einem schönen Buch

It was not judgement day, but another morning.

Ich habe diesen Blog lange nicht mehr angerührt, aus Gründen die schön sind. Mir ging es gut. Auch gab es viele Umwälzungen die letzten Monate, Jahre. Vielleicht werde ich noch mehr dazu schreiben. Heute nur dies. Ich lese wieder vermehrt Bücher und dann packt es mich so, dass ich nicht aufhören will über sie zu erzählen. Das Buch über das ich heute schreiben will, habe ich im englischen Original gelesen, „Oranges Are Not the Only Fruit“ von Jeanette Winterson. Es geht um die adoptierte Jeanette, die in einer Pfingstgemeinde aufwächst und sich dort in ein anderes Mädchen verliebt. Wer meinen Blog und meine Geschichte kennt, weiß, dass das ein großes Thema von mir ist. Was mich an diesem Buch so sehr berührt im Vergleich zu ähnlichen Geschichten im Bereich christliche LGBT, Ex-Ex-Gay etc., ist, wie wenig im Vordergrund die sexuelle Identität der Hauptperson steht oder generell eine Art Identitätssuche, sondern v.a. die Geschichte von Entscheidungen: die Veränderungen und der Schmerz, den sie bringen. Ich habe in den letzten Monaten mit keinem Thema mehr gekämpft wie mit diesem. Veränderungen, Tode, sich selbst fremd werden, sich selbst wie 1 war, nie wieder so zurück bekommen. Mit den Menschen die gehen oder die 1 verlässt, auch sich selber ein Stück verlieren. Immer und immer und immer.

Dabei gibt es auch viel zu lachen. Das Buch greift wie keines auf, wie KOMISCH Fundies sein können, wie bizarr ihr Alltag ist und wie sie sich selber in Situationen bringen, wo sie sich aufgerufen sehen, ihre eigenen Grenzen zu übertreten. Das hat viel mit Zwang zu tun, der aber vermengt ist mit dem unbändigen Wunsch G*tt zu gefallen. Der Drang die eigene Loyalität zu G*tt zu beweisen, führt dann zu Grundschüler*innen die ihren Klassenkamerad*innen das Evangelium predigen, was sie automatisch zu Außenseiter*innen macht. Auch ich hielt das mal für den Preis, den wir zahlen, um G*ttes Freund*innen zu sein. Tanzte nicht auch König David vor einer riesigen Menschenmenge selbstvergessen vor G*tt und wurde deshalb von seiner eigenen Frau für verrückt erklärt? Die Freude an so einer Hingabe, kombiniert mit der augenscheinlichen Schrägheit für Beobachtende, vermittelt das Buch sehr gut.

Wie es ist aus so einer Gemeinschaft draußen zu sein und einer neuen Umgebung nicht vermitteln zu können, wie schön es da zugleich auch war neben dem Schrecklichen, beschreibt die Erzählerin hier (dt. Übersetzung von mir, bei Fehlern gerne melden):

…she knew her old world had much in it that was wrong. If she talked about it, good and bad, they would think her mad, and then she would have no one. She had to pretend she was just like them, and when she made a mistake, they smiled and remembered she was foreign.

[… sie wusste, dass in ihrer alten Welt viel Unrecht geschehen ist. Wenn sie darüber reden würde, über das Gute wie das Schlechte, würde man denken, sie sei verrückt, und dann hätte sie niemanden mehr. Sie musste so tun, als wäre sie ihnen gleich, und machte sie einen Fehler, lächelte man und erinnerte sich ihrer Fremdheit.]

Auch die Art wie die Liebesbeziehungen im Buch beschrieben sind, sind fern von jedem Retter bzw einer Retterin die von außen kommt und die Protagonistin von ihrem fundamentalistischen Pfad rettet, ihr die Augen öffnet sozusagen. Die Liebe passiert und ist im Einklang mit ihrem Glauben, ihre Freundin genauso brennend wie sie für G*tt.

We read the Bible as usual, and then told each other how glad we were that the Lord has brought us together. She stroked my hair for a long time, and then we hugged and it felt like drowning

[Wir lasen wie immer in der Bibel, und dann sagten wir uns wie glücklich wir waren, dass der HERR uns zueinander gebracht hat. Sie streichelte mein Haar für eine lange Zeit und dann umarmten wir uns und es fühlte sich an wie Ertrinken.]

Ich habe in meiner Zeit in der Gemeinde nur selten zu fantasieren gewagt wie es wäre, einfach heimlich eine Beziehung zu einer Frau zu führen. Es gab viel Geschlechtertrennung, dadurch aber auch ne sehr starke Verbundenheit der Frauen untereinander; viele „Schwestern-WGs“ in denen Frauen auf sehr engem Raum zusammenlebten und ihren gesamten Alltag und ihre Freizeit miteinander gestalteten. Wer hätte es bemerkt, wenn diese Schwestern sich noch etwas näher gewesen wären? Wir umarmten uns bereits und hielten Händchen und trösteten uns. Wiederum hörte ich in dieser Zeit zwei junge Brüder darüber reden, dass all das Einander-umarmen der Schwestern eine „Vorbereitung“ für die Ehe mit nem Mann sei.
Ahahaha.

Wieso habe ich diese Fantasie nicht zugelassen, sie vielleicht sogar gelebt? Weil nicht auf meine Eigenverantwortlichkeit in Sachen Sünde allein Wert gelegt wurde, sondern auch darüber was meinen Schwestern passierte durch mich. War ich es, die ihren Glauben betrüben würde? Würde ich der Grund werden, dass sie vom Glauben abfielen? So ist es nicht verwunderlich dass auch die geliebte Melanie im Buch die Affäre mit Jeanette abbricht. Und Jeanette dankbar ist, so dankbar, dass die nächste Freundin kein Problem mit dem Versteckspiel hat.

Jeanette entscheidet sich ihre Gemeinde zu verlassen, nachdem sie auch mit ihrer zweiten Partnerin erwischt wurde. Das Buch ist bald durchzogen von der Schwermut, die sich entwickelt, wenn ein Teil von dir woanders weiterlebt (und du merkst das!). In Terry Pratchetts „Ein Hut voller Sterne“ gibt es Frau Grad, eine Person mit zwei Körpern. Im Laufe der Geschichte kommt einer der Körper zu Tode. Die Schwermut die Frau Grad daraufhin befällt weil ihr ein ganzer Teil von sich fehlt, diese Schwermut finde ich auch in dieser Geschichte wieder.

I have a theory that every time you make an important choice, the part of you left behind continues the other life you could have had. Some people emanations are very strong, some people create themselves afresh outside of their own body. […] That I am still an evangelist in the North, as well as the person who ran away.

[Eine Theorie von mir besteht darin, dass bei jeder wichtigen Entscheidung ein Teil von dir, der zurückbleiben muss, das Leben fortsetzt, das du hättest führen können. Was manche Leute da ausströmen, kann sehr stark sein, manche erschaffen sich selbst frisch außerhalb ihres eigenen Körpers. […] Dass ich weiterhin eine Predigerin im Norden bleibe, genauso wie ich die Person bin, die wegrannte.]

Am meisten geschmerzt hat die Rückkehrfantasie. Wie oft habe ich die selber in den letzten Jahren durchlebt, geplant, sogar real durchgezogen, nur um erneut alles zu packen und loszurennen. Der verlorene Sohn in der Bibel kehrt zuerst nicht als Sohn zu seinem Vater zurück; er arbeitet für ihn als Schweinehirten, nur um in seiner Nähe zu sein. Die Idee ist, doch noch ein kleines Stückchen Glück von dem großen vergangenen Glück zu erfahren, das so vertraut und so innig erlebt wurde. Und irgendwie letztlich auch diesen großen Durst zu löschen, wenn man schon nicht ganz zurückkann.

Going back after a long time will make you mad, because the people you left behind do not like to think of you changed, will treat you as they always did, accuse you of being indifferent, when you are only different.

[Nach langer Zeit zurückzukehren macht dich verrückt, denn die Menschen die du zurückließt, mögen dich nicht als veränderte Person sehen; sie werden dich so behandeln wie immer, sie werden dir vorwerfen, gleichgültig zu sein, während du einfach bloß anders bist.]

Es geht nichtmal so sehr darum, dass ich nicht zurückkann, zu einer physischen Gemeinde irgendwo in Süddeutschland, in der Menschen beten und arbeiten. Es geht vor allem darum, dass ich nicht zurückkann zu der Version von mir, die ich dort war bevor ich bestimmte Entscheidungen traf. In den drei Jahren in denen ich in der Gemeinde und auch sonst wo mit niemandem über meine Gefühle zu Frauen sprach, erwog ich genau dieses: Die Endlichkeit zu der ich bereit sein musste.

Ich habe einiges über das Sterben gelernt.

Grief
[Die Grafik zeigt die vielen verschiedenen Phasen von Trauer, der bogenartig verläuft und erst ganz unten ankommt und dann wieder ansteigt zu den positiveren Phasen. Das Bild wurde editiert mit blauen Strichen, die wild durcheinander und sehr willkürlich von einer Phase zu einer völlig anderen zeigen, ohne jede Reihenfolge. Das Bild wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von fromonesurvivortoanother]

Linsenbolognese mit die Nudelz

Ich hatte heute sehr spontan Lust zu bloggen und mir fiel ein, dass ich ja mal ein Rezept bringen könnte, das ich gestern zubereitet habe und selber noch nicht für mich aufgeschrieben. Das Essen war so lecker, dass ich es unbedingt noch xmal in meinem Leben haben will.

Meine Beziehung zu Bolognese ist meist diese: „Hmm, in meiner KIndheit hat das besser geschmeckt“. Ich vermute mal, die geheime Zutat ist Nostalgie :D

Aber dieses Rezept das ich gestern recht „Oh cool, das haben wir noch im Schrank, das kommt jetzt in die Soße“ artig hingebacken habe, schmeckte dann auch großartig, obwohl viele elementare Bestandteile der Bolognese fehlten – zB actual Fleisch.

Zutaten für die Soße:
2x Dosentomaten
1 Zehe Knoblauch
1 Zwiebel
1 EL Ahornsirup
100 g rote Linsen
! EL Tomatenmark
1 Lorbeerblatt
Butterschmalz
600 ml Wasser
Handvoll frischen Basilikum

Für die Nudeln nahm ich etwa 300 g glutenfreie Nudeln von Schär (yeah es gibt sie und sie sind machbar und lecker und überhaupt! Ich hab Nudeln so vermisst! Blöde Weizenallergie!)

Uuund ich wollte endlich mal ausprobieren, Pfannenspaghetti zu machen, d.h. richtete mich nach der Idee, alle Zutaten in einer Pfanne miteinander zu kochen. Da ich der Idee nüüücht ganz traute hab ich die Nudeln etwas härter als bissfest vorgekocht.

So. Hier die Anweisungen: Zwiebeln kleinschneiden, in Butterschmalz anbraten, Ahornsirup dazu, ein bisschen verrühren das alles, Linsen abspülen, abtropfen lassen und rein, Tomatenmark dazu, weiter rühren, Lorbeerblatt und Knoblauch dazu und nach 1 Minute etwa 300 ml Wasser aufgießen. Deckel drauf und bei niedriger Temparatur köcheln lassen.

Nudeln in viel Salzwasser vorkochen bis etwa kurz vor bissfest. Dauerte bei mir etwa zehn Minuten (glutenfreie Nudeln scheinen länger als Weizennudeln zu brauchen?).

Bei Bedarf den Rest Wasser in die sehr durstige Linsensoße nachgießen, bis die Linsen weich geworden sind. Dauerte etwa insgesamt zwanzig Minuten bei mir.

Tomaten aus der Dose in die Pfanne geben, Nudeln rein und alles vermischen; nochmal ein paar Minuten miteinander auf niedriger Stufe köcheln lassen. Bei Bedarf abschmecken (ich hab n bisschen Salz reingetan), dann vom Herd nehmen und den Basilikum frisch mit den Händen reinrupfen (danke an @DierYane für den Tipp!).

Ich war auch sehr angetan von der Wirkung des Lorbeerblatts; ich brauch definitiv mehr Lorbeer in meinem Leben! Achja, vergißt nicht, den am Ende rauszufischen!

Und hier dann das Ergebnis :)

Linsenbolognese in der Pfanne

Kleine Beobachtung: Nudeln nicht abzuschrecken hat sie übrigens zumindest nicht in diesem Falle sehr viel weicher werden lassen (nach der bekannten Aussage, sie garen noch nach). Haben noch am nächsten Tag n guten Biss gehabt. Und waren irgendwie leckerer als ich Nudeln so kenne?

Audiostück „An die Welt in meiner Nachbarschaft: Ich fühle dich/ Der Stift“

Weil ich endlich mal lernen will, Podcasts zu machen und auf meinen Blog zu hauen (oder etwa, in gemeinschaftlicher Arbeit, auf die Blogs anderer Menschen), hab ich mich heute durch einen freundlichen Schubser in diese Richtung ermutigt gefühlt, ein Audiostück aufzunehmen, und zwar zu meinem letzten Gedicht.

Gerne Rückmeldung, wie ihr die Aufnahme findet und ob ihr Verbesserungsvorschläge habt! Sie fand in einem relativ großen Zimmer an einer lauten Straße statt, auf meinem Ipad; daher das Rauschen und vielleicht auch der Klang. Aufgenommen und bearbeitet hab ich es auf der Ipad-App Hokusai.

Danke an Hannah* Rosenblatt, Puzzle, Joke und Sofakissen für die Tipps!

An die Welt in meiner Nachbarschaft: Ich fühle dich / Der Stift

Der Stift sagt: Bist du sicher, dass du mich jetzt benutzen willst?

Der Stift sagt: Verdammt

Der Stift sagt: Okay, bevor du anfängst: Ich mag nicht die Art, wie du mich hältst. Du … benutzt mich. Ich will aber mit dir zusammenarbeiten.

Der Stift sagt: Ja. Ja. Autsch.

Der Stift sagt: So ist gut. Spürst du, wie es leichter wird? Wenn ich mitschwinge, dann fließen deine Gedanken wie Musik in diese Tinte.

Der Stift sagt nichts mehr. Er schwingt. Und es ertönt:

Vielleicht habe ich ja keine Angst, nicht
andauernd herzanhaltende Angst.
Vielleicht sind meine Ängste nur: ein Wahrnehmen
der dünner werdenden Wände
all der Paralleluniversen
die an mich drängen
und in denen genau das passiert
was ich in diesem hier so fürchte

Vielleicht gibt es ein Universum,
wo ich morgen sterbe.
vielleicht ein Universum, wo mich morgen wer belügt.
Und all die namenlose Trauer in mir, die
hätte einen Grund. Weil die Wände doch
so dünn geworden sind.

Der Stift sagt: Ist gut jetzt.

Der Stift sagt: [Werbeaufschrift] pizza.de

Hallschlag, bestes Viertel

Ich war heute bei einer Wohnungsbesichtigung. Es war in einer Hochhaussiedlung und als wir so durch die Gegend liefen, kamen nach und nach Erinnerungen aus meiner Kindheit hoch: Stuttgart Hallschlag, überall CSH-Graffitis: die einen lernten dass es Crime Syndicate Hallschlag hieß, die anderen nannten es „Coole Schläger Hallschlag“ – Gruppen von Kindern die spielten, mit Kaugummizigaretten dealten, Mirabellen aßen oder Hagebuttenjuckpulver herstellten, unterirdische Parkplatzschächte die zum Gruseln waren; Eltern die von Balkonen ihre Kinder zum Essen herbeiriefen, enge Zirkel, jeder kannte meinen großen Bruder und meine jungen Onkel.

Und dann fand ich dieses Goldstück hier

Dinge, und: Ich darf jetzt auch Alltägliches hier schreiben.

Ich bin keine gute Alltagsblogger*in. Die meiste Zeit liegt das nicht daran, dass ich banal finde, womit andere ihre Blogs füllen (Strickzeug, Besuchen, Rezepten, was sie gelesen haben etc), sondern dass ich einen hohen Druck empfinde, so politisch zu schreiben wie möglich. Ich bin doch eine queere Person of Color! Mein Blog muss vibrieren mit Wut über die Ungerechtigkeit die tagtäglich gegen Menschen wie mich stattfindet! – sagt niemand im Generellen, aber mein Kopf mir im Besonderen. Ich beneide alle Leute, die ihre Blogs mit allem möglichen füllen, ich mag die Stetigkeit, mit der sie das tun, mit der sie Grenzen von „privat“ und „politisch“ missachten.

Ich bin auch keine gute Polit-Blogger*in. Bei mir selber beobachte ich, dass ich mich fern von tagesaktuellem Politgeschehen halte innerhalb meines Blogs, meist weil ich die noch gar nicht verarbeitet habe und mir jede Aussage dazu zT generisch erscheint. Kurz: Es langweilt mich. Irgendwas Sexistisches passiert, irgendwer schreibt: Das ist sexistisch, es gibt sexistische Kommentare, usw. Mich interessieren mehr: Beziehungen, Beziehungsformen, Szenekonflikte, die Auseinandersetzung miteinander über Basics hinaus: Wie leben wir Queerness, wie leben wir nichtbinäre Trans*identitäten sein über Sprachpolitiken hinaus; was bedeutet die Schnittmenge unserer Identitäten und Erfahrungen struktureller Gewalt in unseren persönlichen Beziehungen und in der Auseinandersetzung mit (Teil-)Öffentlichkeiten?
Das spiegelt sich ein bisschen auch in meinen letzten Posts hier wider.

Aber ich hab auch soviel Sehnsucht nach einer Normalität. Ich hab Sehnsucht danach von Leuten wie mir zu lesen, wie sie ihren Alltag bewältigen, und ich denke, ich fange damit an, solche Menschen zu finden, indem ich auch selber darüber schreibe.

Alltag, das sind für mich v.a. die Dinge die mich umgeben, die eine Geschichte haben; die Rezepte die mich glücklich machen; das Buch im Schrank, das mich nicht nur an seinen Inhalt erinnert, sondern auch daran, wer ich war, als ich es zuerst in die Hand nahm; das Bett in dem ich liege, zärtlich bin und eine Beziehung aufbaue, meine hohen Schuhe, mein MakeUp, mein Binder …

Über solche Dinge will ich auch schreiben hier. Und noch mehr: Über Essen! Über Wohnungssuche. Übers Prokrastinieren. Und Dinge die ich prokrastiniere (Was machst du denn mit deinem Leben, Baum?)

Ja, es ist seltsam: Ich schreibe gerade quasi eine Ankündigung dafür, alltäglicher schreiben zu wollen, um v.a. mir selber zu sagen: Ich erlaube es mir. Aber anders geht es manchmal nicht.